„Mir geht es gut, sogar sehr gut“, sagt Frank-Lorenz Engel und strahlt. Der Intendant der Hanauer Brüder-Grimm-Festspiele wirkt mitten in der Festspielsaison entspannt, er ist zufrieden mit sich und seiner Theaterwelt. Das kann er auch sein. Alle Premieren der vier Inszenierungen sind erfolgreich verlaufen. Die Stücke – das Musical „Tischlein, deck dich“ sowie die Schauspiele „Schneewittchen“, „Des Kaisers neue Kleider“ und „Amadeus“ – kommen beim Publikum gut an. Für seine eigene Inszenierung von „Amadeus“ erhält Engel viel Lob, sogar aus der Festspielstadt Bad Hersfeld.
Doch zurücklehnen kann sich der Festspielleiter nicht. Schon muss am Spielplan für die nächste Saison gearbeitet werden. Auch das Wetter stellt Engel und sein Team vor neue Herausforderungen. Zwar schützt das scheinbar über dem Amphitheater schwebende Dach Schauspieler, Publikum und Bühne vor Regen und Gewittern. Den gegenwärtigen Hitzeperioden hat es außer Schatten aber nichts entgegenzusetzen. Unter dem Dach staut sich die Wärme, wenn es keinen Wind gibt. Mehrere Vorstellungen mussten wegen der Hitze abgesagt werden, um Zuschauer und Schauspieler nicht zu gefährden.

Engel nimmt es gelassen. Mehrere Ausweichtermine mit günstigeren Wetterprognosen wurden festgelegt, außerdem kann bis Saisonende auf reguläre Vorstellungen umgebucht werden. „Das haben unsere Disponenten bis jetzt wunderbar hinbekommen“, sagt Engel. Selbst wenn das Problem pragmatisch gelöst wird, führt es zu Enttäuschung bei Festspielmachern und der Stadt als Veranstalterin. Der Vorverkauf für die laufende Saison und die ersten Besucherzahlen waren so vielversprechend, dass man von einem Rekord ausgehen durfte.
Schon im vergangenen Jahr war mit mehr als 92.000 Zuschauern nach 41 Festspiel-Jahren ein Rekord aufgestellt worden. Der Trend könnte nun einen Dämpfer erfahren oder zumindest nicht so deutlich ausfallen, wie erwartet. Natürlich spielt die Zuschauerstatistik für Engel eine wichtige Rolle, da sie nicht nur die Akzeptanz des Festivals beim Publikum ausdrückt, sondern auch für die Einnahmeseite von Bedeutung ist. Im Vordergrund steht für ihn aber, dass den Menschen die Inszenierungen gefallen und sie zum Nachdenken und Reflektieren angeregt werden.
In dieser Saison stehen die Stücke unter der Überschrift Eitelkeit. Jede Inszenierung zeigt unterschiedliche Aspekte des Themas: In „Schneewittchen“ ist es die dem Jugendwahn verfallene Königin, in „Des Kaisers neue Kleider“ der nach Pomp und Schönheit lechzende diktatorische Herrscher und in „Amadeus“ der von Neid zerfressene Hofkapellmeister Salieri, der dem Emporkömmling Mozart den Erfolg nicht gönnen kann.
Inszenierung eines Stücks als Teamarbeit
Doch wie steht es um Engels eigene Eitelkeit? Über diese Frage denkt der Theatermann vor der Antwort gründlich nach. „Im Theatergeschäft geht es nicht ohne Eitelkeiten“, sagt er dann. Auf einer Skala von eins bis zehn ordne er sich „so etwa im Mittelfeld“ ein. Dabei ist er nach eigener Aussage vor allem dann eitel, wenn er als Schauspieler auf der Bühne steht. Dies war zuletzt im Sommer 2017 in einer Nebenrolle als Theaterdirektor in einer Faust-Inszenierung der Fall.
Für ein Stück das Drehbuch zu entwickeln, die Rollen zu besetzen und die Regie zu führen, sei eine andere Sache. Natürlich hoffe man auf einen Erfolg und sei stolz auf den Applaus, die eigene Eitelkeit rücke aber in den Hintergrund. Ein Stück zu inszenieren, sei immer eine Teamarbeit aller Mitwirkenden, vor und hinter der Bühne. Er habe eine eigene Handschrift, doch er drücke dem Ensemble keinen Stempel auf. „Es sind die Schauspieler, die glänzen müssen, nicht der Regisseur“, so Engel.
45 Jahre Schauspielerfahrung
Er spricht aus Erfahrung, denn Theater ist sein Leben. Vor 45 Jahren stand der heute Fünfundsechzigjährige zum ersten Mal auf einer Schauspielbühne, ebenfalls in einer Nebenrolle in einer Faust-Inszenierung. In Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Düsseldorf, Stuttgart und vielen weiteren Städten inszenierte er in den vergangenen Jahrzehnten Musicals, Klassiker, Komödien und Kinderstücke. Bis heute hat er mehr als 100 Stücke auf die Bühne gebracht. Oft stand er auch als Schauspieler auf der Bühne.
Den Weg betrat er früh und mit beeindruckender Konsequenz. Nach dem Abitur im saarländischen Dillingen studierte er Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Saarbrücken. Anschließend war er fest angestellt an den Staatstheatern in Saarbrücken, Oldenburg und Mainz. „Nach sechs Jahren war ich so mutig und kündigte“, erzählt Engel. Das war offensichtlich der richtige Schritt, denn in seiner heutigen Wahlheimat Berlin bekam der Nachwuchsschauspieler ein Engagement zur 750-Jahr-Feier der Stadt. Viele weitere folgten als Schauspieler, Regisseur und seit dem Jahr 2014 als Intendant der Brüder-Grimm-Festspiele Hanau.
Der Kontakt kam über Dieter Gring während der gemeinsamen Arbeit am Fritz-Rémond-Theater in Frankfurt zustande. Gring ist seit vielen Jahren als Schauspieler im Hanauer Ensemble und engagiert sich zudem regelmäßig als Regisseur und Stückeschreiber. Von 2007 bis 2013 leitete er die Festspiele.
Hohes Maß an künstlerischen Freiheiten in Hanau
Es war vor allem ein Argument, das Engel davon überzeugte, die Intendanz in Hanau zu übernehmen: Bei allen Stücken handelt es sich um individuelle Neufassungen der Märchen, um Uraufführungen, die den Schauspielern, Regisseuren, Textern und Komponisten ein hohes Maß an künstlerischen Freiheiten bieten. Dies und seine gute Vernetzung in der Theaterwelt ermöglicht es ihm nach eigenen Angaben, Jahr für Jahr ein hervorragendes Ensemble zusammenzustellen.
Gerne gibt Engel auch Nachwuchsschauspielern eine Chance, im Ensemble des regulären Programms und in der Reihe „Junge Talente“ mit jeweils einer Inszenierung pro Saison in der gestalteten Ruine der Wallonisch-Niederländischen Kirche in der Hanauer Innenstadt. „Das Herz eines Boxers“ heißt das Stück in diesem Jahr. Zu Engels aktuellen Neuentdeckungen zählen Rosa Alice Abruscato, die in diesem Sommer in der Rolle des Schneewittchens glänzt, sowie Valentin Mirow als Mozart.
Schneewittchen als Gastspiel in München, Chemnitz und Bremen
Das Budget für die Festspiele liegt bei 3,2 Millionen Euro, davon kommen 2,4 Millionen Euro durch Einnahmen wie den Ticketverkauf zusammen. 850.000 Euro trägt die Stadt als Veranstalterin, das Land steuert 70.000 Euro bei und 90.000 Euro der Bund, der nach dem Einsatz des Bundestagsabgeordneten Pascal Reddig (CDU) auch die Anschaffung der wiederverwendbaren, technisch modernen Bühne mit 500.000 Euro förderte. „Es ist durchaus von Vorteil, wenn man in Berlin wohnt, da kann man der Politik schon eher mal persönlich Beine machen“, meint Engel und schmunzelt.
Sponsorengelder gibt es auch, aber die sind wegen der schwierigen konjunkturellen Lage rückläufig. Gerne würde der Intendant die Festspiele überregional bekannter machen, doch der Werbeetat gebe das kaum her. Die Bekanntheit steigern dürfte es allerdings, wenn das Ensemble auf Tour geht. Für Januar und Februar sind Gastspiele in München, Chemnitz und Bremen mit der Schneewittchen-Inszenierung geplant. Der Ticketverkauf läuft schon.
Um den Festspielen das Image des reinen Märchentheaters zu nehmen, änderte Engel zu Beginn seiner Intendanz den Titel. Statt „Märchenfestspiele“ heißen sie seither „Brüder-Grimm-Festspiele“. Mit der von ihm eingeführten Reihe „Grimms Zeitgenossen“, in der bisher Stücke von Shakespeare, Kleist, Schiller und Goethe gezeigt wurden, konnten neue Zuschauer gewonnen werden. Aber es gebe noch Luft nach oben, sagt Engel. Auch deshalb wurde jene Reihe in „Theater.Klassiker“ umbenannt, die Nähe zu den Brüdern Grimm ist nicht mehr erforderlich. Künftig will Engel auch zeitgenössische Stücke in das Programm aufnehmen.
Viel Zeit nehmen möchte er sich für die Einarbeitung einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers. Wenn er in zwei Jahren 67 Jahre alt wird, will er die Intendanz in jüngere Hände legen. Ob und wen er im Blick hat, verrät er nicht. Das sei Sache der Politik, sagt er diplomatisch. Die Stadtspitze denkt da vielleicht an Engels Stellvertreter Jan Radermacher. Der Regisseur, Schauspieler, Autor und Komponist gewann im Jahr 2014 den von Engel eingeführten ersten Autorenwettbewerb mit dem Märchen „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“. Seitdem schreibt und inszeniert er regelmäßig Stücke für die Hanauer Festspiele.
Seit dem Jahr 2025 steht Radermacher Engel zudem als stellvertretender Intendant zur Seite. Für Engel wäre er vermutlich ein willkommener Nachfolger, denn beide sind ein eingespieltes Team. Radermacher hätte mit Engel weiterhin einen erfahrenen Unterstützer, der den Brüder-Grimm-Festspielen auch nach 2028 „beratend“ verbunden bleiben möchte. Auf die Frage, ob er dann auch noch das eine oder andere Stück in Hanau inszenieren würde, antwortet er ohne Zögern: „Na klar, wenn man mich haben will.“
