
Die NATO sei stärker als je zuvor, behauptet deren Generalsekretär Rutte aus naheliegenden Gründen. Auch der deutsche Verteidigungsminister Pistorius spricht von der stärksten NATO „ever“.
Tatsächlich ist das Verteidigungsbündnis nach den Beitritten Schwedens und Finnlands größer als je zuvor. Allerdings sind damit auch die Grenzen länger geworden, die geschützt werden müssen. Und es stehen dafür viel weniger Soldaten und Waffensysteme zur Verfügung als in den Zeiten des ersten Kalten Krieges; man muss sich dazu nur Größe und Bewaffnung der Bundeswehr anschauen.
Trump sät Zweifel an Amerikas Beistand
Das Hauptproblem der NATO besteht freilich darin, dass ihr stärkstes Mitglied unter Trump zu einem unsicheren Kantonisten wurde. Es ist ungewisser als je zuvor, ob Amerika den Europäern im Kriegsfall zur Seite stünde. Trump sät immer wieder Zweifel daran. Er droht mit Truppenabzug und kündigt Vereinbarungen. Dazu gehörte auch die Zusage Bidens, in Deutschland amerikanische Marschflugkörper zu stationieren, bis die Europäer selbst solche Systeme gebaut haben. Deren Aufgabe ist die Abschreckung Putins vor einem Angriff auf das europäische Bündnisgebiet.
Wie Bundeskanzler Merz berichtet, hat Trump nun aber wenigstens dem Verkauf solcher Raketen an Deutschland zugestimmt; hoffentlich bleibt er dabei. Mit ihnen wird eine Fähigkeitslücke geschlossen. Im Kriegsfall muss man nicht nur die Drohnen, Raketen und Panzerspitzen eines Angreifers bekämpfen können, sondern auch deren Startplätze, Kommandozentralen und Nachschubwege. Nichts schmerzt Putin mehr als die ukrainischen Angriffe darauf und auf seine Raffinerien und Rüstungsfabriken tief in Russland.
Die Tomahawk-Flugkörper haben ein deutlich größeres Kaliber als Kiews Drohnen, befinden sich aber immer noch nicht in der Liga des Schreckens, in der die russischen Iskander-Raketen spielen. Diese nuklear bestückbaren Geschosse hat Putin nur wenige Flugminuten von Berlin und Warschau entfernt stationiert. Die konventionelle Version feuerte er schon vielfach auf Kiew ab. Die Ukrainer haben bislang keine vergleichbare Waffe, mit der sie den Kreml davon abschrecken könnten.
