Der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth will Soldaten, die älter als 30 Jahre sind, regelmäßig auf ihren Testosteronspiegel testen lassen. In einem Video, das die Anweisung am Mittwoch begleitete, sagte Hegseth, der entscheidendste taktische Vorteil der amerikanischen Armee sei der individuelle Kämpfer. „Wir haben die heilige Pflicht, diesen Vorteil zu erhalten“, so Hegseth. Soldaten, bei denen ein geringer Wert des männlichen Sexualhormons festgestellt werde, könnten freiwillig eine Hormonersatztherapie in Anspruch nehmen. Denn es gehe darum, „eure natürlichen Fähigkeiten wiederherzustellen und zu optimieren“, sagte Hegseth an die Soldaten gewandt.
Tatsächlich haben ältere Männer gewöhnlich einen geringeren Testosteronwert als jüngere. Der sinkt etwa vom 40. Geburtstag an um rund ein Prozent im Jahr. Ein Testosteronmangel geht meist auf Übergewicht, Bewegungsmangel und eine ungesunde Ernährung zurück. Schlafprobleme, starker Alkoholkonsum sowie Stress und Medikamente haben ebenfalls einen negativen Effekt. Auch können Erkrankungen wie Nierenschäden oder Verletzungen des Hodens dahinterstecken. Chemikalien wie Weichmacher in Kunststoffen spielen möglicherweise ebenfalls eine Rolle.
Worauf Hegseth abhebt, ist eine geringere Muskelkraft bei einem niedrigen Testosteronspiegel. Es treten auch Erektionsschwierigkeiten auf, die Libido sinkt. Betroffene fühlen sich zudem oft antriebslos und depressiv. Studien weisen darauf hin, dass die Zahl der Männer mit einem Testosteronmangel steigt und die durchschnittlichen Testosteronwerte sinken.
Wie hoch muss der Grenzwert sein?
Wie viele Männer im jungen Alter von einem Testosteronmangel betroffen sind, ist jedoch nicht eindeutig geklärt. Der Fachverband American Urological Association verweist auf eine Studie, wonach in der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen etwa 7,1 Prozent betroffen waren. Bei Männern über 30 waren es in einer Studie 5,6 Prozent. „Man vermutet, dass die Dunkelziffer hoch ist“, sagt der Urologe Frank Sommer, Universitätsprofessor für Männergesundheit aus Hamburg. In der amerikanischen Armee könnten ihm zufolge viele Männer unbemerkt von einem Mangel betroffen sein.

Allerdings fehlt ein eindeutiger Grenzwert, von welchem Zeitpunkt an im jungen Erwachsenenalter ein Mangel vorliegt. Der Normalwert von mindestens 3,5 ng/ml gilt für alle Männer, egal ob sie 21 oder 93 Jahre alt sind. Unter anderem amerikanische Wissenschaftler sprechen sich dafür aus, dass die Grenzwerte bei Männern um die 30 höher liegen sollten. Sie bräuchten, so schätzt Sommer, einen Wert von mehr als 4 ng/ml, um voll leistungsfähig zu sein.
„Wann ein Testosteronmangel vorliegt, ist individuell.“ Zwei Männer können bei dem gleichen Blutwert anders reagieren. Ein vernünftiger Arzt würde nie allein den Testosteronwert therapieren, sondern auf Symptome achten, sagt Sommer. Bei Tests gilt es zu beachten, dass der Testosteronspiegel im Tagesverlauf schwankt, weswegen die Blutentnahme morgens erfolgen muss.
Auch Frauen betroffen
Die Hormonersatztherapie kann bei Männern die körperliche Leistungsfähigkeit und Libido steigern sowie depressive Symptome verbessern. Allerdings gibt es bei jenen, die eine Familie gründen wollen, einen Haken: Wer männliche Sexualhormone einnimmt, bei dem sinkt die Produktion von körpereigenem Testosteron. Das wiederum reduziert die Fruchtbarkeit. Außerdem könnte das Krebsrisiko im Brustgewebe und in den Hoden – wo das Sexualhormon hauptsächlich produziert wird – steigen, sofern dort bereits Tumorzellen vorhanden sind, sagt Sommer.
Auch Frauen haben männliche Sexualhormone, aber wesentlich weniger als Männer. Die Werte schwanken über den Menstruationszyklus. Auch sie können Mangelsymptome aufweisen – und auch sie müssen sich den künftigen Pflichttests unterziehen. Auf eine entsprechende Medienanfrage antwortete das amerikanische Verteidigungsministerium lapidar: „Jeder über 30 Jahren wird jährlich getestet.“
