Eine Million Jahre, das ist für Philipe Havlik ein Fingerschnipsen: Der Chef der Grube Messel und Herr der Urpferdchen denkt und arbeitet in größeren Zeiträumen. Etwa 48 Millionen Jahre sind es zum Beispiel im Fall des UNESCO-Welterbes in der Nähe von Darmstadt. So lange ist es her, dass eine Reihe von Dampfexplosionen im dortigen Vulkanherd einen gut 700 Meter tiefen Krater in die Landschaft sprengte. Nach dem Erlöschen des Vulkans füllte sich der Trichter mit Wasser und wurde zu einem – gemessen an seiner Größe – sehr tiefen See. An dessen Grund bildete sich Faulschlamm, in dem Pflanzen und Tiere als Fossilien bestens konserviert wurden – und die Grube Messel für Paläontologen wie Havlik interessant machte.
Gerade wird wieder gegraben, diesmal ist es das Team von Senckenberg, das sich durch den Ölschiefer arbeitet; die zweite Mannschaft, die in der Grube forscht, stammt vom Landesmuseum in Darmstadt. Die Auswahl möglicher Funde ist reichlich: Bisher sind in der Grube mehr als 1400 Arten entdeckt worden, von Pollen bis zu Urpferdchen und Krokodilen. „Wir können die Biologie früherer Zeiten hier extrem gut nachvollziehen“, erklärt Havlik. Dabei ist es gar nicht so einfach, die Funde aus dem Gestein heraus zu präparieren. Denn der Ölschiefer, der kein Schiefer, sondern für Geologen sogenanntes Schwarzpelit ist, trocknet an der Luft schnell aus. Dann droht das extrem feine Sediment zu zerbröseln. Also konservieren die Paläontologen ihre Funde, indem sie sie erst so weit wie möglich freilegen, dann eine Seite nach der anderen in Kunstharz gießen. Eine zweite Methode, um zum Beispiel Fossilien von Insekten zu erhalten, ist die Aufbewahrung in Glycerin.

Die weitaus bekanntesten Funde sind die Urpferde Propalaeotherium und Eurohippus, mehr als 70 Exemplare sind bisher geborgen worden. „Langweilige Viecher“, sagt Havlik mit einiger Ironie. Denn die Vielfalt der Fossilien ist überwältigend: Erhalten haben sich zum Beispiel bunt schillernde Prachtkäfer, Libellen, Süßwassergarnelen, Schlangen, Schildkröten, fliegende Ameisen mit einer Spannweite von 15 Zentimetern, Urzeit-Nager wie die „Messelmäuse“ und Vögel wie der „Messel-Hopf“. Nur bei Fischen ist die Auswahl nicht so groß, wie man es für einen See erwarten würde: Am häufigsten sind sogenannte Strahlenflosser wie der Schlammfisch.
Das Interesse der Menschen weckte die Grube Messel zunächst nicht wegen der Biodiversität des Eozäns, sondern wegen des Schwarzpelits, einer Vorstufe von Erdöl. Auf den stießen die Bergleute, nachdem sie zunächst von der Mitte des 19. Jahrhunderts an Raseneisenerz abgebaut hatten. Von 1880 an begann die Förderung des Ölschiefers, der unmittelbar an der Grube zu Erdölprodukten verschwelt wurde. Der Tagebau habe für Messel angenehme Nebenwirkungen gehabt, erzählt Havlik: Das kleine Dorf wurde elektrifiziert, schon bevor das große Darmstadt ein Stromnetz bekam. Das erste Fossil, ein Alligatorenskelett, wurde 1876 entdeckt, die Rechte für die Funde gingen später an das Landesmuseum Darmstadt.
Kampf gegen eine Mülldeponie

Im 20. Jahrhundert ging das Unternehmen an den Stinnes-Konzern, der dann in der IG Farben aufging, und wurde zum kriegswichtigen Betrieb, der die Wehrmacht während des Weltkriegs mit Treibstoff versorgte. Mehr als 300 Frauen, Männer und Kinder aus Frankreich, Polen und Russland mussten in der Grube Zwangsarbeit verrichten. An ihr Schicksal erinnert in Messel unter anderem ein Mahnmal. Nach dem Krieg entstand das Paraffin- und Mineralölwerk Messel, das bald vom schwedischen Ytong-Konzern übernommen wurde. Aus den Schwelabfällen des Werks stellte er in Messel Gasbetonsteine her. Doch in den Sechzigerjahren wurde der Abbau des Ölschiefers unrentabel, neue Pläne wurden für die Grube geschmiedet.
Müll sollte das neue Grubengold für Messel werden. 1974 wurde der spätere Zweckverband Abfallbeseitigung Südhessen zum Betrieb einer zentralen Deponie für die Region gegründet. Großen Widerstand gab es erst einmal nicht, zumal damals die Bedeutung als Fossilienfundstätte als gering eingeschätzt wurde. Das änderte sich erst 1971 durch die spektakulären Funde von Privatsammlern. Nach und nach wurde der Wert der Grube für die Wissenschaft deutlich. Das Forschungsinstitut Senckenberg begann mit Grabungen und legte Widerspruch gegen die Planfeststellung ein. Dennoch begannen die Bauarbeiten. Auch eine Bürgerinitiative stemmte sich gegen die Deponie, laut Havlik ging damals ein Riss durch den Ort – der sei bis heute zu spüren.

Unter der ersten rot-grünen Landesregierung Hessens wurde die Planfeststellung ausgesetzt. Dann blockierte eine Mehrheit der beiden Parteien in der Verbandsversammlung des ZAW den Fortgang, indem sie kein Geld mehr für das Vorhaben bereitstellten. Erfolg hatte schließlich eine Klage der Bürgerinitiative gegen die Planfeststellung, die Verwaltungsrichter gaben den Klägern wegen Formfehlern recht. 1988 waren die Pläne für die Deponie Geschichte, 1990 wurde die Grube zum Weltkulturerbe.
Havliks heutiger Arbeitsplatz, das Besucherzentrum mit Museum, wurde 2010 eröffnet. Hinter der Trägergesellschaft stehen das Land Hessen als Haupteigentümer, die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und die Gemeinde Messel. 2023 wurde Havlik Geschäftsführer. Er setzt, unterstützt von den Gesellschaftern, auf Ausbau. „Mehr als nur Paläontologie“ soll in und an der Grube Messel gezeigt werden, auch die Geschichte von Bergbau und Industrie, das Schicksal der Zwangsarbeiter und der Kampf der Bürgerinitiative gegen die Deponie sollen in den Blick gerückt werden.
So ist im vergangenen Jahr als erster Teil einer neuen Schriftenreihe ein Bildband von Franz-Jürgen Harms, ehemaliger Leiter der Senckenberg Forschungsstation, erschienen. Er zeigt Fotografien, die Kurt Röhrig in der Nachkriegszeit aufgenommen hat, die die Arbeit im Paraffin- und Mineralölwerk dokumentieren. Das Konzept geht auf: In den vergangenen Jahren hat sich die Besucherzahl auf 50.000 etwa verdoppelt. Vielleicht erreicht er sein Fernziel: Geht es nach Havlik, dann wird irgendwann „jeder hessische Schüler einmal die Grube Messel besucht haben“.
Philipe Havlik: Fossilien als Leidenschaft
„Traumhaft“, so findet Philipe Havlik seine Arbeit in der Grube Messel. Seit 2023 ist er dort Geschäftsführer und Chef von 25 Mitarbeitern, damals wechselte er vom Senckenberg-Museum nach Messel, das „wie kein anderer Ort weltweit für die Entwicklung der Wirbeltiere steht“. In Tübingen und München studierte Havlik Geologie und Paläontologie, nach dem Abschluss folgten vor dem Wechsel nach Frankfurt Stationen in Tübingen als Geologe am Landesamt, dann von 2009 an in der paläontologischen Sammlung der Universität. Havlik lebt mit seiner Frau, auch sie ist Paläontologin, in Groß-Umstadt. Offenbar haben die beiden ihre Leidenschaft weitervererbt: Gerade hat der zwei Jahre alte Sohn im Frankreich-Urlaub seine erste Versteinerung gefunden: einen Haifischzahn.
