Die kanadische Regierung beauftragt den deutschen Marineschiffbauer TKMS aus Kiel damit, eine U-Boot-Flotte für das nordamerikanische Land zu bauen. Das hat der kanadische Premierminister Mark Carney am Montag in Halifax bekanntgeben, bevor er sich auf den Weg zum NATO-Gipfel in der Türkei macht. Es handelt sich dabei noch nicht um einen fertig abgeschlossenen Vertrag – bis dahin könnte noch einige Zeit ins Land gehen –, sondern lediglich um die Bekanntgabe eines bevorzugten Bieters, mit dem nun in die Detailverhandlungen gegangen wird. Schon im Vorfeld hatten kanadische Medien berichtet, dass die Deutschen den Zuschlag bekommen würden. Das absehbare Ende einer monatelangen Wartezeit beflügelte daraufhin den Aktienkurs von TKMS, der am Montag um bis zu neun Prozent nach oben ging.
Oliver Burkhard, der Vorstandsvorsitzende von TKMS, begrüßte in einer ersten Reaktion die Entscheidung: „Das ist ein wichtiger Tag – für Kanada, Deutschland und Norwegen“. Deutschland und Norwegen haben das Angebot gemeinsam mit TKMS unterbreitet. Man übernehme den größten Einzelauftrag in der Geschichte von TKMS, sagte Burkhard, „und damit geht ein klares Versprechen einher: Wir werden liefern.“
„Die weltweit größte und modernste konventionelle U-Boot-Flotte“
Auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) reagierte umgehend auf die Entscheidung: „Gemeinsam werden wir die weltweit größte und modernste konventionelle U-Boot-Flotte aufbauen.“

Die Nachricht ist ein enormer Erfolg, nicht nur für TKMS (vormals Thyssenkrupp Marine Systems), sondern auch für Deutschland, das im Bieterverfahren um den Auftrag zuletzt ein ganzes Industriepaket geschnürt hatte. Es geht um viel – potentiell bis zu zwölf U-Boote, nach früheren Informationen ist die Rede von einem Bestellwert von rund 60 Milliarden kanadischen Dollar (rund 37 Milliarden Euro). Von TKMS hieß es am Montag, der endgültige Vorschlag werde während der Projektlaufzeit in ganz Kanada eine wirtschaftliche Gesamtaktivität in Höhe von 167 Milliarden kanadischen Dollar (rund 103 Milliarden Euro) generieren, wirtschaftliche Auswirkungen von mehr als 86 Milliarden kanadischen Dollar (rund 53 Milliarden Euro) erzielen und mehr als 650.000 Arbeitsjahre schaffen.
Neben TKMS war zuletzt nur noch ein Kandidat im Rennen um die Großbestellung verblieben: der südkoreanische U-Boot-Typ KSS-III, der vom Unternehmen Hanwha Ocean gebaut wird. Der siegreiche deutsch-norwegische U-Boot-Typ 212 CD wird nun von einem Konsortium geführt von TKMS mit Kongsberg Defence & Aerospace (KDA) aus Norwegen gebaut werden.
Besser mit Strukturen, Verfahren und Technik in der NATO vereinbar
Deutschland ist gemeinsam mit Norwegen und mittlerweile auch Dänemark über eine maritime Sicherheitspartnerschaft mit Kanada verbunden, die auch auf Rüstungskooperation basiert. TKMS baut ohnehin schon für Norwegen und Deutschland insgesamt zwölf U-Boote des Typs 212 CD. Zusammen mit dem neuen Auftrag aus Kanada macht das in der NATO dann 24 baugleiche Schiffe.
Im Buhlen um den Riesenauftrag hatte TKMS häufig die „Interoperabilität“ als großen Vorteil genannt. Dabei geht es darum, dass sich die deutsch-norwegischen U-Boote leichter in die Strukturen, Verfahren und Technik anderer NATO-Marinen einfügen als ein stärker eigenständiges koreanisches Modell.
Es gibt aber auch einen zeitlichen Vorteil: Weil Deutschland und Norwegen schon im Jahr 2023 baugleiche Modelle wie Kanada bestellt haben, ist der Bau der ersten U-Boote mittlerweile schon weit fortgeschritten. In der Reihenfolge, welches U-Boot wann an welches Land ausgeliefert wird, gibt es daher Spielräume. Kanada benötigt eine schnelle Lieferung, am besten „gestern“, hatte David Patchell, der Kommandeur der kanadischen Streitkräfte im Pazifik kürzlich der Zeitung „Ottawa Citizen“ gesagt. TKMS teilte am Montag mit, das erste Boot an Kanada solle bis 2033 ausgeliefert werden.
Ein ganzes Industriepaket
Die deutsche Seite hatte im Wettbieten um den Deal ein Industriepaket geschnürt, das zahlreiche Investitions- und Liefervorhaben enthält, die über den reinen U-Boot-Auftrag weit hinausgehen. Zum Teil sind sie damit verknüpft, zum Teil betreffen sie jedenfalls den Rüstungsbereich. Insgesamt soll sichergestellt werden, dass Deutschland nicht einseitig von der kanadischen Aufrüstung profitiert und dass auch in Kanada investiert wird und Arbeitsplätze entstehen.

So haben etwa TKMS und der kanadische Technologiekonzern CAE ein Kooperationsabkommen vereinbart, bei dem es um die Ausbildung von U-Boot-Besatzungen geht. Zusammen mit Isar Aerospace soll der Bau einer Startinfrastruktur für Satelliten und Trägerraketen in Kanada vorangetrieben werden. Eine zum Thyssenkrupp-Konzern gehörende Gesellschaft bringt sich in den Aufbau eines Zentrums für CO₂-Abscheidung ein. Auch das Angebot des bundeseigenen Gasimporteurs Sefe, von Kanada künftig jährlich eine Million Tonnen LNG (Flüssiggas) zu kaufen, könnte im Ringen um diesen Auftrag eine Rolle gespielt haben.
Bessere Voraussetzungen in einer wachsenden Bedrohungslage
Kanada möchte seine U-Boot-Flotte der Victoria-Klasse ablösen, die stark in die Jahre gekommen ist. Kanadischen Medienberichten zufolge hat das Land seit den 1960er Jahren keine neuen und wenn überhaupt nur gebrauchte U-Boote für seine Marine beschafft. Derzeit besitzt Kanada vier Militär-U-Boote, die alle aus zweiter Hand eingekauft wurden. Nun möchte das Land bessere Voraussetzungen für eine wachsende Bedrohungslage durch China und Russland schaffen.
TKMS hat schon ohne die Bestellung aus Kanada prall gefüllte Orderbücher: Der Auftragsbestand des Unternehmens erreichte zum 31. März ein Niveau von 20,6 Milliarden Euro. Nun heißt es von TKMS, der aktuelle Auftragsbestand werde um mehr als 50 Prozent gestützt.
Erst kürzlich hatte zudem die Bundesregierung angekündigt, als Ersatz für das gestoppte Fregatten-Projekt F126 mindestens vier neue Kriegsschiffe des Typs Meko A-200 für einen Gesamtpreis von rund 6,63 Milliarden Euro bei TKMS beschaffen. Zusätzlich erhielt TKMS eine Option für den Bau von bis zu vier weiteren, baugleichen Fregatten.
