
Die Mehrheitsverhältnisse im Senat sind knapp. So bestand nach dem überraschenden Tod des einflussreichen republikanischen Senators Lindsey Graham Handlungsbedarf. Der enge Verbündete Donald Trumps hatte sich in den Vorwahlen erwartungsgemäß durchgesetzt und wollte im November für eine fünfte Amtszeit in der zweiten Kongresskammer kandidieren. Nun haben sich schon eine Reihe von Leuten in Stellung gebracht, die erwägen, im August in Sondervorwahlen der Partei anzutreten. Bis zur Konstituierung des neuen Senats im Januar aber übernimmt die Schwester des Verstorbenen, Darline Graham Nordone, den Sitz – gleichsam als Platzhalterin.
Es oblag Henry McMaster, dem Gouverneur South Carolinas, Graham zu ernennen. Er tat dies am Montag im Parlament von Columbia, der Hauptstadt des Südstaates. Vorher hatten sich schon Trump und John Thune, der republikanische Mehrheitsführer im Senat, für die Schwester ausgesprochen. In den Vereinigten Staaten ist es durchaus nicht unüblich, Ehefrauen oder andere Familienangehörige in derlei Situationen mit der Aufgabe zu betrauen.
Auf nichts so stolz wie auf die kleine Schwester
Lindsey und Darline hatten ein besonderes Verhältnis. Sie wurde 1964 in dem Ort Central in South Carolina geboren. Die Eltern, die eine Mischung aus Restaurant und Spirituosengeschäft betrieben, verstarben früh. Mit 13 Jahren war Darline Vollwaise. Lindsey, der neun Jahre älter war als seine Schwester, sorgte dafür, dass sie bei einer Tante unterkam. Bevor er später zur Luftwaffe ging, adoptierte er sie.
Nach ihrer Ernennung am Montag sagte sie, Lindsey sei stets für sie da gewesen. Nun werde sie für ihn da sein. Sie glaube, ihr Bruder hätte diese Lösung gewollt. Es sei ein großes Privileg, einen Teil der wichtigen Arbeit ihres Bruders zu Ende führen zu dürfen. Vor Jahren hatte der Bruder einmal gesagt, auf nichts sei er im Leben so stolz wie darauf, was aus seiner kleinen Schwester geworden sei.
Über große politische Erfahrung verfügt Graham Nordone nicht. 1989 erwarb sie einen Collegeabschluss in Soziologie. Später machte sie noch einen Master in Rehabilitationsberatung. Die verheiratete Mutter von zwei Töchtern, die ihr Leben lang in South Carolina lebte, war 2019 zur Leiterin einer Behörde für Blindenhilfe ernannt worden. Später engagierte sie sich zudem in einem Beratungsgremium des Bundesstaats für Personalentwicklung.
Mit der Parteipolitik kam sie bisher nur über ihren Bruder in Kontakt. Mehrfach engagierte sie sich in dessen Wahlkämpfen, trat in Fernsehwerbespots auf, sprach über ihre Kindheit oder führte ihn vor dessen Kundgebungsreden ein. So auch 2016, als sich Lindsey Graham um die republikanische Präsidentschaftskandidatur bewarb. Damals trat er gegen Trump an – und unterlag. Der Präsident sagte nun, die Ernennung der „wunderbaren Schwester“ sei eine großartige Ehrung für Lindsey, der sie innig geliebt habe.
