Der Wiederaufbau nach der Flut steht ebenfalls für den irrationalen Umgang mit Risiken. Nach einer der tödlichsten deutschen Naturkatastrophen haben viele ihre Wohnhäuser genau dort neu gebaut, wo sie selbst nur knapp dem Tod entkommen sind. Dabei lässt der Klimawandel wenig Zweifel daran, dass das nächste Jahrhunderthochwasser nicht erst 2121 kommt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Doch vielen Bewohnern der Region mangelte es an Alternativen. Die eigenen Grundstücke hatten dramatisch an Wert verloren, und die angebotenen Ersatzflächen befanden sich teils in anderen Landkreisen, fernab des bisherigen Lebensmittelpunktes. Die Behörden sprachen in nur 34 Fällen ein absolutes Bauverbot aus. Mehr Freiflächen für den Hochwasserschutz hätten hohe Entschädigungszahlungen zur Folge gehabt – und hoher politischer Durchsetzungskraft bedurft.
Der Wiederaufbau erfolgt stattdessen mit Auflagen: Die Häuser müssen höher sein, mit Fenstern und Türen versehen sein, die hohem Druck standhalten, Heizungen in oberen Stockwerken stehen. Also zumindest etwas mehr Schutz als vorher.
Auch die Infrastruktur soll besser geschützt sein. Straßen sind nun höher gelegen, Brücken haben keine Pfeiler im Flussbett, damit sich im Falle eines Hochwassers kein Geröll aufstaut. Aber schon bei der Schaffung von Rückhaltebecken außerhalb der Ortschaften hakt es seit Jahren. Fachleute kritisieren, dass die Maßnahmen bei Weitem nicht reichen. Versicherer sprechen von einer „Katastrophe auf Wiedervorlage“.
Es gab keine Entschuldigung
In der kommenden Woche will Gordon Schnieder, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, wegen der Versäumnisse im Krisenmanagement um Entschuldigung bitten. Es ist ein symbolischer Akt, den sich viele im Ahrtal früher erhofft hatten. Schnieder, erst seit Mai im Amt, kostet das nichts, er trug damals keine Verantwortung.
Seine Vorgänger waren nicht bereit, um Entschuldigung zu bitten. Malu Dreyer, die damalige Ministerpräsidentin, gestand Fehler ein, vermied aber jedes Schuldeingeständnis. So tat es auch ihr Parteifreund Alexander Schweitzer, der das Land eineinhalb Jahre regierte und sich nicht von Dreyer absetzen wollte. Beide wollten lieber nach vorn schauen.
Noch immer macht es fassungslos, wie unzureichend die Vorbereitungen auf das Hochwasser waren. Dabei stand das Ahrtal erst wenige Jahre zuvor, 2010 und 2016, unter Wasser. Die Erfahrung wog die Verantwortlichen wohl in falscher Sicherheit: Früher ist es ja auch irgendwie gut gegangen.
Ein Untersuchungsausschuss zeigte: Am 14. Juli 2021 waren die Katastrophenschützer in Ahrweiler über weite Strecken planlos, riefen aber selbst nicht um Hilfe und warnten die Bürger erst, als sie dem Wasser schutzlos ausgeliefert waren.

Der zuständige Landrat agierte politisch verantwortungslos, darüber gibt es keinen Zweifel, strafrechtliche Ermittlungen gegen ihn wurden aber eingestellt. Es hätte nachgewiesen werden müssen, dass Menschen durch eine frühere Warnung „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ hätten gerettet werden können, so die Staatsanwaltschaft.
Dabei zeigt genau das eigentlich ein besonders dramatischer Fall: Als das Ausmaß der Flut flussaufwärts längst sichtbar war, hätten die zwölf Bewohner eines Behindertenwohnheims flussabwärts in Sinzig noch gerettet werden können. Ein fünfminütiger Fußmarsch hätte sie auf sicheren Boden gebracht. Die Warnung blieb aus, sie ertranken Stunden später.
Auch auf Landesebene sind Fehler passiert. Obwohl man im Landesumweltamt die dramatischen Hochwasserprognosen früh genug kannte, wies man nicht eindringlich genug darauf hin. Die Landesregierung richtete zunächst keinen eigenen Krisenstab ein und verließ sich auf die überforderte Landesbehörde in Trier, die auf die kommunalen Katastrophenschützer vertraute.
Die Ahrtalflut steht für das Versagen vieler einzelner Akteure und eine dramatische Verantwortungsdiffusion im großen Ganzen. Rheinland-Pfalz hat den Katastrophenschutz in der Folge umfassend reformiert. Dafür steht ein neu geschaffenes Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz.
Nach jeder Katastrophe tritt nach einigen Jahren eine Art Erinnerungslücke ein. Gefahren verlieren ihren Schrecken. Prävention gilt irgendwann vor allem als teuer und mühsam, nicht als absolut notwendig. Doch damit sich ein Behördenversagen wie damals nicht wiederholt, muss das Ahrtal eine Mahnung bleiben.
