Armin Laschet hat noch nicht lange Platz genommen, da fliegt schon der erste Witz heran. «Wir haben heute einen Star-Gast dabei, den Sie sicherlich alle kennen», sagt der Bestseller-Autor David Safier. «Herzlich willkommen: Boris Pistorius!» Großes Gelächter im Saal.
Seit einiger Zeit schon wird hier und dort darüber gescherzt, dass Laschet – einst Kanzlerkandidat – und der amtierende Verteidigungsminister Pistorius ähnlich aussehen. Figur, Frisur, Brille – man kann es auch kaum leugnen. Dass Laschet, immerhin ja Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, den Abend aber gleich mit dieser Pointe eröffnet bekommt, zeigt: Es ist eine besondere Veranstaltung.
«Miss Merkel» hat es vorgemacht
Safier gehört zu den populärsten Autoren der vergangenen Jahre und hat eine literarische Nische geschaffen, an die vor ihm vermutlich niemand gedacht hatte: Krimikomödien mit Politikern als Hauptfiguren. Höchst erfolgreich hat er schon Ex-Kanzlerin Angela Merkel in seiner Reihe «Miss Merkel» zu einer fiktiven Hobby-Detektivin umgedeutet. Das Genre ist das, was man landläufig ein Phänomen nennt – ein wilder Mix, aber sehr gefragt.
Nun hat Safier eine andere Politiker-Biografie in eine alternative Realität überführt. Sein neues Buch heißt «00-Laschet» und macht aus Armin Laschet, einst Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, einen etwas tollpatschigen James-Bond-Verschnitt. An diesem Abend liest Safier im Forum der «Aachener Zeitung» daraus vor.
Das Besondere ist nun: Während von Angela Merkel keine Besuche von «Miss Merkel»-Lesungen überliefert sind, ist Armin Laschet persönlich zur «00-Laschet»-Veranstaltung gekommen. Er wohnt quasi einer ulkigen Bearbeitung seiner eigenen Person bei. Eine ziemlich spezielle Situation. Was denkt er dabei? Und: Ist das gut für ihn?
«Man muss ein bisschen Humor mitbringen»
Was man nämlich sagen kann: Der fiktive Agenten-Laschet kommt zwar warmherzig und anständig daher, aber mitunter auch etwas tölpelhaft. «Für deinen Körperbau kannst du ja nichts», soll sein Sportlehrer mal zu ihm gesagt haben, so notiert es Safier. In einer der ersten Szenen beschmiert sich der Buch-Laschet ungeschickt mit Marmelade. Cool wie James Bond kommt er jedenfalls nicht rüber.
Zudem steht der Slogan «Lizenz zum Lachen» auf dem Buch. Ob gewollt oder nicht – man muss an das unglückliche Lachen von Laschet im Flutgebiet 2021 denken. Es gilt als einer der Gründe, warum er doch nicht Kanzler wurde.
Laschet aber, der in einem sommerlich-sandfarbenen Anzug zu der Lesung gekommen ist, nimmt all das ziemlich locker. «Man muss ein bisschen Humor mitbringen», erklärt er. Und den habe er. Er gibt aber auch zu: Zuerst habe er an einen Scherz gedacht. «Aber es ist ja ein reales Buch.»
Der Roman passt zu einer ungewöhnlichen Phase in Laschets Karriere. Einerseits ist er immer noch Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags. Er spricht über Kriege, Krisen und Diplomatie. Kurz vor dem Auftritt in Aachen war er noch an der belarussisch-polnischen Grenze. Andererseits liefert er längst auch Stoff für andere Geschichten. Er geistert als Pistorius-Doppelgänger durchs Internet und wird auf E-Scootern fotografiert.
Und dann liest er selbst
Nun setzt er dem Ganzen in gewisser Weise die Krone auf: Er liest selbst aus dem Buch vor, in dem er als Agent die Welt retten soll. Wobei er doch betonen möchte, dass es sich um eines der «ernsteren» Kapitel handle. In der Passage schwadroniert ein superreicher Tech-Unternehmer über eine künstliche Superintelligenz und Reisen zum Mars.
Allerdings schafft es auch nicht jede Passage aus dem Original-Buchtext unverändert über Laschets Lippen. In Safiers Version rekelt sich etwa Pop-Ikone Madonna «in ihren Lederdessous» auf dem Boden. Bei Laschets Vortrag ist dagegen etwas weniger konkret von «Lederkleidern» die Rede.
Als Safier den Text schrieb, kannte er den CDU-Politiker noch nicht persönlich. Erst kurz vor der Lesung trafen sie sich erstmals. Sorge, dass Laschet vehement gegen den Roman protestieren würde, hatte er aber nicht, wie er sagt. «Ich habe einen relativ freundlichen Humor», sagt Safier. «Da ist jemand wie Armin Laschet ganz anderen Kummer gewohnt.» Der Text sei aus seiner Sicht an keiner Stelle despektierlich.
Gegen Ende des Abends sinniert Laschet darüber, dass Politik heute in einer «Instagram-Welt» stattfinde. Jedes Bild werde inszeniert, stets wolle man die Kontrolle darüber haben. Dann macht er eine Kunstpause und landet selbst noch einmal bei seinem folgenreichen Lachen während der Flut. Er sagt: «Das hatte ich nicht: über alle Bilder die Kontrolle.»
Der Saal lacht. Diese Pointe gehört ihm.
© dpa-infocom, dpa:260717-930-397862/1
