Als der amerikanische Film „The Most Dangerous Game“ 1932 in die Kinos kam, soll das Publikum schockiert gewesen sein. Der frühe Horrorfilm – in Deutschland war er unter dem Titel „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ zu sehen – erzählt von einem russischen Aristokraten, der vor seiner abgelegenen Privatinsel falsche Positionslichter gesetzt hat, um Schiffbrüche zu provozieren und dann zum Zeitvertreib Jagd auf Überlebende zu machen, die sich ans Ufer retten konnten. Der Titel des Films spielt mit der Doppelbedeutung des Wortes „game“, das im Englischen außer „Spiel“ auch „Wild“ oder „Jagdwild“ bedeuten kann.
Der Film, dessen weibliche Heldin Fay Wray ein Jahr später durch den Welterfolg „King Kong“ berühmt wurde, steht am Beginn eines ganzen Subgenres von Werken mit dem Leitmotiv der Jagd von Menschen auf Menschen. Reiche Männer, die aus Langeweile oder Spaß am Nervenkitzel Menschen jagen – Dutzende Filme variieren dieses Thema, alle paar Jahre kommt ein neuer.
Glaubt man Medienberichten, die in den vergangenen Monaten erschienen sind, ist die Menschenjagd aber nicht nur ein Thema für Hollywood. Es hat sie tatsächlich gegeben: während der Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo zwischen 1992 und 1995. Das wird in einem Film aus dem Jahr 2022 und zwei jüngst erschienenen Büchern behauptet. „Sarajevo Safari“ heißt das in dokumentarischer Aufmachung daherkommende Werk eines slowenischen Regisseurs, in dem ein Anonymus behauptet, während des Krieges für einen amerikanischen Geheimdienst gearbeitet und die ausländischen Menschenjäger gesehen zu haben.
Die Zeugen: Tick, Trick und Track
In den beiden Büchern behaupten ein italienischer und ein kroatischer Autor Ähnliches: Reiche Männer aus dem Westen, darunter viele Italiener, hätten viel Geld gezahlt, um auf Wochenendtrips von serbischen Stellungen aus Menschen in Sarajevo erschießen zu dürfen. Nur belegen alle drei Werke inhaltlich überhaupt nichts. Die angeblichen Zeugen sind alle entweder tot, widersprüchlich, unglaubwürdig oder nichtssagend. Immer wieder ist von „Mr. X“, dem „Ungenannten“ und diversen Namenlosen zu lesen. Man hätte sie auch Tick, Trick und Track nennen können. Wer sich dagegen in Sarajevo selbst umhört und mit Menschen spricht, die die Blockade überlebt haben, kann schnell auf immer mehr Widersprüche in der Geschichte stoßen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Bei Fra Mirko Majdandžić zum Beispiel, einem Mönch des in Bosnien seit mehr als einem halben Jahrtausend ansässigen Franziskanerordens. Wir treffen Bruder Mirko, wie sie ihn in der Stadt nennen, im Refektorium des Franziskanerklosters, es gibt Salzstangen und Automatenkaffee nach alter Väter Sitte. Der kroatische Bosnier, Jahrgang 1960, hat die gesamte Belagerung in Sarajevo verbracht, er war Sekretär des Provinzials, wie die Vorsteher einer franziskanischen Ordensprovinz heißen.

„Abgeschlossenheit und Wassermangel, das war das Schlimmste“, erinnert er sich. Es gab später zwar einen Tunnel unter dem Belagerungsring hindurch, doch um ihn zu benutzen, brauchte man eine Erlaubnis des Militärs, und junge Männer ab 16 bekamen diese Erlaubnis in der Regel nicht. Sie wurden als Wehrpflichtige zur Verteidigung gebraucht. Als Geistlicher habe er eine solche Genehmigung besessen, er habe die Stadt wohl an die hundertmal durch den Tunnel verlassen, um Dinge für das Überleben zu organisieren, sei aber natürlich stets wieder zurückgekehrt, sagt Bruder Mirko. „Andere waren jahrelang eingeschlossen. Wie in einem Lager.“
Und dann waren da die Scharfschützen. Einmal sei er mit dem Auto in der Stadt unterwegs gewesen, als jemand von einem getroffen wurde, erzählt der Mönch. Er habe den Mann in sein Auto geladen und ins Krankenhaus gebracht. Einige Monate später kam ein Fremder ins Kloster und fragte nach Bruder Mirko. Es war der Mann, den er ins Krankenhaus gebracht hatte. Er wollte sich bei seinem Lebensretter bedanken.
Die Scharfschützen waren jahrelang ein Teil des Lebens
Für Bruder Mirko sind die Geschichten von Scharfschützen nicht irgendwelche Legenden. Ihre Anwesenheit in den Bergen war für ihn wie für Hunderttausende andere im Kessel von Sarajevo jahrelang ein Teil des Lebens, eine tödliche Gefahr. Dennoch ist der Mönch skeptisch, wenn er auf die Geschichte von der „Sarajevo Safari“ angesprochen wird.

„Scharfschützen gab es, das schon. Aber zu glauben, dass da lauter ausländische Männer gekommen sein sollen, die Geld bezahlten, um zu schießen, fällt mir schwer“, sagt der Mönch. Natürlich habe es auf allen Seiten der Front Freiwillige gegeben. Und leider gebe es auch Menschen, die aus Vergnügen böse seien. Der Name Epstein fällt. Bruder Mirko sagt: „Je reicher ein Mensch ist, je mehr Macht er hat, desto größer wird vielleicht sein Bedürfnis, perverse Dinge zu tun. Aber diese Geschichte von italienischen Menschenjägern – warum haben wir während des Krieges nie davon gehört?“
Besonders hellhörig wird der Mönch, als er hört, dass der italienische Autor Ezio Gavazzeni in seinem vermeintlichen Enthüllungsbuch „I cecchini del weekend“ („Die Wochenend-Scharfschützen“) behauptet, die Franziskanermönche von Sarajevo hätten von der Sache gewusst. Ein Zeuge namens „AC“ soll Gavazzeni erzählt haben, dass er während des Krieges Hilfslieferungen nach Bosnien gebracht und dabei einen Franziskanerbruder kennengelernt habe, der sich in Sarajevo um die Verteilung kümmerte. Dieser Mönch aus Sarajevo, an dessen Namen sich „AC“ angeblich nicht erinnern konnte, habe ihm mehrfach gesagt, dass er Italiener gesehen habe, „die die Arbeit von Scharfschützen machten“.
Bruder Mirko staunt: „Dieser Italiener nennt wirklich einen Franziskaner als Zeugen?“ Das könne nicht sein. „Ich habe den ganzen Krieg hier verbracht. In Sarajevo waren wir damals 28, den Erzbischof eingeschlossen.“ Und von keinem Mitbruder habe er je gehört, was Gavazzenis Zeuge gehört haben will. Wie könne das sein? „Wir wissen doch, was wir erlebt haben.“ Er habe auch außerhalb seines Ordens nie einen Menschen aus Sarajevo getroffen, der irgendwelche italienischen Menschenjäger gesehen hätte.
Eine Belagerung ist kein Pfadfinderspiel
Wir sprechen darüber, wie so eine Begegnung überhaupt abgelaufen sein könnte. Um die Italiener als solche zu erkennen, sie also Italienisch reden zu hören, hätten sie aus den serbischen Stellungen herunter in Hörweite kommen müssen. Doch ist es nun einmal das Wesen einer Belagerung, dass es ein „Innen“ und ein „Außen“ gibt und man nicht einfach zwischen den Belagerungsringen herumhüpfen kann, als sei es ein Pfadfinderspiel.

Als er hört, dass laut den Büchern sogar Hunderte „Menschenjäger“ über Jahre hinweg zum Töten nach Sarajevo gekommen sein sollen, schüttelt der Mönch den Kopf: „Dieser Teil erscheint mir ziemlich unwirklich.“ Er bezweifle nicht die menschliche Fähigkeit zur Bosheit an sich. „Aber ich glaube nicht, dass es das als massenhaftes Phänomen gab und wir davon nichts mitbekommen haben.“ Natürlich sei er als Geistlicher nicht an der Front gewesen, schon gar nicht auf serbischer Seite. „Aber ich habe einen guten Bekannten, einen bosnischen Kroaten, der damals mit der Waffe in der Hand die Stadt verteidigte. Auch von ihm habe ich eine solche Geschichte nie gehört“, sagt Fra Mirko.
„Aber was ist mit dem Zeugen?“ Wer an der Legende der „Sarajevo Safari“ zweifelt, wird diese Frage oft hören. Und tatsächlich: Es gab vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien in Den Haag einen Zeugen, den amerikanischen Feuerwehrmann John Jordan, der in vager Form etwas ausgesagt hat, was als Bestätigung der Behauptung gedeutet werden kann, es habe in den Jahren der Belagerung zahlende Mordtouristen in den serbischen Stellungen oberhalb Sarajevos gegeben.
Jordan war offiziell als freiwilliger Helfer in der belagerten Stadt. Anfang 2007 sagte er in einem Verfahren gegen einen serbischen General aus. Er behauptete, im Sarajevoer Stadtteil Grbavica, der von serbischen Kräften gehalten wurde, Männer beobachtet zu haben (oder auch nur einen Mann – Jordan mäandert bei seiner Aussage zwischen Singular und Plural), die offenkundig mit dem Terrain nicht vertraut waren und von serbischen Kämpfern herumgeführt wurden. Jordan spricht von „Touristenschützen“. Zwar habe er sie nie schießen sehen, doch habe er gesehen, wie sie von einer Scharfschützenposition zur nächsten geführt wurden.
Bei näherem Hinsehen bleibt von dem Beweis nichts übrig
Wer will, kann in diese Worte viel hineinlesen. Der italienische Recherchesimulant Gavazzeni wollte. In seinem Buch nennt er Jordans Aussage sogar „entscheidend“, um die „Sarajevo Safaris“ zu verstehen. Viele Medien haben Gavazzenis Lesart übernommen. Ein Zeuge! Vor dem Tribunal! Wenn das kein Beweis ist! Nur: Bei näherem Hinsehen bleibt von dem angeblichen Beweis nichts übrig.

Zunächst ist es hilfreich, sich zu fragen, was eine Zeugenaussage vor dem Haager Tribunal bedeutet – und was nicht. Das Jugoslawien-Tribunal existierte von 1993 bis 2017, fast 25 Jahre lang. In dieser Zeit wurden 160 Männer und eine Frau wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Die aufwendig geführten Verfahren dauerten jahrelang. Bis zum Juni 2015 hatten laut Angaben des Gerichts 4650 Zeugen in den Verfahren ausgesagt. Von diesen 4650 sprach einer von ausländischen „Touristenschützen“ in Sarajevo. 4649 taten es nicht. Zwar wurden längst nicht alle Zeugen zur Belagerung Sarajevos befragt, doch die Zahl vermittelt einen Eindruck davon, welches Gewicht einer einzigen Aussage beizumessen ist. Und wie verlässlich ist der Zeuge John Jordan überhaupt?
Zwei Menschen verstehen von dieser Frage mehr als alle anderen: die einstige Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte und ihr Nachfolger Serge Brammertz. Del Ponte war von 1999 bis 2007 Chefin der Anklagebehörde des Tribunals, Brammertz wurde 2008 ihr Nachfolger. Beide konnten sich auf einen großen Stab stützen, der jahrelang nichts anderes tat, als zu Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien zu ermitteln.„Ich hätte mit all meinen Bemühungen wenig erreichen können, wären da nicht meine Berater gewesen und ein ganzer Stab von Anwälten, Fachleuten, Ermittlern, Sprachexperten, Schreibkräften, Beweiserhebungsspezialisten, Computerfachleuten und noch viele andere“, schreibt Del Ponte in ihren Memoiren „Im Namen der Anklage. Meine Jagd auf Kriegsverbrecher und die Suche nach Gerechtigkeit“.
In diesen Memoiren erwähnt sie eine „Sarajevo Safari“ übrigens mit keinem Wort. Und zwar gewiss nicht, weil die resolute Juristin, die sich in ihrer Laufbahn mit der italienischen Mafia und russischen Oligarchen anlegte, Angst vor irgendjemandem hätte. Eher wohl, weil sie keine Zeit auf Legenden verschwendet.
Fest steht: Wenn es Fachleute gibt, die über Kriegsverbrechen im einstigen Jugoslawien Bescheid wissen, dann sind es Del Ponte, Brammertz und ihre Mitarbeiter. Seltsamerweise kamen weder der Regisseur des Films „Sarajevo Safari“ noch die beiden selbst ernannten Investigativautoren auf den Gedanken, Del Ponte und Brammertz zu kontaktieren. Zumindest findet sich keine Spur davon. Wobei das Ergebnis womöglich ähnlich ausgefallen wäre wie bei der F.A.S.: Wir kontaktierten Carla Del Ponte per E-Mail, doch die zurückgezogen lebende frühere Staatsanwältin, mit 79 Jahren längst im Ruhestand, antwortete nicht. Serge Brammertz bat mit Blick auf seine heutige Position um Verständnis dafür, dass er die laufenden Ermittlungen in Italien, Belgien und Österreich nicht öffentlich kommentieren könne. Brammertz leitet einen Nachfolgemechanismus des Tribunals, der die letzten Fälle abwickelt.
„Die haben nichts. Alles nur Hörensagen“
Ein früherer hoher Mitarbeiter der Anklagebehörde des Haager Tribunals war jedoch zu einem Gespräch bereit – sofern sein Name nicht in der Zeitung auftaucht. Was schade ist, denn der Name des bestens vernetzten Juristen hat in der Fachwelt einen hervorragenden Klang. Der Mann ist wütend über die „Legende“, wie er sie am Telefon nennt: „Diese Sache lenkt ab von der dringend nötigen Suche nach echten Verbrechern, die echte Kriegsverbrechen begangen haben.“

Der Mann fasst zusammen: In den mehr als zehn Millionen Seiten an Unterlagen des Tribunals, die elektronisch einsehbar sind, finde sich außer Jordans Behauptungen zwar einiges zu Scharfschützen, aber nichts zu angeblichen Mordtouristen aus dem Ausland. Auch ehemalige Staatsanwälte des Tribunals, die spezifisch zu Kriegsverbrechen bei der Belagerung Sarajevos ermittelt haben, konnten nicht weiterhelfen: „Keiner hatte je etwas von Safari-Snipern gehört.“ Ähnlich sei es bei den Staatsanwaltschaften in Bosnien, Italien und Belgien: „Die haben nichts. Alles nur Hörensagen. Wie in den beiden Büchern.“ Im Übrigen seien die Aussagen Jordans seinerzeit vom Gericht als „total unglaubwürdig“ verworfen worden. In der Urteilsbegründung spielten sie keine Rolle.
Die F.A.S. hat mit knapp einem Dutzend weiterer Personen gesprochen, die die Belagerung von Sarajevo überlebt oder sich mit dem Thema befasst haben. Das Ergebnis war immer das gleiche: Nicht nur gibt es keine Beweise für eine angebliche Menschenjagd durch reiche Ausländer in Sarajevo, es gibt nicht einmal plausible Indizien. Dafür aber viele Hinweise auf Widersprüche, Irrtümer und groteske Fehlurteile in dem Film und insbesondere in den beiden Büchern, die den ganzen Hype ausgelöst haben.
Fazit: Die Geschichte von der bosnischen Menschenjagd durch Hunderte reicher Ausländer ist ungefähr so realistisch wie die Behauptung, King Kong sei während des Krieges aufgetaucht, um Sarajevo zu verteidigen. Mit einem Unterschied: Die Geschichte von King Kong als Retter Sarajevos ist so offenkundig erfunden, dass ausländische Medien sie nicht einfach nacherzählt hätten, als handele es sich dabei um eine Tatsache.
