Aus manchen Biografien scheint sich die Literatur wie von selbst zu ergeben. Dass der russische Exilant Gaito Gasdanow als Nachttaxifahrer in Paris arbeitete, wird gern erwähnt; einerseits, weil es wohl so schön zu einem romantisierten prekären Künstlerdasein passt. Andererseits, weil man vermuten kann, dass er im Reigen der flüchtigen nächtlichen Begegnungen seine Gabe der Einfühlung ins menschliche Seeleninterieur geschärft hat, für die vor allem sein vor knapp anderthalb Jahrzehnten wiederentdeckter Roman Das Phantom des Alexander Wolf zu Recht bewundert wurde. Gasdanow, 1903 in St. Petersburg geboren und in 1971 in München gestorben, lebte 30 Jahre in Frankreich. Ein zweites Leben enthält neun Geschichten, die frühste aus den Zwanzigerjahren, die älteste aus den Sechzigern, und die Übersetzerin Rosemarie Tietze hat sie in ein glänzendes Deutsch verwandelt. Es sind traumartige Versunkenheiten in Personen und Erinnerungen, in das, was mal war, und in das, was übrig geblieben ist, Ausschnitte aus Labyrinthen verwehter Existenzen, bisweilen über Menschen »aus ungeschriebenen Büchern«, denen bisher kein Dichter Leben einhauchen konnte.
