
Rafa kriecht auf dem Waldboden im mexikanischen Dschungel herum, seine Brille hat er bei einem Überfall verloren. Mit seinen zwölf Dioptrien nimmt er nur noch farbige Flecken wahr, sein Orientierungsvermögen ist hin. Keine guten Voraussetzungen, um nach einem Überfall und dem Abkommen von der Straße heil durch die zweite Nacht im Urwald zu kommen.
Zum zweiten Mal bittet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vor der Frankfurter CSD-Demonstration am 18. Juli zum literarischen Apéro. Der Schriftsteller Armin Wühle liest dazu aus seinem Roman „Mala Visión“, der im Frühjahr bei Albino erschienen ist.
Der 1991 geborene Autor, der in Hildesheim kreatives Schreiben studiert hat, beschreibt, wie das plötzliche Ghosting durch seinen Freund Hannes Rafa fast verrückt macht. Als es ein Lebenszeichen von Hannes aus Mexiko gibt, folgt er ihm und gerät in der Fremde in lebensbedrohliche Schwierigkeiten. Normaler deutscher Alltag und Tod sind manchmal nur ein paar Ereignisse voneinander entfernt.
„Buntstift“-Stipendium der hessischen Landesregierung
Die Sichtbarkeit, mit der Rafa zwischen Verlassenwerden und Dschungeldunkel zu kämpfen hat, hat rund um den CSD eine immense übertragbare Bedeutung. „Wenn wir als queere Menschen sichtbar sein wollen, heißt das ja auch, dass wir verstanden werden wollen“, sagt Wühle.
Und um zu verstehen, wer man ist, liest man Bücher. Timon Gremmels (SPD), hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, hat deshalb vor einem Jahr im Haus des Buches die Gründung eines Preises für queere Kinder- und Jugendliteratur angekündigt. Nun meldet er am selben Ort Vollzug.
Vor Kurzem ist das „Buntstift“-Stipendium ausgelobt worden, das Autoren und Illustratoren zum Erzählen von Geschichten für Kinder und Jugendliche ermutigen soll, in denen queeres Leben einen selbstverständlichen Platz hat. Stipendiaten nehmen an einem Kinderbuchfestival in Schweden teil und verbringen anschließend einen Schreibaufenthalt von drei Wochen im „Writer’s Cottage“ im südschwedischen Björköby. Bewerben kann man sich unter wissenschaft.hessen.de bis 2. August.
Vor einem Jahr hatte die Ankündigung der Auszeichnung Gremmels eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion im Wiesbadener Landtag eingetragen. „Davon darf man sich nicht irremachen lassen“, entgegnet er nun. Bücher böten Vorbilder: „Es braucht solche Role Models, das hat nichts mit Frühsexualisierung zu tun.“
Er habe als schwuler Mann lange Politikfeld um Politikfeld beackert: „Irgendwann merkte ich, es geht so nicht. Wir leben in einer Zeit, in der man sich auch bekennen muss.“ Es gebe in Frankfurt und anderswo mehr Angriffe auf queere Menschen: „Wir leben in Krisenzeiten. Es wird vermehrt nach Sündenböcken gesucht. Man muss Flagge zeigen, gerade jetzt.“ Zu Boden geschlagen werden kann man zwar immer noch. Aber man ist wenigstens sichtbar.
