Er ist der Nächste, der versucht, Belgien an die Spitze der Fußballwelt zu führen. Rudi Garcia genießt gerade sein erstes großes Turnier als Nationaltrainer, als Franzose zuständig für die Auswahl der Nachbarn. Als Trainer kann der Nachfolger von Domenico Tedesco auf einen beeindruckenden Lebenslauf zurückblicken. Sein größter Erfolg bleibt der Gewinn der französischen Meisterschaft sowie des französischen Pokals in der Saison 2010/2011 mit dem OSC Lille, als man sogar Paris Saint-Germain hinter sich lassen konnte.
Anschließend wechselte er zur AS Rom (2013 bis 2016). Dort überzeugte er unter anderem durch seine rhetorischen Fähigkeiten, etwa mit seinem berühmten Satz: „Wir haben die Kirche wieder in die Mitte des Dorfes gestellt“, nach einem siegreichen Derby gegen Lazio. Seine Mannschaft wurde zweimal Zweiter, schaffte es jedoch nicht, Juventus Turin zu überholen.
Doch Rudi Garcia ist keiner, der so schnell aufgibt. Er unterschrieb bei Olympique Marseille, wo er das Endspiel in der Europa League 2018 erreichte, und bei Olympique Lyon, das er ins Halbfinale der Königsklasse 2019/2020 führte, indem er im Jahr der Corona-Pandemie Guardiolas Manchester City im Viertelfinale mit 3:1 sensationell ausschaltete und anschließend gegen Bayern München (0:3) ausschied.
Nach fünf Monaten kam das Aus in Neapel
Doch in seiner Heimat wurde Garcia für seine meist zu defensiven taktischen Maßnahmen sowie für seinen harten Ton in der Kabine und seine Arroganz gegenüber den Medien oft kritisiert.
Garcia ging zum saudischen Verein Al-Nassr und trainierte unter anderem Cristiano Ronaldo. Einige Monate später kehrte er nach Italien zurück, um bei Napoli, dem amtierenden Meister der Serie A, das Traineramt zu übernehmen. Doch es lief nicht rund, insbesondere mit dem Vereinspräsidenten Aurelio De Laurentiis.
Nach nur fünf Monaten wurde er entlassen. Schließlich kam das Jahr 2025, Garcia bewarb sich um den Posten des Nationaltrainers der „Roten Teufel“. Schon 2016 war sein Name in den Kreisen des belgischen Verbands aufgetaucht. Im Rennen um die Nachfolge von Marc Wilmots gehörte der Franzose zu den heißesten Kandidaten.

Letztlich fiel die Wahl auf Roberto Martínez. Warum also neun Jahre später erneut sein Glück versuchen? „Als ich bei Neapel aufhörte, habe ich meinen Stab versammelt“, sagt der Franzose. „Wir haben eine Besprechung abgehalten, bei der wir auf der Tafel die Vereine aus den fünf großen europäischen Ligen sowie die Nationalmannschaften notiert haben, die für uns interessant sein könnten. Belgien gehörte dazu, und zwar relativ weit oben.“
Seit Beginn der WM steht Rudi Garcia im Mittelpunkt: Seine Elf steht zwar im Achtelfinale, doch spielerisch hat das Team die Anhänger maßlos enttäuscht. Das Weiterkommen in einer leichten Gruppe (Ägypten, Iran, Neuseeland) gestaltete sich schwieriger als bei der Auslosung vor einem halben Jahr gedacht.
Garcia hat den Mut, Fehler zu korrigieren
„Wir kennen diese (afrikanischen) Mannschaften, sie verlieren gegen Ende des Spiels ihre taktische Struktur. Wir wussten auch, dass sie beim Stand von 2:0 alles tun würden, um ihr Tor zu verteidigen, was meiner Meinung nach ein schwerwiegender Fehler ist. Erinnert mich daran, wenn wir 2:0 führen, das nicht zu tun.“
Garcia wollte seinem senegalesischen Amtskollegen eine Lektion erteilen. Auch wenn er zu Beginn dieses Turniers Fehler gemacht hat, hat er im Achtelfinale den Mut gehabt, diese zu korrigieren – insbesondere, indem er beim 0:2-Rückstand nicht einfach nur weitere Stürmer aufs Spielfeld schickte, sondern echte Leader wie Kevin De Bruyne nach nicht einmal einer Stunde auswechselte.
„Es gehört zu meinem Job, Lösungen zu finden und die Dynamik zu verändern“, rechtfertigte sich Garcia. „Wären wir nicht unter Druck geraten, hätten wir eine solche Aufholjagd nicht geschafft. Das gibt einem einen riesigen Schub: Es ist genau die Art von Situation, die eine Mannschaft zusammenschweißen kann.“ Nun geht es in der Nacht zu diesem Dienstag (2.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) gegen Gastgeber USA. Insgeheim hofft Garcia bereits auf ein Halbfinale gegen sein Heimatland. Es würde am französischen Nationalfeiertag stattfinden.
