An diesem Dienstagabend steigt das WM-Finale. Es wird auch Zeit. Nein, ganz so weit sind wir noch nicht, auch wenn die WM mittlerweile knapp sechs Wochen und 200 Trinkpausen lang andauert. Und doch fühlt sich dieses erste Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) an wie ein vorgezogenes Finale. Das ist es nicht. Aber beide haben sich in den vergangenen Wochen ein Stück weit abgesetzt. Nicht nur von England und Argentinien.
Das lässt sich statistisch belegen. Frankreich (+1,7) und Spanien (+1,68) weisen durchschnittlich die eindeutig höchste Differenz bei den sogenannten „Expected Goals“ auf. Das lässt sich auch am Fernseher beobachten: Weil Frankreich diesmal nicht nur die besten Offensivspieler bietet, sondern, anders als bei vergangenen Turnieren, auch offensiven Fußball spielt. Und weil Spanien die stärkste Defensive des Turniers stellt, weil es den Ball schneller zurückerobert und länger in den Reihen hält als andere Teams.
Das Spielniveau bei der WM ist oft mau
Dass beide im Halbfinale stehen, ist also kein Zufall. Über Argentinien und England lässt sich das nicht mit derselben Überzeugung sagen. Es wirkt eher, als habe sie der gemächliche Fluss des Turniers mit nach oben gespült.
Dass Frankreich und Spanien gefestigter sind, hat Gründe: Trainer und Team sind seit vielen Jahren eingespielt, die Fluktuation im Kader ist gering. Und in beiden Verbänden wird exzellente Nachwuchsarbeit geleistet – inklusive einer erkennbaren Spielidee, die sich von der U12 bis zur A-Nationalmannschaft durchzieht. Hier könnte sich nicht nur der deutsche Fußball etwas abschauen.
Dass beide Teams glänzen können, liegt aber auch an der Blässe der anderen. Die (sport-)politischen Begleitumstände dieser Fußball-WM sind nicht das Einzige, das die Freude beim Zusehen bisweilen trübt. Das fußballerische Spielniveau ist oft mau. Wer beim Achtelfinale der WM 2026 zwischen Brasilien und Norwegen einschaltete, konnte sich an ein Vorrundenspiel der WM 1982 zwischen Deutschland und Österreich erinnert fühlen. Weil Norwegens Spielmacher Martin Ødegaard mit dem Ball am Fuß mitunter mehr ging, als er lief, und die Brasilianer ihm teils regungslos zusahen.
Man muss nicht gleich an Gijón 1982 denken, um sich bei manchem WM-Spiel auf Zeitreise zu wähnen: Champions-League-Fußball vom Anfang des Jahrtausends. Mit dem, was Paris und Bayern dort im Frühjahr veranstalteten, hat das wenig zu tun. Der Klubfußball hat sich in den vergangenen Jahren taktisch und athletisch schnell entwickelt, die Nationalteams können dabei nicht Schritt halten. Es gibt weniger intensive Sprints, weniger vertikales Spiel.
Das hat Gründe, für die der Weltverband FIFA nichts kann: Nationalteams haben viel weniger gemeinsame Trainingszeit. Aber es gibt auch Gründe, für die er durchaus mitverantwortlich ist: Der Spielkalender ist überfüllt, viele Spieler haben durch die Klub-WM im vergangenen Jahr seit zwei Jahren keine längere Regenerationsphase gehabt; die amerikanische Mittagssonne tut ihr Übriges.
Auch die Expansion auf 48 Teams hat ihren Teil beigetragen: Je größer das Leistungsgefälle zwischen den Teams, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass eines destruktiv spielt. Und mehr Spiele über einen längeren Zeitraum ermüden womöglich nicht nur die Zuschauer mental, sondern auch die Spieler. Dass FIFA-Chef Infantino mit Blick auf die nächste WM schon von 64 Teilnehmern träumt, muss man daher nicht für eine gute Idee halten. Denn über 100 Spiele (oder mehr) gesehen, kann die WM längst nicht mehr mit der Qualität von Champions League oder Premier League mithalten. In einem einzigen schon. In diesem Sinne: Zeit fürs (Halb-)Finale!
