
Mehr als 340 Millionen Menschen sind akut von Hunger bedroht, obwohl es mehr als genug Lebensmittel gibt. Warum sie die Menschen in Somalia, im Sudan oder im Jemen nicht erreichen, darüber diskutierten auf dem Lindauer Nobelpreisträgertreffen die Laureaten Richard Roberts, David Beasley und Brian Schmidt. Die These der Diskussion war: Ernährungssicherheit ist auch ein Thema für Naturwissenschaftler. Schließlich, so betonte der Moderator und Infektionsbiologe Stefan Kaufmann, ist Fehlernährung eine der Ursachen, warum sich Infektionskrankheiten wie Tuberkulose verbreiten: Sie treffen auf eine geschwächte Bevölkerung, die den Pathogenen nichts entgegenzusetzen hat.
Für den Biochemiker Richard Roberts, Nobelpreis für Physiologie des Jahres 1993, gibt es ganz klar einen Schuldigen an der Hungerkrise: Greenpeace. Roberts, seit Jahren ein Verfechter der Agrarbiotechnologie, beklagte, dass die Umweltorganisation genetisch modifizierte Nutzpflanzen (GMO) seit Jahrzehnten als gefährlich verteufelt. Selbst wissenschaftliche Erkenntnisse hätten Greenpeace nicht davon abbringen können. Methoden wie die Genscheren, mit denen sich Pflanzen präzise verbessern lassen, lehne Greenpeace ebenfalls ab. In Ländern, etwa in Afrika, die dringend auf widerstandsfähigere Nutzpflanzen angewiesen seien, würden Regierungen so beeinflusst, dass sie GMO ablehnten. Warum Greenpeace so vehement gegen GMO lobbyiere? „Wirtschaftliche Interessen“, sagte Roberts. Die Organisation habe nie mehr Spenden erhalten als während ihres Kampfs gegen Bt-Mais und andere GMO.
Korruption, Krieg und Klimawandel
David Beasley sieht ein anderes Problem: „Es ist nicht die Produktionsmenge, sondern der fehlende Zugang zu Lebensmitteln.“ Beasley war Leiter des World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen, als dieses im Jahr 2020 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Als er die Position im Jahr 2017 antrat, waren 80 Millionen Menschen von Hunger bedroht, die Zahl stieg im Laufe des ersten Jahres auf 135 Millionen. Die Ursache: Kriege und drastische Klimaveränderungen. Es wurde noch schlimmer: Wegen unterbrochener Lieferketten aufgrund der Corona-Pandemie hungerten Anfang der 2020er-Jahre 276 Millionen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, die „Kornkammer der Welt“, wurden es 350 Millionen. 80 Prozent der Einsätze des WFP betreffen Kriegs- und Krisengebiete. Wichtigste Einzelursache, warum Nahrungsmittel Menschen nicht erreichen, sei Korruption, ergänzte der frühere WFP-Chef.
Beasley hat einen offenen Brief von Richard Roberts nicht unterzeichnet, den dieser bereits 2016 initiiert hatte und in dem die Haltung von Greenpeace kritisiert und der Einsatz für genmodifizierte Nutzpflanzen gefordert wird. Inzwischen haben 185 Nobelpreisträger unterzeichnet, unter ihnen Brian Schmidt. Er hält es für erforderlich, die Produktion von Lebensmitteln zu steigern – mit allen erdenklichen Mitteln. Es brauche aber viele unterschiedliche Ansätze, sagte er in Lindau.
Schmidt hatte 2011 den Physiknobelpreis erhalten, und zwar für seine Arbeiten über die Ausdehnung des Universums. Er ist daher gewohnt, sich mit wirklich großen Problemen zu befassen. Zudem betreibt er sein eigenes Weingut und ist Präsident der Australian National University in Canberra, mit einer der größten Institutionen für Pflanzenforschung der Welt. Dort seien die Wissenschaftler besorgt, dass die Erträge seit der grünen Revolution nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch um etwa ein Prozent jährlich wachsen. „Wir brauchen bis 2045 mindestens 1,7 Prozent Produktivitätszuwachs“, sagte Schmidt mit Hinweis auf die wachsende Weltbevölkerung: „Das ist eine Menge.“ Aber: „Wenn wir es jetzt, in einer Situation mit Überproduktion, schon nicht schaffen, die Lebensmittel zu den Menschen zu bringen, dann gibt es eine Katastrophe, sobald wir zu wenig produzieren.“
Ackerbau und Viehzucht seien keine attraktiven Forschungsfelder, sagte Brian Schmidt, „einen Nobelpreis gibt es dafür nicht“. Wie sich der Klimawandel auswirkt, sei zudem schlecht verstanden; die Probleme verschärften sich vermutlich. Positiv sei, dass die Weltbevölkerung weniger stark zunimmt als angenommen. In der landwirtschaftlichen Forschung dürfe es nicht darum gehen, die Erträge in den Ländern zu steigern, denen es ohnehin gut geht. Mehr Lebensmittel müssten dort geerntet und mehr Gemüse dort gepflanzt werden, wo es an Nahrung fehlt. Die Forschung müsse sich vielleicht auf „Hirse statt auf Mais konzentrieren“.
