Als 1924, zu den Olympischen Spielen in Paris, erstmals eine südamerikanische Mannschaft über den Atlantik kam, verbreiteten sich schwärmerische Berichte über eine vorher nie gesehene Art von Fußball in ganz Europa. Colette, die „Grande Dame“ der französischen Literatur, besuchte die Tanz- und Grillparty, bei der die Uruguayer einen ihrer Siege auf dem Weg zum Gold feierten, und beschrieb sie fasziniert als „eigenartige Mischung aus Zivilisation und Barbarei“.
Es klingt wie das, was noch ein Jahrhundert später die Magie des südamerikanischen Fußballs ausmacht. „Wenn sie den Tango tanzen, sind sie wundervoll, sublim, besser als der beste Gigolo“, so die Colette: „Aber sie tanzen auch afrikanische Kannibalentänze, die einen frösteln machen.“
Sechs Stationen bis zum Tor
„Kannibalentanz“ und Tango, das taugt auch als Beschreibung der Art und Weise, wie die Argentinier England im Halbfinale 2026 niedergemacht haben. Sie hatten etwas von einer filmreifen Räuberbande, deren Ruppigkeit zunächst etwas abstoßend wirkt. Der man aber irgendwann, wegen der Entschlossenheit und Präzision, mit der sie ihren Beutezug ausführt, ein Happy End zu gönnen beginnt.
Nun steht Argentinien gegen Spanien wieder im WM-Finale. Kann es an das gegen Frankreich 2022 heranreichen? Vielen gilt es als bestes der Geschichte. Nicht zuletzt wegen eines Tores, das an das legendäre 4:1 der Brasilianer im Finale 1970 gegen Italien erinnert. Über acht Stationen wanderte der Ball damals vom eigenen Strafraum in dreißig Sekunden zum Torschützen Carlos Alberto. 2022 gelingt den Argentiniern ein ähnlicher Angriff über sechs Stationen in nur zwölf Sekunden, bis Ángel Di María das 2:0 erzielt.
An der University of Florida hat man die beiden Treffer für eine Untersuchung zur Veränderung der Physiologie von Fußballern verglichen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Italien, erschöpft vom „Jahrhundertspiel“ gegen Deutschland, sich damals, kurz vor Schluss, bereits aufgegeben hatte, dass Hitze und Höhenluft in Mexiko das Spiel verlangsamten, klingt die These des Forschers Orlando Laitano plausibel, dass „dieses Tor heute so nicht mehr fallen würde“. Denn heutige Fußballer seien „biologisch anders“ als damals.
Spieler sind heute größer und leichter
Sie mussten vor allem schneller und ausdauernder werden, weil das Spiel ein Kampf um jeden Meter geworden ist. Und sind, wie die Universität Wolverhampton mit englischen Erstliga-Daten aus fünfzig Jahren ermittelte, heute messbar größer und schlanker.
Zwischen 1973 und 2013 legten sie im Schnitt vier Zentimeter an Länge zu. Seitdem „wachsen“ nur noch Torhüter und Verteidiger. Auch die Körperform hat sich verändert: schmaler, leichter, langgliedriger. Kräftige Oberschenkel, so die Forscher, waren wegen der tiefen Böden im Winter und schweren Lederbälle notwendig. Sie seien aber heute, da es bei besseren Böden und Bällen eher auf Tempo als Kraft ankommt, ein Nachteil.
Der Trend zum aggressiven Pressing hat die Anforderungen weiter verschärft. Und so haben die Argentinier bei ihrem Traumtor 2022, anders als die Brasilianer 1970, die ein bisschen dribbeln oder trödeln konnten, hat jeder Einzelne von ihnen, Molina, Mac Allister, Messi, Álvarez, wieder Mac Allister, schließlich Di María, den Ball so schnell wie möglich wieder loswerden müssen. Jeder mit dem ersten Kontakt, mit Ausnahme Messis, der mit Innenseite links, Außenseite links den entscheidenden Geistesblitz für den Tempovorstoß zum Tor lieferte. Kurz gesagt: Sie sind die neuen Brasilianer. Nur schlanker und schneller.
