Tim Pütz kramte noch in der Tennistasche, als sein Doppelpartner Kevin Krawietz längst abmarschbereit wartete. Als der Hesse schließlich seine Siebensachen beisammen hatte, verließen beide frustriert das zweitgrößte Tennisstadion von Wimbledon. Bis auf den Centre Court, wo an diesem Samstag das Endspiel im Herrendoppel ausgetragen wird, schafften sie es nicht nach einer Turnierwoche, in der sie ihre Erfolgsserie von einem Platz zum nächstgrößeren führte.
Letztlich reisten der Coburger und der in Usingen lebende Frankfurter ohne die ersehnte Trophäe aus London ab, hinterließen nach der 6:7/2:6-Niederlage im Halbfinale gegen Marcelo Arévalo/Mate Pavić (El Salvador/Kroatien) aber eine offene Frage: War’s das endgültig mit Wimbledon zu zweit?
Zu Hause warten Frau und Kinder
Es wird da und dort gemunkelt, dass das vierte gemeinsame Jahr auch das letzte sein könnte für Deutschlands bestes Doppel. Das hat nichts damit zu tun, dass Krawietz und Pütz der Spaß an der gemeinsamen Sache abhandengekommen wäre. Sondern eher damit, dass der Hesse am Saisonende 39 Jahre alt wird.
Wie bei seinem sportlichen Mitstreiter, der diesmal mit Sack und Pack nach London gereist war, warten auf den Hessen zu Hause Frau und zwei Kinder. Im Gespräch mit der F.A.Z antwortete Tim Pütz auf die Frage, ob dies womöglich der letzte gemeinsame Wimbledon-Auftritt gewesen sei: „Könnte schon sein. Das weiß man nie in meinem Alter. Selbst in Kevins Alter.“ Krawietz ist 34 und damit etwas mehr als vier Jahre jünger als Pütz.

Am Donnerstagnachmittag zeigte sich das Davis-Cup-Stammdoppel zunächst enttäuscht, dass ihnen der letzte Schritt misslang; anders als bei den US Open, wo sie vor zwei Jahren im Halbfinale Arévalo/Pavić schlugen, ehe sie im Endspiel der australischen Formation Max Purcell/Jordan Thompson unterlagen. Zuvor hatten sie sich beim Rasenklassiker in vier Matches nervenstark gezeigt und in jedem mindestens einen Tiebreak mit Geschick und Glück gewonnen.
Die makellose 5:0-Bilanz bekam im ersten Satz des Halbfinals einen folgenschweren Kratzer. Nach einem 0:4-Rückstand erkämpften sich die Deutschen drei Satzbälle, konnten sie aber nicht verwerten. „Die anderen beiden haben zwei Doppelfehler gemacht, und damit sollte man eigentlich den Tiebreak verlieren“, sagte Pütz. In solchen Situationen gehe es darum, „Fehler zu limitieren und möglichst gute Bälle einzubauen. Aber das kann man ja nicht kontrollieren.“
„Was will Venus Williams mit Tim Pütz?“
Tim Pütz hätte sich in Wimbledon die Gelegenheit geboten, sich außerhalb der Szene bekannter zu machen. Er hätte nur den Antrag der Tennisberühmtheit Venus Williams annehmen müssen. Beziehungsweise den Antrag ihres Mannes Andrea Preti, der für die Sechsundvierzigjährige quasi als Kuppler fungierte und Pütz vor einigen Wochen über Instagram nahelegte, mit seiner Gattin gemeinsame Sache zu machen. Weil er den gleichaltrigen Schauspieler und Produzenten gar nicht gekannt habe, war Pütz reichlich verblüfft. „Ich habe mir gedacht, was will Venus Williams mit Tim Pütz?“, sagte der Hesse in London.
Lange musste er nicht überlegen, hatte Pütz doch bereits einen festen Plan gefasst, in dem kein Mixed mit niemandem vorgesehen war: „Ich habe gesagt, danke, dass ihr mich fragt, ich kann es nicht glauben, dass ich Nein sage, aber vielen Dank.“ Wäre er im Doppelwettbewerb mit Krawietz nicht bis ins Halbfinale vorgedrungen, sondern früh ausgeschieden, wäre er nach Deutschland zurückgereist und hätte für TK Kurhaus Aachen in der Tennis-Bundesliga aufgeschlagen.

Nach der Kontaktanfrage des Ehepaares Williams-Preti sei er für einen Abend stolz gewesen, erzählte Pütz in London: „Und am nächsten Tag war der Kevin dann im Spiel.“ Erfolgreich endete die Kooperation des Coburgers mit der Amerikanerin allerdings nicht: Die beiden verloren gleich in der ersten Runde.
Als Nächstes spielen Krawietz und Pütz – getrennt voneinander – in der Bundesliga. Und genießen nebenbei das Familienleben, ehe es wieder in die Ferne geht. Schon Ende des Monats beginnt in Washington die amerikanische Hartplatzserie, danach stehen Montreal (Kanada) und Cincinnati auf dem Programm, ehe die US Open beginnen. Krawietz/Pütz sind keine Freunde des mobilen Arbeitens in Übersee. „Kurze Wege in Europa sind natürlich angenehmer als lange Wege. Außerdem ist zwischen Cincinnati und New York eine Lücke von fast zwei Wochen. Das kann ein bisschen zäh werden.“
Mit ihrer bisherigen Saison können die beiden zufrieden sein. Schlecht ging sie los mit dem Zweitrundenaus bei den Australian Open. Beim zweiten Grand-Slam-Turnier vor wenigen Wochen in Paris war nicht viel mehr drin als der Achtelfinaleinzug, weil sich Pütz wegen Hüftbeschwerden nicht so behände wie üblich bewegen konnte. Aber zwei Turniersiege beim Masters in Monte-Carlo sowie in Hamburg können sich mehr als sehen lassen. Die Saison sei „ein bisschen wie Achterbahnfahrt“ gewesen, sprach Krawietz für beide. Mit dem Halbfinale von Wimbledon „sind wir in ein paar Tagen wahrscheinlich schon irgendwo happy“.
Die in London gewonnenen Weltranglistenpunkte führen dazu, dass sich das Doppel in der am Montag erscheinenden Weltrangliste um einen Platz auf Position sieben verbessert haben wird. Die Chancen stehen gut, sich abermals für die ATP World Tour Finals Ende November zu qualifizieren, die Krawietz/Pütz 2024 gewonnen haben. Ob das Jahresabschlussturnier womöglich auch zum Schlusspunkt des deutschen Vorzeigedoppels wird?
