
Ein 60 Jahre alter Mann ersticht seine 58 Jahre alte Frau auf offener Straße. Viel mehr war nicht bekannt, als in den sozialen Medien schon die Gerüchte und die politischen Vereinnahmungsversuche der Tat ins Kraut schossen.
Ist Kelkheims Stadtmitte noch sicher? Kann man sich abends noch hinaustrauen? Welcher Nationalität ist der Täter? Inzwischen weiß man mehr, und vor allem weiß man, dass es sich um einen klassischen Femizid handelt, wie er in Deutschland nahezu täglich geschieht, nämlich ein Mord an einer Frau im sogenannten sozialen Nahraum. In diesem Fall verursacht der Femizid vor allem deshalb viel Aufmerksamkeit, weil er nicht in den eigenen vier Wänden geschah, sondern unter Zeugen.
Damit ist die Diskussion, die nun folgen sollte, eine andere. Vor allem ist es eine, die sich um Opferschutz drehen sollte. Die Kelkheimerin kroatischer Abstammung lebte jahrzehntelang in der Stadt, war seit 1991 mit ihrem ebenfalls kroatischen Mann verheiratet und kannte ihn entsprechend gut. Die Kinder des Paares wuchsen in der Stadt auf, die Frau hatte verschiedene Arbeitsstellen unter anderem im Einzelhandel. Weil das Paar bekannt war, war auch vielen aufgefallen, dass der Mann die Frau schon öfter bedroht hatte. Sie wollte sich im vergangenen Jahr scheiden lassen, der Mann drohte, sie in diesem Fall zu ermorden.
Das Opfer war deshalb auch bei der Polizei. Doch die unterbreiteten Hilfsangebote habe sie abgelehnt, heißt es von der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Der Beschuldigte werde ihr schon nichts antun, da er sie noch liebe. Und das ist das Problem im sozialen Nahraum: Wann wird aus Liebe ein derart wahnhafter Zustand, dass er in Gewalt umschlagen kann? Aus „übersteigertem Besitzdenken und Eifersucht“ habe er sie getötet, so wieder die Staatsanwaltschaft.
Nach 35 Jahren Ehe ist es schwer, sich vorzustellen, dass der eigene Lebenspartner zum Gewalttäter wird. Hier braucht es den Blick von außen. Oder, wie es Kelkheims Bürgermeister Albrecht Kündiger formuliert: „Wir sollten darüber nachdenken, wie wir alle besser aufeinander aufpassen können und Signale erkennen, wenn Hilfe gesucht wird.“ Daher werde man auch zusammen mit dem Präventionsrat überlegen, wie Hilfsangebote besser kommuniziert werden könnten. Im Main-Taunus-Kreis gebe es ein Frauenhaus, das vom Verein „Frauen helfen Frauen“ getragen werde und das die Stadt unterstütze, hob er hervor. „Wenn eine Botschaft herausgehen sollte, dann die, wie notwendig solche Organisationen sind“, so Kündiger. Es ist mühsam, solche Strukturen zu stärken, und es kostet Geld. Den Frauen hilft es aber mehr als der Reflex, Gewalttaten politisch zu instrumentalisieren.
Hilfetelefon: Gewalt gegen Frauen
Das Hilfetelefon ist ein bundesweites und anonymes Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder sich bedroht fühlen. Unterstützung finden Betroffene unter der Telefonnummer 116 016 oder über die Onlineberatungsstelle unter onlineberatung.hilfetelefon.de.
