Die USA haben einem Verkauf des Marschflugkörpers Tomahawk an Deutschland zugestimmt. Das sei am Rande des Nato-Gipfels in Ankara vereinbart worden, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in seiner Regierungserklärung. Was macht diese Waffe aus deutscher Sicht besonders? Gäbe es europäische Alternativen? Antworten auf die wichtigsten Fragen

Was ist der Tomahawk?

Der Tomahawk ist ein Marschflugkörper des US-Herstellers Raytheon und eine der bekanntesten reichweitenstarken Waffen der USA. Je nach Version kann der Tomahawk Ziele in 1.600 bis 2.500 Kilometern Reichweite treffen. Anders als ballistische Raketen sind Marschflugkörper im Flug steuerbar und können somit gegnerische Flugabwehrstellungen umgehen. Durch eine niedrige Flughöhe von weniger als 200 Metern können sie zudem trotz einer vergleichsweise niedrigen Geschwindigkeit von etwa 900 Kilometern pro Stunde schwer von Radaren erfasst werden. 

Ursprünglich wird der Tomahawk von Schiffen aus abgefeuert. In den vergangenen Jahren haben die USA allerdings die Abschussrampe Typhon entwickelt, durch die Tomahawks auch von Land aus abgefeuert werden können. Bodengestützte Abschussrampen können schnell verlegt werden und sind weniger durch feindliche Gegenangriffe gefährdet. In der Vergangenheit konnten bestimmte Versionen des Tomahawk auch nukleare Gefechtsköpfe tragen, allerdings werden diese Modelle der Waffe nicht mehr benutzt. 

Ein Tomahawk-Marschflugkörper ist rund sechs Meter lang, 1,5 Tonnen schwer und kostet pro Stück rund 2 Millionen US-Dollar. Die tatsächlichen Stückkosten sind bei größeren Rüstungsgeschäften häufig höher, da Ersatzteile und Wartung meist mitbestellt werden.

Eine Typhon-Abschussvorrichtung für Tomahawk-Marschflugkörper bei einer Militärübung in Japan im September 2025 © Tim Kelly/​Reuters

Was unterscheidet ihn von schon verfügbaren Waffen?

Allem voran ist es die Reichweite des Tomahawks, die ihn von anderen Waffen im Arsenal der Bundeswehr unterscheiden. Die derzeit reichweitenstärkste verfügbare Waffe ist der Marschflugkörper Taurus. Dieser kann Ziele in bis zu 500 Kilometern bekämpfen. 

In Wirklichkeit ist der Einsatzradius von Marschflugkörpern allerdings niedriger als die formelle maximale Reichweite: Die Waffe ist nicht darauf ausgerichtet, eine gerade Flugbahn zu fliegen. Meist wird eine Route mit vielen Kurven programmiert, um die gegnerische Flugabwehr zu umgehen. Das gilt auch für den Tomahawk, der aber dennoch mindestens dreimal weiter fliegen kann als der Taurus. Deutschland will zwar auch US-Marschflugkörper des Typs JASSM-ER beschaffen, die eine größere Reichweite haben als der Taurus. Doch auch sie liegen mit weniger als 1.000 Kilometern unterhalb der Möglichkeiten des Tomahawk.

Ein weiteres Merkmal der Waffe, die sie vom Taurus unterscheidet, ist die Möglichkeit eines Einsatzes von Land aus. Taurus-Marschflugkörper werden von Kampfjets aus abgefeuert, die sich dafür dem gegnerischen Luftraum nähern oder sogar in ihn eindringen müssen. Das birgt das Risiko eines Abschusses durch die Flugabwehr. Für bodengestützte Systeme trifft das nicht zu.

Warum will Deutschland den Tomahawk beschaffen?

Im Jahr 2018 hat Russland in seiner Exklave Kaliningrad Raketen des Typs Iskander stationiert. Von dort aus können die Raketen Städte wie Warschau, Berlin und Kopenhagen binnen weniger Minuten erreichen. Russland hatte die Stationierung als Reaktion auf die Verlegung mehrerer Nato-Bataillone in östlichen Nato-Staaten bezeichnet, obwohl die Nato-Einheiten nicht mit vergleichbaren Waffen ausgestattet waren. 

Eine russische Iskander-Raketenvorrichtung am 9. Mai auf dem Roten Platz © Kirill Kudryavtsev/​AFP via Getty Images

Seit die russischen Raketen in Kaliningrad stationiert sind, sprechen Sicherheitspolitiker aufseiten Deutschlands oder anderer Nato-Staaten in Ost- und Mitteleuropa von einer Abschreckungslücke: In keinem Nato-Staat der Region sind bisher ähnliche Waffen stationiert. Russland hat sich somit einen Vorteil in einem hypothetischen Konflikt verschafft. Eine Waffengleichheit, wie sie als Voraussetzung für Balance im Rahmen gegenseitiger Abschreckung gilt, ist somit bislang nicht gegeben. Der Tomahawk soll diese Abschreckungslücke schließen.

Weswegen ist die US-Zusage überraschend?

Die US-Regierung von Präsident Joe Biden hatte 2024 mit dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz vereinbart, Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland zu stationieren. Ein mit ihnen ausgestatteter Verband des US-Militärs sollte auch über Flugabwehrraketen des Typs SM-6 und, bei Abschluss der noch laufenden Entwicklung, die Hyperschallwaffe Dark Eagle verfügen. Die Waffen würden von US-Soldaten bedient. 

Parallel dazu beantragte die Bundesregierung bei den USA vor mehr als einem Jahr auch einen Kauf von bis zu 400 Tomahawks sowie Typhon-Abschussrampen für sie. Dadurch könnten Bundeswehrsoldaten die Waffen unabhängig von den USA bedienen. Die US-Regierung von Präsident Donald Trump lehnte den Kauf zunächst nicht ab, ließ die Anfrage aber über lange Zeit unbeantwortet. 

Im Frühjahr kündigte Trump an, auf die von Biden zugesicherte Stationierung verzichten zu wollen. Der Hintergrund der Entscheidung ist unklar. Als mögliches Motiv gelten Vorbehalte des russischen Staatschefs Wladimir Putin gegen die Stationierung. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und auch Kanzler Merz sagten daraufhin, sie würden auch keine Genehmigung des angefragten Kaufs erwarten.

Als Grund dafür gilt nicht zuletzt der intensive Einsatz des Tomahawk durch die US-Truppen im Krieg gegen den Iran. Binnen weniger Wochen wurden dort laut Experten mehr als 1.000 Marschflugkörper des Typs eingesetzt – ein beträchtlicher Teil des US-Arsenals und der Gegenwert mehrerer Jahresproduktionen. Dass die USA eine nennenswerte Zahl von Tomahawks verkaufen und ihr eigenes Arsenal damit weiter ausdünnen würden, galt daher als unwahrscheinlich. 

Was ist über Details des Kaufs bekannt?

Bekannt ist derzeit weder die Zahl der Marschflugkörper, die geliefert werden soll, noch die Kosten. Sollte der Verkauf der im vergangenen Jahr kolportierten Zahl von 400 Stück entsprechen, dürften die Kosten in einem niedrig einstelligen Milliardenbereich liegen. So hatte Japan 2024 angekündigt, für 400 Tomahawk-Flugkörper 1,7 Milliarden Dollar zu zahlen. 

Auch der Zeitpunkt der Lieferung ist unklar. Die von Biden und Scholz 2024 vereinbarte und inzwischen abgesagte Stationierung des Marschflugkörpers in Deutschland war für diesen Sommer geplant. Von dem Kauf kann sie also nur ersetzt werden, falls eine kurze Lieferzeit vereinbart wird. 

Weswegen sind Tomahawks nur eine Übergangslösung?

Langfristig will sich Deutschland ebenso wie weitere europäische Nato-Staaten von der Abhängigkeit von den USA bei reichweitenstarken Waffen wie dem Tomahawk lösen. Unter Eindruck des von Russland 2022 begonnen vollumfänglichen Krieges gegen die Ukraine riefen Frankreich, Deutschland und mehrere weitere Länder die sogenannte Elsa-Initiative ins Leben. Dieser European Long Range Strike Approach (»Europäischer Ansatz für weitreichende Schläge«) ist ein übergeordnetes Programm, unter dessen Dach zahlreiche Rüstungsprojekte zur Entwicklung weitreichender Waffen zusammengefasst sind.

Dazu gehören beispielsweise weitreichende Drohnen, Marschflugkörper verschiedener Typen, ballistische Raketen und Hyperschallwaffen. Darüber hinaus wollen Großbritannien und Deutschland eine mindestens 2.000 Kilometer weit reichende Waffe noch nicht geklärten Typs entwickeln. Europaweit sind derzeit Tomahawk-Marschflugkörper im britischen Arsenal die reichweitenstärkste verfügbare Waffe, einen vergleichbaren europäischen Flugkörper gibt es nicht.

Bundeskanzler Merz sagte in seiner Regierungserklärung, trotz des nun doch genehmigten Tomahawk-Verkaufs werde die Bundesregierung an den europäischen Waffenprojekten festhalten. Diese allerdings dürften nach Einschätzung von Experten frühestens Mitte der 2030er Jahre in Dienst gestellt werden. Bis dahin sollen Tomahawk-Flugkörper als Übergangslösung dienen. 

Was bedeutet der Kauf politisch?

Die Zustimmung der US-Regierung zu dem Tomahawk-Verkauf erweckt den Eindruck einer Aussöhnung zwischen den USA und Deutschland. Das gegenseitige Verhältnis litt zuletzt unter Vorwürfen Trumps, Deutschland gebe nicht genug für die Verteidigung aus – obwohl die Bundesregierung ihr Rüstungsetat binnen weniger Jahre mehr als verdoppelt hat und das neue 3,5-Prozent-Ziel der Nato nicht wie vereinbart bis 2035, sondern bereits vor 2030 erreichen will. Dabei geht es um den Anteil an der Wirtschaftskraft eines Landes, der für Verteidigung ausgegeben werden soll. 2025 hatte die Nato unter Druck Trumps beschlossen, das bisher gültige zwei-Prozent-Ziel auf 3,5 Prozent zu erhöhen, weitere 1,5 Prozent sollen in militärisch nutzbare Infrastruktur fließen.

Dass die Waffe an Deutschland verkauft, nicht aber wie von Biden angekündigt für den Einsatz durch US-Truppen in Deutschland stationiert wird, passt zudem in das neue Konzept der Nato. Dieses sieht vor, dass die europäischen Länder nicht nur mehr für ihre Streitkräfte ausgeben, sondern auch mehr Verantwortung bei der Verteidigungsplanung übernehmen sollen. Dabei sollen sie sich auch weniger auf in Europa stationierte Waffen der USA verlassen. Die US-Regierung will hingegen Tausende Soldaten aus Europa abziehen und Waffen wie Kampfjets zwar weiter in Europa stationieren, sie aber in geringerem Ausmaß als bisher dem Nato-Kommando unterstellen. 

Entlastend für das US-europäische Verhältnis dürfte auch der wirtschaftliche Aspekt des Rüstungsgeschäfts sein. Zwar fordert Trump die europäischen Länder immer wieder zu mehr Eigenständigkeit bei der Verteidigung auf. Dennoch sind auch die USA daran interessiert, dass weiter US-Waffen für den europäischen Bedarf eingekauft werden. Die US-Rüstungsindustrie litt seit Trumps Amtsantritt darunter, dass mehrere europäische Staaten auf den geplanten Kauf von US-Waffen wie Kampfjets und Flugabwehrsystemen zugunsten europäischer Alternativen verzichtet haben. 

Was heißt das Rüstungsgeschäft für das europäisch-russische Verhältnis?

Auch Russland spielt bei den politischen Auswirkungen des Kaufs eine Rolle. Das Regime von Wladimir Putin ist stark daran interessiert, dass es keine derartigen Waffen in europäischen Arsenalen gibt und bezeichnet derartige Käufe als Eskalationsrisiko. Zu einem Abzug der Iskander-Raketen aus Kaliningrad sowie der in Belarus nach 2022 stationierten Atomwaffen ist Russland allerdings nicht bereit. 

Die Stationierung des Tomahawks in Europa könnte potenziell auch eine Chance sein, aus einer stärkeren Position heraus Verhandlungen über eine gegenseitige Abrüstung zu führen. Indizien dafür, dass das derzeit möglich ist, gibt es allerdings nicht. So kündigte Putin 2024 an, »spiegelgerecht« auf eine Stationierung des Tomahawks in Deutschland zu reagieren – obgleich es sich dabei um eine Reaktion auf die Iskander-Stationierung in Kaliningrad handelt.

Welche Rolle spielen Angriffswaffen wie der Tomahawk bei der Verteidigung?

Kritiker einer Stationierung des Tomahawks in Deutschland bemängeln, dass es sich dabei um eine Waffe handelt, die Ziele tief im Inneren Russlands treffen kann und damit nicht der defensiven Ausrichtung der Bundeswehr sowie der Nato diene. Befürworter argumentieren hingegen: Die Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungswaffen sei keine militärische, sondern eine politische. 

So seien Verteidigungswaffen wie etwa Raketenabwehrsysteme nicht ausreichend für eine wirksame Abschreckung. Darauf deuten auch die Erfahrungen aus den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten: Flugabwehrraketen sind in begrenzter Zahl verfügbar und deutlich teurer als die Waffen, die mit ihnen abgeschossen werden. Der Ansatz, potenzielle Angreifer durch eine starke Flugabwehr abzuschrecken, funktioniere daher nicht: Im Konfliktfall sei davon auszugehen, dass sich die Bestände der Flugabwehr schnell leeren. 

Waffen wie der Tomahawk würden hingegen besser zur Abschreckung beitragen, weil sich mit ihnen auch die Abschussstellungen eines Angreifers sowie dessen Rüstungsproduktion angreifen ließe. Das Risiko eines Angriffs würde sich für einen Aggressor somit erhöhen, das soll wiederum die Schwelle für eine Eskalation anheben.