
Demnächst wird in Bayern wieder der Sommerempfang des Bayerischen Landtags im Park des Neuen Schlosses Schleißheim stattfinden. Zuletzt gab es dort für die Gäste immer Fächer als kleine Give-aways. Das passte zur Jahreszeit, aber auch zur Veranstaltung. Denn selten ist Bayern eleganter als an diesem Tag.
Aber auch auf weniger noblem Terrain sind Fächer derzeit so präsent wie lange nicht mehr. Natürlich hat das mit den hohen Temperaturen und der Unterversorgung mit Klimaanlagen zu tun. Der Fächer ist jedoch nicht nur Gebrauchsgegenstand, sondern vielsagendes Symbol.
Wann seine Geschichte begann, lässt sich laut dem Kunsthistoriker David J. Ranftl, der seine Magisterarbeit zum Thema „Die Fächerkultur am Münchner Hof zwischen 1850 und 1914“ geschrieben und den dankenswerterweise die Katholische Nachrichten-Agentur befragt hat, nicht genau datieren.
Eine eigene Fächersprache für Amouröses
Nach Europa kam er wohl über den Handel mit Fernost. In Japan etwa gelten Fächer seit je als Glücksbringer und Wohlstandsausweis. Dass sie sich beim Öffnen nach oben hin verbreitern wie der Kelch einer Blume, lässt einerseits an Blütezeiten aller Art denken, andererseits an die Wendung „durch die Blume sagen“.
Tatsächlich gibt es sogar eine eigene Fächersprache, die etwa in Spanien vor allem im amourösen Kontext von Bedeutung ist und weit variantenreicher als etwa die Schleifensemantik an bayerischen Dirndln. Schnelles Öffnen und Schließen des Fächers bedeutet demnach: Ich bin verlobt – was auch immer damit gesagt sein soll. Ein Schlag gegen die geschlossene Hand: Wann kann ich dich sehen? Wird der Fächer über das Gesicht gehalten, ist das die subtile Aufforderung: Folge mir.
Spielt auch die Fächerrenaissance der AfD in die Hände?
Während der Fächer in diesen Fällen dazu dient, Menschen zusammenzubringen, bewirkt er so, wie er momentan oft gebraucht wird, eher das Gegenteil. Man könnte sogar sagen, er gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt und spielt so am Ende wie Gendergaga oder Irankrieg wieder nur der AfD in die Hände.
Während noch vor zehn Jahren die Menschen in einem Zugabteil, in dem mal wieder die Lüftung ausgefallen war, zu einer Leidensgemeinschaft buchstäblich zusammengeschweißt wurden, zerfallen heutige Gruppen in diejenigen, die einen Fächer zur Hand haben oder gleich einen Handventilator, der die komplette Entzauberung des Luftzufächelns bedeutet – und die anderen.
Es ist ähnlich wie mit den klimatisierten Dienstwagen, mit denen die Politiker durchs Land fahren: Jeder schafft sich sein eigenes Mikroklima, wird zur eigenen wohltemperierten Bubble und fühlt nicht mehr, was draußen los ist. Man könnte die Fächer natürlich verbieten – wenn nicht auch davon die AfD profitieren würde. Besser ist es, die eigene Einstellung zu ändern und, wann immer eine Frau neben einem zu fächeln beginnt, nicht zu glauben, sie wolle einen verscheuchen wie eine lästige Fliege, sondern sie finde einen so heiß, dass sie sich anders nicht mehr zu helfen wisse.
