
Die Demonstranten in Kiew wollen an einen Erfolg aus dem vergangenen Jahr anknüpfen. Im Sommer 2025 brachten sie die Regierung von Wolodymyr Selenskyj mit Pappschildern und Sprechchören dazu, die Entmachtung der Antikorruptionsbehörden rückgängig zu machen. Donnerstagfrüh wählten sie für ihre Kundgebung deshalb den gleichen Platz in Hörweite des Präsidialamts.
Diesmal geht es vordergründig zwar nicht um den Kampf gegen Korruption und Machtmissbrauch. Aus Sicht der Demonstranten aber um etwas ebenso Grundsätzliches: Durch Selenskyjs Entscheidung, den Verteidigungsminister zu ersetzen, sehen sie Kiews langfristige Strategie im Abwehrkampf gegen Russland bedroht.
Wie ein Start-up geführt
Der erst 35 Jahre alte Reformer Mychajlo Fedorow hatte das Ministerium wie ein Start-up geführt. Nach seiner Ernennung im bisher schlimmsten Kriegswinter wurde er zu einem Hoffnungsträger. In nur einem halben Jahr im Amt lieferte er Ergebnisse. Er brachte Elon Musk dazu, den Russen das Satelliteninternet abzuschalten, reformierte das Beschaffungswesen und verbesserte die Drohnenabwehr. Fedorow schreckte auch nicht davor zurück, Probleme bei der Mobilisierung anzugehen, die Selenskyj jahrelang vor sich hergeschoben hatte. Doch Fedorows Ansätze waren radikal und unkonventionell, brachten ihm einen Konflikt mit der Armeeführung ein.
Vielleicht wurde ihm aber auch seine eigene Beliebtheit zum Verhängnis. Viele erinnern sich noch gut an die Verbannung des populären Armeechefs Walerij Saluschnyj vor zwei Jahren. Trotz des Aufschreis blieb Selenskyj damals stur. Nach der Absetzung Fedorows fragt man sich, ob der Präsident das Gespür für die öffentliche Meinung, einst eine seiner größten Stärken, verloren hat.
Mit den Demos geht aber auch die Zivilgesellschaft ein Risiko ein. Eine Personalfrage wird so maximal aufgeladen. Allein wegen eines neuen Verteidigungsministers wird die Ukraine den Krieg aber nicht verlieren. Sollte Selenskyj abermals versuchen, die Rechtsstaatlichkeit zu beschneiden, lassen sich Proteste mit Pappschildern künftig leichter als übliche „Show der Regierungsgegner“ abtun.
