Donald Trump macht in jüngster Zeit Quantencomputer zunehmend zur Priorität. Im Juni gab der amerikanische Präsident zwei Dekrete heraus, die darauf abzielen, sein Land auf diesem Gebiet voranzubringen. Bis 2028 soll der erste Quantencomputer für wissenschaftliche Forschung entwickelt sein. Auch sollen die Anstrengungen verstärkt werden, die Computersysteme der Regierung vor Cyberattacken mit Quantencomputern zu schützen.
Wenige Wochen zuvor hatte die Regierung angekündigt, rund zwei Milliarden Dollar in mehrere Unternehmen zu investieren, die sich mit Quantentechnologie beschäftigen. Darunter sind Konzerne wie IBM und Globalfoundries, aber auch eine Reihe von Start-ups. Die Investitionen fügen sich in eine Reihe anderer Staatsbeteiligungen unter Trump ein, etwa an Rohstoffunternehmen oder am Halbleiterhersteller Intel.
Die US-Regierung ist nicht in jedem Unternehmen als Aktionärin willkommen. Google zum Beispiel verzichtete darauf, sich dem staatlichen Quantenprogramm anzuschließen. Eine Vertreterin des Internetkonzerns verwies auf einer Konferenz der Onlinepublikation Semafor zur Begründung auf „verschiedene Konditionen“, die mit der staatlichen Investition verbunden gewesen wären. Sie deutete an, Google habe darin ein Hindernis für sein Ziel gesehen, möglichst schnell Quantencomputer zu entwickeln.
Auch Quera Computing, eines der bekanntesten amerikanischen Start-ups in der Quantentechnologie, lehnte eine Staatsbeteiligung ab. Die US-Regierung habe das in Boston beheimatete Unternehmen in die Initiative einbinden wollen, heißt es in der Branche. Aber Quera habe dagegen entschieden.
Andy Ory, der Vorstandsvorsitzende von Quera, wollte sich gegenüber der F.A.Z. nicht zu den Gründen äußern. Er verweist aber darauf, dass sein Unternehmen auf andere Weise mit staatlichen Institutionen zusammenarbeite. Grundsätzlich begrüße er das Engagement der Regierung, sagte Ory: „Es zeigt, dass Quantencomputer als etwas Echtes und Wertvolles gesehen werden.“
„Wir stellen aggressiv Leute ein“
Quera wurde 2018 von Wissenschaftlern der Harvard University und des Massachusetts Institute of Technology mit dem Ziel gegründet, jahrzehntelange Forschung in der Quantentechnologie an diesen Hochschulen von der Theorie in die Praxis zu übersetzen. Ory will Quera zum ersten Unternehmen machen, das „wirklich nützliche Quantencomputer“ entwickelt.
Quera hat prominente Investoren, darunter die amerikanischen Techkonzerne Google und Nvidia sowie die japanische Softbank-Gruppe. Sie alle beteiligten sich im vergangenen Jahr an einer Finanzierungsrunde, die 230 Millionen Dollar einbrachte. Nach Orys Angaben hat Quera heute 200 Beschäftigte, rund dreimal so viele wie vor zwei Jahren. „Wir stellen aggressiv Leute ein.“ Dabei ist der akademische Hintergrund von enormer Bedeutung. „Fast die Hälfte unserer Leute hat einen Doktortitel.“
Der Libra-Computer als Meilenstein
Quera nimmt in Anspruch, einen Meilenstein für die ganze Branche gesetzt zu haben. Vor wenigen Wochen stellte das Unternehmen einen fehlertoleranten Quantencomputer vor. Libra soll zuverlässigere Berechnungen ausführen können als heutige Quantensysteme. „Das ist wie das erste Flugzeug, das die Schallmauer durchbricht“, sagt Quera-Vertriebschef Yuval Boger. Bislang gebe es noch keine fehlertoleranten Quantencomputer, deshalb stelle Libra einen „riesigen Moment“ dar. Libra soll von 2028 an über Amazon Web Services verfügbar gemacht werden, die auf Cloud-Computing spezialisierte Sparte des Onlinehändlers Amazon, die seit mehreren Jahren ein Partner von Quera ist.
Vorstandschef Ory beschreibt Libra als ersten Quantencomputer, der mehr sei als ein „sehr kompliziertes wissenschaftliches Instrument“ oder ein „Spielzeug“. Er werde „sehr wertvolle Anwendungen“ ermöglichen, zum Beispiel Simulationen auf Gebieten wie Materialwissenschaften oder der Entwicklung von Arzneimitteln. Für solche Aufgaben seien klassische Computer heute noch schneller, besser und billiger als bisher verfügbare Quantensysteme. Ory sagt auch, dass es heute noch nicht mit Sicherheit zu sagen sei, für welche Anwendungen Quantencomputer sich am besten eigneten. In gewisser Weise sei die Technologie „eine Lösung auf der Suche nach einem Problem“.
Experimentelle Technologie
Quantencomputer gelten als zukunftsträchtiges Gebiet, sind heute aber noch eine sehr experimentelle Technologie. Als eine der größten Herausforderungen gilt ihre Fehleranfälligkeit. Dies hat vor allem damit zu tun, dass die Quantenbits oder Qubits, die grundlegende Recheneinheit von Quantencomputern, sehr instabil sind und extrem empfindlich auf Störungen in der Umgebung reagieren. Qubits können im Gegensatz zu Bits in herkömmlichen Computern nicht nur die Zustände „null“ oder „eins“ annehmen, sondern beide Zustände gleichzeitig gewissermaßen überlagern. Unternehmen wie Google oder Microsoft, die an Quantensystemen arbeiten, haben in den vergangenen Jahren größere Erfolge auf dem Gebiet reklamiert, etwa die Entwicklung von Quantenchips, die Aufgaben in einem Bruchteil der von herkömmlichen Chips benötigten Zeit erledigen und die Fehleranfälligkeit reduzieren. Ory sagt, Libra stelle einen viel größeren Durchbruch dar.

In der Entwicklung von Quantencomputern gibt es verschiedene Ansätze. Die Strategie von Quera zielt darauf ab, neutrale Atome als Qubits zu verwenden. Das sind Atome, die gleich viele positiv geladene Protonen und negativ geladene Elektronen haben, ihre elektrische Gesamtladung ist somit null. Quera sagt, diese Lösung lasse sich besonders gut skalieren, weil es keine starke Wechselwirkung zwischen neutralen Atomen gebe. Auch andere amerikanische Start-ups setzen auf neutrale Atome, etwa Infleqtion oder Atom Computing. Beide nehmen im Gegensatz zu Quera an der Quanteninitiative der US-Regierung teil. Auch Planqc aus Deutschland und Pascal aus Frankreich verfolgen diesen Ansatz. Google hat in seinem Quantenprogramm bislang mit einer anderen Methode gearbeitet, kündigte aber vor Kurzem an, sein Spektrum um neutrale Atome zu erweitern.
Es gibt in der Branche unterschiedliche Einschätzungen, wie weit Quantencomputer vom kommerziellen Einsatz entfernt sind. Nvidia-Vorstandschef Jensen Huang sorgte Anfang 2025 in der Branche für erhebliches Aufsehen, als er sagte, er rechne damit erst in etwa zwanzig Jahren. Er hat dies mittlerweile ein Stück weit zurückgenommen, und in der Zwischenzeit hat Nvidia auch in Quera investiert. Ory sagt, seit Huangs Aussage habe es in der Branche einen gewaltigen Entwicklungssprung gegeben. Aus heutiger Sicht sei es wahrscheinlich, dass praktisch nutzbare Quantencomputer in wenigen Jahren Realität würden.
Quera erzielt Umsätze in überschaubarer Höhe. Vor zwei Jahren bekam das Unternehmen zum Beispiel einen mit 41 Millionen Dollar dotierten Auftrag des japanischen Forschungsinstituts AIST. Im gegenwärtigen Stadium wolle er es noch nicht mit der Kommerzialisierung übertreiben, sagt Ory. Der Schwerpunkt liege in der Produktentwicklung. Auch ein Börsengang stehe derzeit nicht auf der Tagesordnung. Das könnte sich ändern, wenn das Unternehmen sich der Markteinführung des Libra-Computers nähere.
Sosehr Quera diesen Quantencomputer als wichtigen Meilenstein darstellt: Vertriebsvorstand Boger sieht auch danach noch reichlich Potential zur Weiterentwicklung. „Das ist, als ob man das erste Elektroauto mit einer Reichweite von 100 Kilometern herausbringt. Das ist schon sehr nützlich. Aber es wird noch viel bessere Autos geben“, sagt Boger.
