Der geschichtswissenschaftlichen Dissertation, mit der Wolfgang Behringer 1985 an der Universität seiner Heimatstadt München promoviert wurde, widerfuhr die seltene Ehre einer Übertragung ins Englische. Diese Übersetzung von „Hexenverfolgung in Bayern – Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der frühen Neuzeit“ erschien 1997, zehn Jahre nach dem Original, bei Cambridge University Press, einem der angesehensten akademischen Verlage der Welt. In ziemlich kurzer Zeit waren die Hexenprozesse von einem antiquarischen Kuriosum, das vor allem antiklerikale Eiferer mit Stoff versorgte, zum zentralen Thema einer Geschichtswissenschaft geworden, die sich für Politik, Religion, Wissenschaft, Recht und deren Verbindungen interessiert oder in der Summe dieser universalistischen Spezialisierung für das Menschliche. Die dafür zuständige Fachwissenschaft, die Anthropologie, hatte den Hexenglauben und die verschiedenen Formen von intellektuellem und institutionellem Gegenzauber schon viel früher entdeckt.
Dass Behringers Spezialuntersuchung zum Klassiker eines Forschungsfeldes in dessen Boomphase werden konnte, ist mit dem hochentwickelten Methodenbewusstsein des Autors zu erklären. Er gab genau an, was er jeweils beweisen wollte und beweisen zu können meinte. Überzeugend fiel daher auch die Prüfung des Nutzens der anthropologischen Theorien für geschichtswissenschaftliche Zwecke aus. Ein Eklektizismus, wie er gute Geschichtswissenschaft fast immer kennzeichnet, machte seine Herangehensweise aus, eine Unbefangenheit, die sich freilich zu disziplinieren wusste. Behringer lieferte mit seinen Argumenten eine sichere statistische Grundlage: Er hatte sämtliche Hexenprozesse in seinem mit dem heutigen Freistaat deckungsgleichen Untersuchungsgebiet erfasst.
Unter Beamten gab es „Zelanten“ und „Politiker“
Der Ertrag war an vielen Stellen negativ, nämlich kritisch gegenüber zu einfachen und zu allgemeinen Erklärungen, die sich typischerweise dort als fragwürdig erwiesen, wo sie kulturkritische Botschaften transportierten. Nach Behringer kann man zum Beispiel nicht mehr gut sagen, die justizielle Hexenverfolgung sei ein Probelauf der modernen Bürokratie gewesen, die ihre Instrumente habe testen wollen. Sein eigener originellster Erklärungsansatz betrifft die Entscheidungsfindung der Behörden des Kurfürstentums Bayern, das deutlich weniger Hexen den Prozess machte als die unter geistlicher Regierung stehenden Fürstbistümer. Behringer machte einen Konflikt zwischen „Zelanten“ und moderaten „Politikern“ aus, wobei der Witz dieser habitussoziologischen Betrachtung ist, dass auch die „Politiker“ die ideologische Grundlage der Verfolgung nicht bezweifelten, die Existenz von Hexen gemäß dem damaligen kodifizierten Strafrecht.

1999 wurde Behringer Professor in York, 2003 übernahm er den Lehrstuhl seines Doktorvaters Richard van Dülmen an der Universität des Saarlandes. Dem Hexenthema widmete er mehrere Gesamtdarstellungen, sehr kurze wie längere, in universalhistorischer Ausweitung, obwohl er auch Zeit für andere große Themenfelder fand, vom Postwesen bis zum Sport. Unter der Überschrift „Die Vernunft der Magie“ hatte Behringer in der F.A.Z. vom 19. August 1987 über den damaligen Hexenforschungsstand berichtet. Über viele Jahre war er ein regelmäßiger Mitarbeiter des Ressorts Neue Sachbücher.
Ronald Hutton würdigte „Witches and Witch-Hunts. A Global History“ von 2004 in der „English Historical Review“ als die beste Untersuchung der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung und wahrscheinlich auch beste Überblicksdarstellung des Hexenglaubens überhaupt. Wichtige Ergebnisse waren wiederum negativer Natur: Behringer gelang laut Hutton der Nachweis, dass im Mittelalter Schadenzauber mit der Vorstellung des Teufelspaktes verbunden war und bestraft wurde – wodurch die Vorstellung, dieser Nexus sei erst durch frühmoderne Rationalisierung hergestellt worden, obsolet wird. Hutton resümierte: „Behringer hat unsere bisherige Geschichte der mittelalterlichen Hexerei erfolgreich zerstört; wir müssen jetzt dringend wissen, ob wir eine neue bekommen können.“
Eine Wiederkehr apokalyptischer Motive
Sehr früh beteiligt war Behringer wiederum an der Formierung eines noch viel größeren Forschungsfeldes, der Klimageschichte. Seine 2007 bei Beck erschienene, mehrfach wiederaufgelegte „Kulturgeschichte des Klimas – Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung“ knüpft zweifach an seine Hexenforschungen an. Erstens führte Behringer schon in der Doktorarbeit dörflichen Verfolgungsdruck auf schlechte Ernten und das in der sogenannten „Kleinen Eiszeit“ verschlechterte Wetter zurück. Und zweitens machte er in den heutigen Warnungen der Klimawissenschaftler vor dem Klimawandel eine Wiederkehr apokalyptischer Motive aus, die in seinen Frühneuzeitlerohren nichts Gutes verhießen: nicht das Ende der Welt, aber eine Krise der Vernunft.

Der Schweizer Historiker Christian Pfister, der mit Behringer und Hartmut Lehmann 2005 einen Göttinger Tagungsband über „Kulturelle Folgen der ‚Kleinen Eiszeit‘ herausgegeben hatte, rezensierte das Buch gleich in drei Fachzeitschriften und kritisierte Behringers „duales Erzählkonzept“, wonach sich in der Menschheitsgeschichte Wärme- und Kältephasen abgewechselt hätten, die Erwärmung seit „Europas glücklicher Bronzezeit“ aber immer die Kultur begünstigt habe, so dass in der gegenwärtigen Aufwärmphase „Gelassenheit“ angezeigt sei. Robert Muchembled merkte in seiner Rezension von „Witches and Witch-Craft“ an, dass die im deutschen Fall bewährte Hypothese vom Zusammenhang zwischen Temperatureinbrüchen und Hexenverfolgungswellen vom französischen Befund nicht bestätigt werde.
Kritisch kommentierte Franz Mauelshagen, ein Schüler von Behringers Mentor Bernd Roeck, in der „Neuen Zürcher Zeitung“ das Fazit seiner Weltkulturgeschichte des Klimas: „Wenn es wärmer wird – wir werden uns darauf einstellen.“ Stütze Behringers Darstellung der Gattungsgeschichte tatsächlich diese optimistische Extrapolation? „Waren da nicht auch die Neandertaler und die Grönland-Wikinger, denen es nicht gelungen ist, sich den Zeiten gemäß zu wandeln?“ Mit größerem Wohlwollen urteilte kein Geringerer als Jürgen Osterhammel in der „Süddeutschen Zeitung“: Der „coole Universalhistoriker“ habe „recht mit seiner Warnung vor kollektiver Hysterie und vor historisch haltlosen Vorstellungen von klimatischer Normalität“.
Für künftige Untersuchungen der Klimadebatte nach der Methodik von Behringers Doktorarbeit wird sein Anti-Zelantentum ein spezielles Studienobjekt bieten. Vor vierzehn Jahren schrieb er in einer Zeitung: „Solange es auf der Erde wärmer wird, ist das eher eine gute Nachricht.“ In München wird für den heutigen Freitag, Wolfgang Behringers siebzigsten Geburtstag, eine Höchsttemperatur von 27 Grad vorhergesagt. Wir gratulieren.
