Es ist kurz vor vier, als ich auf dem Heimweg bin, die Musik noch in den Ohren. Hinter mir liegt ein langer Abend in der Housebar55 im Bahnhofsviertel. Draußen das übliche Bild: ein Spätkauf, der nie zu schließen scheint, Menschen auf dem Heimweg, ein paar, die noch weiterziehen.
Die Housebar ist einer der wenigen Orte, an denen die Nacht nicht um zwei oder drei Uhr einfach abbricht. Hier geht es weiter, bis der Letzte geht. Drinnen ist es eng, laut und warm. Elektronische Musik trägt den Raum, Neonlicht hängt über den Köpfen, der DJ steht nur ein paar Schritte entfernt. Ich verliere irgendwann das Gefühl für die Uhrzeit. Genau dafür kommt man her. Nico gehört die Housebar55. Er sitzt oft nachts in seinem kleinen Büro hinter dem Laden, von dem aus er alles im Blick hat. „Ich bin jede Nacht hier“, hat er mal zu mir gesagt. „Jede?“ „Jede!“

Wer so oft da ist, fällt irgendwann nicht mehr auf. Vielleicht ist das die eigentliche Arbeit: da sein, ohne dass es jemand merkt. Ein Stolpern reißt mich aus meinen Gedanken. Ich stehe vor meiner Haustür, der Schlüssel will nicht gleich ins Schloss. Vier Etagen, kein Aufzug. Am Ende einer langen Nacht fühlen sich diese Treppen an wie ein Stein, den ich Stufe für Stufe nach oben rolle. Oben angekommen, will ich nur noch ins Bett. Für mich ist heute Schluss. Unten, im Bahnhofsviertel, geht es indes weiter. Es wird heller, die Nacht spuckt die letzten Gäste aus. Jetzt werden Gläser gezählt, Böden gewischt, Abrechnungen gemacht. Für die, die eine gewöhnliche Nacht zu einer besonderen machen, beginnt die unsichtbare Schicht.
Ich leere meine Taschen auf den Waschbeckenrand. Schlüssel, Feuerzeug, ein zerknitterter Beleg aus der Bar. Auch die Umsatzsteuer wird fein säuberlich ausgewiesen. Die Nacht, sie ist eben auch ein Wirtschaftsfaktor. Ich muss an den Tag denken, als die Nachtökonomie-Studie vorgestellt wurde. Als jemand, der regelmäßig in den sozialen Netzwerken über die Szene berichtet und jene befragt, die sie gestalten, die nicht nur über Pläne, sondern auch über Probleme offen sprechen, war ich dazu eingeladen. Mehr als vierhundert Millionen Euro Umsatz macht die Nachtszene in Frankfurt im Jahr. Die Wirte und Barbetreiber fühlen sich nicht immer gesehen und wertgeschätzt.
Und das, obwohl ihre Arbeit Nacht für Nacht Menschen verbindet, Begegnungen ermöglicht und die Stadt durch sie für Einheimische und Touristen an Attraktivität gewinnt. Es gibt eine lebendige Nachtkultur in dieser Stadt. Aber keine Antwort auf die Frage, ob die Nacht nicht auch Kultur sein kann und deshalb förder- und schützenswert ist. 400 Millionen. Diese Zahl bleibt hängen, während mir die Augen zufallen. Man sieht, was die Nacht einbringt, seltener, wer sie trägt.
