
Einst galt es als Trumpf des russischen Herrschers, unberechenbar zu sein. Mittlerweile lässt sich oft gut vorhersagen, wie Wladimir Putin handeln wird. So deuten Auftritte in einer „Hilfsleitstelle“ seiner Invasionstruppen zuverlässig darauf hin, dass wieder ein Versuch bevorsteht, Donald Trump zu beeinflussen. Auf den amerikanischen Präsidenten setzt Putin weiter, obwohl der Umworbene bisher weder die Ukraine noch die NATO-Partner der USA dazu gebracht hat, Moskaus Maximalforderungen hinzunehmen.
Am Freitagabend und offenbar mit Rücksicht auf das Ende des Arbeitstags in Washington veröffentlichte der Kreml Bilder einer neuen Sitzung Putins mit seinen Militärs in einer „Hilfsleitstelle der Vereinigten Streitkräftegruppierung“. Die Serie solcher Besuche begann am 26. Oktober vorigen Jahres und setzte sich am 1. und am 27. Dezember fort. Dann gab es Pause, bis jetzt.
Den Inszenierungen ist gemein, dass Putin dabei in Tarnfleck mit Militärs in einem fensterlosen Raum auftritt, dessen Standort nicht mitgeteilt wird. Die Risikoscheu sowie andere Termine des Herrschers lassen vermuten, dass diese Sitzungen in oder nahe Moskau stattfinden. Sie sollen aber gefechtsnah wirken. So war die Wand hinter Putin am 1. Dezember und nun wieder mit Tarnnetzen behängt. Obwohl diese Tarnung nach innen militärisch sinnlos ist, hingen solche Netze jetzt zudem von den Wänden eines Gangs, in dem Generalstabschef Walerij Gerassimow Putin begrüßte.
Moskau wartet auf Witkoff und Kushner
Putins nächster Auftritt in Militärmontur erfolgte einen Tag vor dem Besuch von Trumps Emissären Steve Witkoff und Jared Kushner am 2. Dezember im Kreml. Er sollte die Botschaft vermitteln, Russland werde den Donbass „befreien“, wenn die ukrainischen Verteidiger das Gebiet nicht räumten. Vor allem darum ging es in den Verhandlungen über Trumps sogenannten Friedensplan, der unter Moskaus Mitwirkung entstanden war. Einen Tag nach der nächsten Tarnfleckrunde, am 28. Dezember, gab es dann ein Telefonat zwischen Putin und Trump.
Seinerzeit war die Hoffnung in Moskau groß, dass der Amerikaner die Ukrainer und deren europäische Unterstützer auf (Putins) Linie bringen werde. Dann kam der Irankrieg. Darin hat Moskau trotz der „strategischen Partnerschaft“ mit Teheran stets Verständnis dafür geäußert, dass die amerikanischen Verhandlungskapazitäten anderwärtig gebunden waren. Auch jetzt noch machen Putin und sein Berater Jurij Uschakow klar, wie sie darauf bauen, dass Witkoff und Kushner bald wieder Zeit für sie finden.
Zweifelhafte Erfolgsmeldungen für Putin
Doch zwischenzeitlich hat die Ukraine durch Langstreckendrohnen und Marschflugkörper ihre Fähigkeit verbessert, Ziele tief im russischen Hinterland anzugreifen, trifft Rüstungswerke, Raffinerien und Öllager wie am Wochenende in Sankt Petersburg. Putins jüngster Besuch einer „Hilfsleitstelle“ diente dem Ziel, die von zahlreichen Beobachtern bestätigten ukrainischen Erfolgsmeldungen von der Front als „Informationskampagne“ abzutun, wie es Gerassimow tat. Er suggerierte einen ungebrochenen Vormarsch der Invasoren, wie ihn Putin fordert.
Zu den Erfolgen, die Gerassimow Putin meldete, gehörte die Meldung, den Ort Kostjantyniwka im Donezker Gebiet erobert zu haben. Dagegen legt etwa das amerikanische Institute for the Study of War dar, dass der Ort weiter umkämpft sei. Putins vorgespielte Szenen mit Kämpfern mit russischen Flaggen in Ruinen wurden laut dem Exilportal Agentstwo nur in östlichen Teilen von Kostjantyniwka aufgezeichnet, wo auch Militäranalysten die Invasoren verorten.
Zwar erfolgte die neue Inszenierung mit Blick auf ein neues Telefonat am Samstag, das Putin auch mit überschwänglichen Glückwünschen an den „lieben Donald“ zum amerikanischen Unabhängigkeitstag vorbereitete. In dem Gespräch „zeichnete“ Putin dann für Trump vor dem NATO-Gipfel in Ankara am Dienstag „das reale Bild der Lage auf dem Schlachtfeld“, wie Uschakow sagte. Auch Kostjantyniwka erwähnte Putin demnach.
Dieser habe sich entschlossen, die Welt und Trump „über die Situation an der Front zu belügen“, kommentierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Auftritt in der „Hilfsleitstelle“. Er lud Putin ein, sich in Kostjantyniwka zu treffen „und dort eine diplomatische Lösung zu finden, um den Krieg endlich zu beenden“.
Nun illustrierten Karten über den Köpfen weiterer Militärs, die Putin berichteten, die russische Version. Putin las von seinem offenbar handgeschriebenen Sprechzettel ab, seit Anfang des Jahres habe Russland „mehr als 3000 Quadratkilometer unseres Bodens“ in der Ost- und Südukraine erobert. Kriegsbeobachter neigen eher dem ukrainischen Projekt Deepstate zu, das von rund 770 Quadratkilometern ausgeht, welche die Invasoren in diesem Jahr erobert hätten. Unter gewaltigen Opfern.
