Hätte die deutsche Nationalmannschaft einen Trainer wie Yannick Nézet-Séguin gehabt, sie wäre locker ins Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gekommen. Der durchtrainierte Kanadier ist Dirigent, und wo immer er mit seinen Mannschaften auftritt, sieht man imaginäre Fahnen wehen. Die Orchester reißen sich um ihn. Er ist Chef der New Yorker Metropolitan Opera, Musikdirektor des Philadelphia Orchestra, Leiter auf Lebenszeit des Orchestre Métropolitain in Montreal, Ehrendirigent weiterer Klangkörper.
Das muss Gründe haben: Yannick, wie er der Einfachheit halber genannt wird, ist die fleischgewordene Motivation. Unter seinem Dirigat können die Musiker und Musikerinnen gar nicht anders, als „am Ball“ zu bleiben und um ihr Leben zu spielen. Wie ein Personal Trainer kommuniziert er mit jedem Einzelnen, treibt ihn zu Höchstleistungen. Der Mann verbreitet eine Lust, Musik zu machen, eine Energie für strategisches Teamwork, eine ungebremste Emotionalität, dass seine Fans zu johlen beginnen.
In Baden-Baden kuratiert Yannick seit ein paar Jahren das Festival „Capitale d’été“, zu dem er alle seine Orchester mitgebracht hat, 2023 sogar das der Met. Immer dabei ist das Chamber Orchestra of Europe, dessen Ehrendirigent Nézet-Séguin ist und mit dem er jetzt Schuberts große C-Dur-Symphonie revolutionierte: Geradezu obsessiv rückte er den oft langatmigen Wiederholungen zu Leibe, brachte das Werk mit rabiaten Streicherabstrichen zu einem bedrohlichen Ende. Seit 2024 ist auch das London Symphony Orchestra (LSO) dabei, mit dem er in Baden-Baden debütierte.
Jetzt teilte er sich die beiden Konzerte des LSO mit Antonio Pappano, der nach Simon Rattle dort Chefdirigent wurde. Eine Erfahrung fürs Leben: ein und dasselbe Orchester, einmal euphorisierend, einmal deprimierend. Alles, was man bei Nézet-Séguin am ersten Abend an orchestraler Balance, Sensibilität, Rücksicht bewundert hatte, schien bei Pappano wie weggeblasen. Schon die Idee, Beethovens Violinkonzert mit der Solistin Vilde Frang in maximaler Orchesterbesetzung mit sechs Kontrabässen aufzuführen, wirkte befremdlich und nicht mehr zeitgemäß.
Umso mehr, als das Orchester bestenfalls als „routiniert“ durchging, lieblos bis in die knallige Pauke hinein, indifferent der Solistin gegenüber, von kammermusikalischer Interaktion, wie sie kürzlich Isabelle Faust mit dem Balthasar-Neumann-Orchester vorgemacht hatte, kaum eine Spur. Allerdings war die Geigerin auch für das falsche Stück engagiert worden. Wie in ihren Kadenzen zu vernehmen, bevorzugt Frang einen rauen, harschen Klang. Ihn für Beethovens Lyrik zurückzunehmen, kostete sie wohl große Anstrengung. Der erste Satz glich daher einer Suche nach dem richtigen Tonfall. Erst im kontrastreichen, kleinteiliger angelegten Finalsatz schien sie entspannter.
Beatrice Rana als Klaviersolistin
Wie souverän dagegen die Pianistin Beatrice Rana, eine Lieblingsmusikerin von Nézet-Séguin, in Sergej Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ op. 43 zwischen Klavierraserei, messerscharf artikulierten Akkorden, versonnener, schwelgerischer Melodik und bedrohlich gehämmertem „Dies irae“ im Bassregister – eigentlich ein Variationszyklus über das Klavierspiel als solches. Und in jeder Sekunde mit dem wachen Londoner Orchester verwoben, das die Solistin auch an den lautesten Stellen nie übertönte. Ein furioses Zusammenspiel aller solistischen Akteure, ein Fest dirigentischer Koordination, das sich in der auswendig geleiteten zweiten Symphonie Rachmaninows fortsetzte: ein Gefühlskoloss, der das Festspielhaus unter Strom setzte.
Das ist Musik für Nézet-Séguin, da fallen Textanalyse und Expressivität zusammen, da kann er das Verhältnis von Melodik und Rhythmik durchleuchten, kann Volksmassen aufziehen lassen, irdische Geschäftigkeit verbreiten, kann dramatisch verdunkeln und auflichten, kann steigern und steigern und im Adagio die Sonne aufgehen lassen über einer weiten, russischen Landschaft, die sich ins Paradies zu verklären scheint. Wie bewegend klingen die Bratschen, die Pizzikati von Cello und Kontrabass! Einen Moment innehaltender Andacht gönnt sich der Dirigent, bevor es in die ausgelassene Orchesterfülle des Finales weitergeht.
Wie kann sich ein Orchester von einem zum anderen Abend um hundertachtzig Grad drehen? Weil mit Pappano ein Mann ohne Ausstrahlung am Pult steht, der, entgegen seinem Ruf als bedeutender Operndirigent, mit dem dritten Akt von Richard Wagners „Tristan“ buchstäblich Schiffbruch erlitt. Dabei hat er drei Jahre in Folge in Bayreuth den „Lohengrin“ aufgeführt. Was er indessen jetzt präsentierte, war so antiwagnerisch wie zuvor das Violinkonzert antibeethovensch. Auf der Bühne sitzt das Riesenorchester und erschlägt die Solisten im Rücken Pappanos – Blickkontakt ausgeschlossen, als wären sie nicht da. Es wird geschrien und gebrüllt, der korpulente Heldentenor Clay Hilley als Tristan hat wenigstens eine Wasserflasche neben seinem Stuhl und spült seine Stimme regelmäßig frei. Ein letzter Ausruf, „Isolde!“, und er sinkt wie tot auf seinem Stuhl zusammen. Mehr Kraftanstrengung hätte auch der Zuhörer nicht mehr ertragen.
Das Publikum wird noch von Isolde heimgesucht, von Sara Jakubiak, die diese Partie zum zweiten Mal singt und dazu noch die Noten braucht. Trotz ihrer großen Stimme geht auch sie im „tönenden All“ unter. Gyula Orendt (Kurwenal), Marina Prudenskaja (Brangäne) und Franz-Josef Selig (König Marke) halten in ihren kürzeren Partien stand. Der komplette „Tristan“ wird derzeit konzertant in London aufgeführt, und vielleicht hat man sich dort für die Bühne etwas mehr „Szene“ überlegt als in Baden-Baden. Isolde könnte doch eventuell zu Tristans Stuhl gehen, wenn sie ihren Liebestod singt, anstatt am Notenpult zu kleben. So verlassen wir das Haus mit Markes Jammer: „tot denn alles, alles tot.“
