
Mit einem Waffenbasar begann der NATO-Gipfel in Ankara, mit einem Revolver Sarsilmaz SR 38 als Gastgeschenk für jeden der Staats- und Regierungschefs endete er. Die Botschaft des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan war klar: Sein Land ist nicht nur ein wichtiger geopolitischer Eckstein und Truppensteller des Bündnisses, es kann sich auch auf seine wachsende Rüstungsindustrie verlassen. „Was immer Sie brauchen, wir liefern in weniger als zwei Jahren“, tönt es aus deren Führungsetagen.
Die türkischen Waffenbauer haben in den beinahe zwei Dutzend Jahren unter Erdoğans Regentschaft einen bemerkenswerten Aufschwung hingelegt. Einst aus ein paar Dutzend Betrieben bestehend, ist die Branche heute mit 3500 Unternehmen und mehr als 100.000 Beschäftigten ein Wirtschaftsfaktor. Ihr Anteil am Export von 273 Milliarden Dollar beträgt zwar nur elf Milliarden Dollar. Das sollte aber nicht missinterpretiert werden. Die Wachstumsraten sind mit 40 Prozent enorm, und ihre technologischen Sprünge helfen anderen Branchen.
Am Anfang stand ein Rüstungsboykott
Der Erfolg speist sich aus mehreren Quellen. Am Anfang standen, beginnend vor 50 Jahren, Versuche westlicher Staaten, die Türkei mit Rüstungsboykotten auf einen ihnen genehmen politischen Weg zu zwingen. Da Einknicken für Ankara nicht infrage kam, blieb nur der Weg zur rüstungspolitischen Autonomie.
Dafür orchestrierte die Regierung Entwicklungsprogramme, koordinierte die Produktion der vielfach staatseigenen Konzerne. Daneben baute sie Fachhochschulen und Innovationszentren, sorgte für eine technisch gut ausgebildete Industriearbeiterschaft. Das kommt heute, in Zeiten allgemeiner wirtschaftlicher Flaute, der Rüstungsindustrie zugute.
Erdoğan will die weltweit steigende Nachfrage wirtschaftspolitisch nutzen und sein Land auf der Liste der größten Waffenexporteure von Rang elf ein wenig nach vorn bugsieren. Ausfuhrgenehmigungen sind in aller Regel kein Hemmnis.
Im Waffenbau will die Türkei autark werden
Inzwischen reklamiert die türkische Industrie eine Fertigungstiefe von mehr als 80 Prozent beim Bau von Drohnen, Raketen, Flugzeugen, Panzern und Korvetten. Erdoğan hat 100 Prozent Selbstversorgung als Ziel ausgegeben. Davon ist man noch ein paar Jahre entfernt, wie das Ringen um den Kauf von F-35-Flugzeugen aus den USA zeigt. Aber türkische Ingenieure haben schon anderswo bewiesen, dass sie schnell lernen.
Die türkischen Streitkräfte sind heute Erdoğans Armee. Sie sichert seinen Anspruch als Führer der Mittelmacht im Mittleren Osten; sie testet die neuesten Produkte der Waffenschmieden aus Istanbul und Ankara im Feld und macht sie so zu weltweiten Verkaufsschlagern. Hier treffen sich geopolitischer Anspruch und wirtschaftlicher Mehrwert.
Kampfdrohnen als Exportschlager
Der Aufstieg des privaten Istanbuler Technologiekonzerns und Drohnenherstellers Baykar wäre ohne den Einsatz seiner Bayraktar-Kampfdrohnen am libyschen Himmel und über den Schlachtfeldern Armeniens sowie später der Ukraine nicht vorstellbar gewesen. Zu der Zeit debattierte Deutschland darüber, ob Drohnen bewaffnet sein dürften. Heute fliegt Baykars Exportschlager in mehr als 40 Staaten, darunter in vielen der NATO.
Ob sich die türkische Rüstungsindustrie gegen die kampferprobten (Drohnen-)Entwickler der Ukraine durchsetzen kann, wenn diese mal exportieren dürfen, muss sich weisen. Zu verstecken brauchen die Türken sich aber nicht. Ihre günstigen Produkte sind weltweit gefragt, auch bei jenen, die einmal nicht bei den Großmächten einkaufen wollen.
Für die Verteidigungsbranche der Türkei kommt die Aufrüstungswelle zum richtigen Zeitpunkt. Sie hat, was der Markt sucht, sie kann die Produktion schnell hochfahren, Entwicklungen beschleunigen. Flexibilität beweisen die Unternehmen auch an anderer Stelle.
Weil Rüstung auch in Europa national organisiert wird, gehen türkische Hersteller Kooperationen mit lokalen Herstellern wie dem italienischen Verteidigungskonzern Leonardo ein oder kaufen sich gleich in – vornehmlich osteuropäische – Produktionsstandorte ein. So kommen sie indirekt in den Genuss billiger EU-Rüstungskredite.
Auch Deutschland, das viele Jahre aus Protest gegen Erdoğans Politik Rüstungsexporte erschwert hat, handelt nun flexibler. Dem Verkauf von 40 Eurofightern hat Berlin im vorigen Jahr zugestimmt. Mit 742 Millionen Euro wurden so viele Waffenverkäufe an Ankara genehmigt wie seit 1999 nicht. Das nennt man wohl Realpolitik. Man muss die politischen Winkelzüge und Ansichten Erdoğans nicht teilen und sollte sie kritisieren, aber die eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen auch nicht hintanstellen.
