
Es gibt sie noch: Sommertage mit angenehmen 28 Grad, wie am Montag, an denen der Kunde gerne eine Hose in der Umkleidekabine anprobiert und anschließend in luftiger Höhe auf der Kaufhausdachterrasse einen Kaffee trinkt. Nach der großen Hitze in den beiden letzten Juniwochen hat sich auch in Frankfurt kühlere Luft durchgesetzt. Alle atmen auf.
Die Hitzewelle war hart für den stationären Einzelhandel. Wie die Zahlen des Analyseunternehmens Hystreet, das die Passantenfrequenz in Innenstädten misst, für die vier Samstage im Juni auf der Zeil in Frankfurt zeigen, sind die Besucherzahlen mit der Hitzewelle regelrecht eingebrochen. Wurden am zweiten Juni bei einer Maximaltemperatur von 25,6 Grad – die Station des Deutschen Wetterdienstes steht im Westend – noch 121.350 Besucher gezählt, waren es ein Wochenende später bei 35,9 Grad schon 27 Prozent weniger. Noch mal zwei Wochenenden später, als das Thermometer auf 41,2 Grad kletterte, waren es sogar 53 Prozent weniger als am 13. Juni.
„Bei diesen Temperaturen fällt der Stadtbummel aus“, sagt Tatjana Steinbrenner, Vizepräsidentin beim Handelsverband Hessen, die das Kaufhaus Ganz in Bensheim betreibt. Mit dem Beginn der Schulferien in Hessen, der auf das letzte und heißeste Wochenende im Juni fiel, seien die Kundenzahlen doppelt nach unten gegangen. Verkaufsaktionen zum Ferienstart hätten noch etwas gerettet, unter den Kunden habe es viele Männer gegeben, die festgestellt hätten, „dass eine kurze Hose im Kleiderschrank zu wenig ist“, und dann gleich mehrere Sommerhosen und T-Shirts gekauft hätten. „Das hat geholfen.“
Doch unter dem Strich bleibe ein Minus von zwei bis drei Prozent, sagt die Geschäftsfrau. Dabei habe der Monat gut angefangen. Das bestätigt Jochen Ruths, Präsident des Handelsverbands Hessen und Chef der Modekaufhäuser Ruths in Friedberg und Bad Nauheim, der den Monat mit einem Umsatzplus von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr besser weggesteckt hat. „Der Juni war hervorragend, bis die große Hitze kam.“
„Wir haben gekühlt, was zu kühlen ging“
Die Geschäftshäuser der beiden Kaufleute sind klimatisiert. „Wir haben gekühlt, was zu kühlen ging“, sagt Ruths. Er berichtet von Kunden, die sich selbst für verrückt erklärt hätten, bei 40 Grad in die Stadt zu fahren und sich dann gewundert hätten, „wie angenehm“ die Temperaturen im Geschäft seien. Kollegin Steinbrenner äußert sich weniger optimistisch angesichts der Hitzerekorde. „Unsere Klimaanlagen packen es irgendwann nicht mehr.“ Vor allem in den oberen Geschossen.
Generell im Vorteil sind Einkaufszentren an heißen Tagen, weil Kunden hier von Geschäft zu Geschäft über gekühlte Flure gehen. Davon hat offenbar auch das Einkaufszentrum My Zeil in der Frankfurter Innenstadt profitiert. Centermanagerin Andrea Poul berichtet von einem Plus bei der Frequenz im Vergleich zum Vorjahr. Bei der Hitze gingen die Leute gerne ins Kino. Die Foodtopia-Etage sei gut durchlüftet und gekühlt. Allerdings kämen die großen Shoppingmalls bei einer Hitzewelle wie zuletzt an Grenzen.
Laut Poul werden die Häuser der Hamburger ECE-Gruppe, die in Frankfurt neben dem My Zeil auch das Skyline Plaza und das Hessen-Center betreibt, grundsätzlich nicht stärker als sechs Grad im Vergleich zur Außentemperatur heruntergekühlt. Das heißt: Bei 40 Grad Außentemperatur herrschen drinnen immer noch 34 Grad. Für die Regelung führt Poul neben der Kostenersparnis gesundheitliche Gründe an. Treten Kunden aus einem stark heruntergekühlten Raum wieder nach draußen in die Hitze, besteht die Gefahr eines Kreislaufkollapses.
Das gilt nicht nur für Kunden, sondern auch für die Beschäftigten in den Kaufhäusern. Kreislaufschwierigkeiten, Magen-Darm-Erkrankungen, schlechter Schlaf – an Hitzetagen machten auch Mitarbeiter schlapp, sagt Steinbrenner. „Wir haben hohe Ausfallquoten.“ Helfen würden Kunden wie Belegschaft Angebote wie Freigetränke und Sitzgelegenheiten zum Ausruhen.
Darüber hinaus ist die jüngste Hitzewelle für die Vizepräsidentin („Man macht sich Sorgen“) Anlass, über Anpassungen in den Innenstädten nachzudenken und Versäumtes aufzuholen. „Wir sind in Deutschland hintendran.“ In Spanien habe jedes noch so kleine Lokal eine professionelle Klimaanlage. In Branchenkreisen, etwa auch beim Frankfurter Arbeitskreis „Zukunft Innenstadt“, sei die Hitze ein „Riesenthema“. Und eines, das man nach Steinbrenners Ansicht mit dem Aufstellen von Blumentöpfen allein nicht in den Griff bekommt. „Bei der Betonwüste, die wir teilweise haben“, müsse man größer denken, Flächen aufreißen, Bäume pflanzen.
Jochen Ruths erinnert an die hohen Häuser und engen Gassen in italienischen Städten, an kühlere Laubengänge in Bozen. „Das hat alles schon seinen Grund.“ Den Blick allein auf die Frage zu richten, wie Städte resilienter im Klimawandel werden, hält er jedoch für den falschen Ansatz. „Wenn es im Sommer heiß ist, ist es heiß.“ Er plädiert dafür, „grüne Orte“ zu suchen, Orte mit Gastronomie und Angeboten wie Wasserspielen, an denen es ein paar Grad kühler ist als an den Hotspots in der Stadt. Als positives Beispiel nennt er die Burganlagen in Friedberg, die seit Juni wieder ein festes gastronomisches Angebot hätten.
