
Jeder Verlierer ist auf seine eigene Weise unglücklich. Auch Alexander Zverev weiß, dass sich jede Niederlage anders anfühlt. Schrecklich, schmerzlich, niederschmetternd, alles hat Deutschlands bester Tennisprofi schon erlebt in den vergangenen Jahren. Am Sonntag, nach der 7:6 (9:7), 6:7 (2:7), 3:6, 4:6-Niederlage im Wimbledon-Finale gegen Jannik Sinner, musste sich Zverev nicht so arg grämen wie nach einigen Endspielen zuvor.
Vor allem in den ersten zwei Sätzen spielte der Deutsche auf Augenhöhe mit dem Weltranglistenersten aus Italien und zeigte, dass sich seine neue, offensivere Spielweise vorzüglich fürs Rasentennis eignet. Mit seinen starken Auftritten hat Zverev gezeigt, dass er künftig auch dann zu den Titelkandidaten zählt, wenn der zweimalige Wimbledonsieger Carlos Alcaraz aus Spanien gesund und gewohnt munter auf die Profitour zurückgekehrt sein wird.
Im vergangenen Jahr hatte sich Zverev nach seinem Erstrunden-Aus beim Rasenklassiker in London mit sich und der Welt im Unreinen gezeigt und von Freudlosigkeit und Leere auf dem Tennisplatz wie im Leben gesprochen. Bei den Australian Open zuvor, als er ebenfalls Sinner unterlegen war, hatte er bei der Siegerehrung die Schultern hängen gelassen und in Richtung Vater und Bruder gesagt: „Ich bin nicht gut genug.“
Inzwischen weiß Zverev, dass er mehr als gut ist – nämlich French-Open-Sieger und damit einer, der jedem Gegner eine Menge Respekt einflößt. Auch wenn die zehnte Niederlage gegen den Italiener nacheinander das Ende aller Hoffnung auf den zweiten Grand-Slam-Sieg bedeutete. Außerdem setzt sich das deutsche Warten auf den ersten Deutschen, der nach Michael Stich 1991 wieder ein Herreneinzel in Wimbledon gewinnt, auf unbestimmte Zeit fort. „Wir hatten ziemlich gute zwei Monate, auch wenn wir dieses Finale verloren haben“, sagte Zverev bei der Siegerehrung an seinen Trainer-Vater Alexander senior und sein Team gerichtet. Vorher habe er nie das Viertelfinale erreicht: „Mit 29 Jahren glaube ich jetzt, diese Trophäe gewinnen zu können.“
Zverev begegnet Sinner mit dessen eigenen Waffen
Bundeskanzler Friedrich Merz konnte in der ersten Reihe der Royal Box zwar nicht so applaudieren wie erhofft, aber mit dem Prinzen von Wales plaudern. Zudem saß er in der Nähe der Hollywoodstars Nicole Kidman, Dustin Hoffmann und Ben Stiller. Die Berliner Regierungskoalition wird vermutlich auch ohne einen Wimbledonsieg als Stimmungsaufheller überleben. Trotzdem ist es für den CDU-Politiker und sein Volk ernüchternd, dass weder auf amerikanischem noch auf englischem Rasen ein neues deutsches Sommermärchen möglich wurde. Dabei war der Sommer doch so gut losgegangen mit Zverevs French-Open-Sieg auf Ziegelmehl.
Wenn man so will, begegnete Zverev dem Italiener am Sonntag mit dessen eigenen Waffen: starker Aufschlag, schnelle Vorhand, früher Treffpunkt an der Grundlinie, und dann und wann ein Stoppball. Ein Double auf der anderen Seite, das vor allem in den ersten zwei Sätzen offensiv auf den schnellen Punktgewinn geht, war Sinner seit Längerem nicht gewohnt.
Bewusst war ihm jedoch sehr wohl, dass der Zverev nach dem Triumph von Roland Garros wesentlich selbstsicherer und schlagfertiger auftritt als der Zverev, gegen den er zuvor fast drei Jahre unbesiegt geblieben war. Zudem erwies sich Sinners Entscheidung, nach seinem Zweitrundenkollaps in der Hitze von Paris auf weitere Turnierauftritte zu verzichten und in Wimbledon einen Kaltstart hinzulegen, als zielführend. Er gewann seinen fünften Grand-Slam-Titel, den ersten seit Wimbledon 2025. „Es war ein wunderbares Finale, und dafür braucht es zwei“, sagte Sinner in seiner Siegerrede: „Ich bin glücklich über den Sieg und über unser Niveau.“
Duell der starken Aufschläger
Wie von den Beteiligten und den Beobachtern erwartet, wurde im Finale nicht lange gefackelt. Zum einen springen die Bälle auf Rasen schneller und flacher ab als auf anderen Belägen, sodass lange und umkämpfte Ballwechsel sowieso eher rar bleiben. „Und die hohen Temperaturen sind gut für starke Aufschläger“, erklärte Sinner vor dem Match, das bei 28 Grad Celsius und leichtem Wind ausgetragen wurde.
Wie nach dem Turnierverlauf zu erwarten, profitierten beide von Form und Wetter: Sinner gewann prozentual mehr Punkte nach dem ersten Aufschlag, Zverev brachte dagegen den Ball schneller und häufiger ins Feld – fast vier von fünf Aufschlägen fanden ihr Ziel, eine hervorragende Quote. „Dass man bei der Geschwindigkeit so eine hohe Quote hat, das gab es eigentlich nicht, bevor Sascha das hinbekommen hat“, sagte Andrea Petkovic, früher Tennisprofi und heute Prime-Video-Expertin, in einer vorangegangenen Medienrunde. „Jannik kommt nur in die Nähe solcher Geschwindigkeiten, ist aber deutlich präziser und immer an der Linie dran.“ Bei den Assen lag Zverev vorne – mit 17 zu 15.
Die Frage war: Wer kann es nutzen, wenn sein Gegenüber mal einen Tick schwächer aufschlägt? Sinner bot sich im ersten Satz beim Stand von 4:3 die einzige Breakmöglichkeit überhaupt, ermöglicht von einem Doppelfehler Zverevs. Doch traf er eine Vorhand ungewohnt unsauber, sodass der Ball im Aus landete und die Chance futsch war. Eine zweite ließ Zverev, der im Tiebreak mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 224 Kilometern pro Stunde servierte, nicht zu. Im Tiebreak blieb der jeweilige Aufschläger so lange im Vorteil, bis der Hamburger eine Vorhand die Linie entlang zum 9:7 peitschte und sich somit den Satz sicherte.
Vorhand-Fehler und ein Schreckmoment
Mit seiner Vorhand, der er seit Saisonbeginn weniger Spin, aber mehr Tempo mitgibt, hatte der Hamburger schon seine vorherigen Gegner mächtig beeindruckt. Zum Beispiel seinen vormaligen „Angstgegner“ Taylor Fritz. „Er schlägt sie so gut, wie ich sie ihn noch nie haben schlagen sehen“, sagte der Amerikaner nach seiner Viertelfinalniederlage. Trotzdem passiert es Zverev weiterhin gelegentlich, dass ihm die Vorhand unter Druck „wegfliegt“ – so wie am Sonntag.
Kam es zu längeren Ballwechseln, die das Publikum dankbar annahm, wirkte der Deutsche von der Grundlinie zunächst entschlossener und zielstrebiger. Bei einer 3:2-Führung im zweiten Satz hätte sich Zverez leicht seine erste Breakchance erspielen können, doch versagte ihm diesmal die Vorhand: Einen Return nach einem recht langsamen zweiten Aufschlag des Italieners drosch der Hamburger ins Netz.
Wenig überraschend war, dass auch im zweiten Satz der Tiebreak entscheiden musste. Verblüffender geriet, dass Zverev sofort drei Vorhandfehler unterliefen und er demzufolge den zweiten Satz verlor. Ein Knackpunkt: Wer weiß, wie das Match weitergegangen wäre, wenn der Deutsche die letzten Punkte gemacht und mit 2:0-Sätzen in Führung gelegen hätte.
Zverevs erster Breakball überhaupt endete beim Stand von 3:3 mit einem Schreckmoment. Er rutschte aus, fiel und fasste sich gleich das rechte Knie. Sinner und Schiedsrichterin Eva Asderaki-Moore kamen auf seine Seite, doch gab der Hamburger Entwarnung. Im Vergleich mit einer Verletzung erschien das Folgende recht harmlos: Sinner kam zum zweiten Breakball und durfte trotz eines Ausrutschers die Faust zeigen, nachdem Zverev wieder eine Vorhand verschlagen hatte.
Wenige Minuten später lag der Weltranglistenerste mit 2:1-Sätzen vorne. Ein weiteres Break im vierten Satz, und Sinner hatte nach 3:46 Stunden Spielzeit seinen Titel erfolgreich verteidigt – und Zverev zu einem Verlierer gemacht, der bald bei den US Open wieder Hoffnung schöpfen dürfte.
