
Die Lage ist ernst. Denn eigentlich stand Deutschland im internationalen Vergleich gut da. Von 2012 bis 2018 hatten unsere Schülerinnen und Schüler in den „PISA-Studien“ beim Lesen sowie bei den Schlüsselkompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaften einen Lernvorsprung von mehr als einem halben Schuljahr gegenüber den anderen OECD-Staaten. Doch seit 2021 ist der Vorsprung dahin. Deutschlands Schulbildung ist nur noch durchschnittlich, und dieser Durchschnittswert ist so schlecht wie noch nie zuvor. Denn überall in der westlichen Welt sind die Leistungen dramatisch eingebrochen, wenn auch nicht ganz so stark wie bei uns.
Viele Ursachen für den Leistungseinbruch liegen außerhalb der Schule. Zu nennen sind vor allem die in Deutschland außerordentlich langen Schulschließungen während der Corona-Krise, aber auch erhebliche Veränderungen in der Erziehung und in den Familien. Doch das hilft nichts. Deutschland kann sich eine derart schwache Leistung nicht leisten. Was also tun?
Kinder passgenau fördern
Die „Ständige Wissenschaftliche Kommission“ der Bildungsministerkonferenz (früher Kultusministerkonferenz) hat jetzt mehrere Vorschläge gemacht, die man sehr ernst nehmen muss. Denn in der Kommission sind die führenden Köpfe der deutschen Bildungswissenschaft versammelt. Ihr aktueller Vorschlag: In Deutschland sollen alle Schüler jedes Jahr einen bundesweiten Test schreiben, in dem die wichtigsten sprachlichen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Schlüsselkompetenzen überprüft werden. So wie in den PISA-Studien.
Mithilfe dieser Tests kann für jedes Bundesland, für jede Schule, für jede Klassenstufe und sogar für jede Klasse erstmals sichtbar gemacht werden, wie viele und welche Schüler in den wichtigsten Kompetenzen die Lernziele erreicht haben. Das bietet gleich mehrere Vorteile. Zunächst einmal bekommen die Kultusministerien, die Schulen und auch jede einzelne Lehrkraft klare Informationen über den Lernstand ihrer Schüler, können gezielt reagieren, den Unterricht anpassen und die Kinder passgenau fördern.
Tests führen zu intensiverem Üben
Darüber hinaus führen die Tests fast automatisch dazu, dass die getesteten Kompetenzen im Unterricht vorher intensiver geübt werden. Denn natürlich möchten die Lehrkräfte, dass ihre Schüler beim Test gut abschneiden. Diese veränderte Schwerpunktsetzung ist wichtig. Denn Schlüsselkompetenzen wie beispielsweise das Lesen oder mathematische Grundkompetenzen haben eine überragende Rolle für alle Bildungsprozesse – doch angesichts von Lehrplänen mit mehreren Tausend Seiten und immer neuen Unterrichtsthemen kommen sie im Unterricht oft zu kurz.
Regelmäßige Tests bieten die große Chance, die Expertise von rund 750.000 Lehrern in den Verbesserungsprozess einzubinden. Denn wenn der Test schlecht ausfällt, lässt das die meisten Lehrkräfte nicht kalt. Viele nehmen schlechte Testergebnisse zum Anlass, ihren Unterricht anzupassen oder Fördermaßnahmen einzuführen. Anders als viele andere Schulreformen aktivieren die geforderten Tests mit großer Wahrscheinlichkeit viele Lehrkräfte, ein sehr positiver Effekt.
Woher wir das wissen? In Hamburg sind solche regelmäßigen Tests seit zwölf Jahren die Regel. Diese Tests heißen dort Lernstandsuntersuchungen, um die Verwechslung mit Klassenarbeiten auszuschließen. Sie werden nicht benotet, sondern sind ein Instrument zur Überprüfung der Schul- und Unterrichtsqualität. Schulen und Lehrkräfte werten jedes Jahr die Ergebnisse aus und überlegen sich Verbesserungsmaßnahmen, um den Lernerfolg zu steigern.
Ungewöhnliche Erfolgsgeschichte in Hamburg
Die Tests haben als Teil eines Hamburger Reformpakets zu einer ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte in der Schulpolitik beigetragen. Während der Leistungsrückstand der Schüler im Vergleich zu 2012 in allen Bundesländern rund eineinhalb Lernjahre beträgt, sind die Leistungen in Hamburg „nur“ um rund drei Monate zurückgegangen. Angesichts der Corona-Schulschließungen von mehr als einem dreiviertel Schuljahr ist das eine fast schon positive Überraschung. Im Ranking der 16 Bundesländer verbesserte sich Hamburg dadurch um durchschnittlich acht Plätze und liegt mittlerweile als früherer „Bildungsverlierer“ im oberen Drittel der 16 Bundesländer. Ein Modell also auch für Deutschland? Ja, aber nur, wenn man die Tücken und Probleme solcher Tests von Anfang an berücksichtigt.
Da ist zunächst einmal die Kritik vieler Lehrerverbände. Sie fürchten eine Menge zusätzlicher Arbeit. Denn irgendjemand muss die Prüfungsbögen ja herstellen, verteilen, die Prüfungen beaufsichtigen, die Tests einsammeln, korrigieren, archivieren und die Ergebnisse in irgendwelche Computerprogramme einpflegen. Angesichts der Störanfälligkeit und Bedienungsprobleme behördlicher Computerprogramme ist die Angst vor Mehrarbeit vermutlich nicht ganz unbegründet. Hamburg hat daher die gesamte Logistik der Tests an ein behördeneigenes Institut übertragen, das mit Heerscharen von studentischen Hilfskräften und anderen „Jobbern“ die Tests organisiert. Die Lehrkräfte müssen nichts machen, außer beim Test als zweite Kraft die Aufsicht zu unterstützen. Und nach sechs Wochen bekommen sie eine gut lesbare Zusammenfassung der Ergebnisse.
Kritisiert wird auch, wenn mithilfe dieser Tests ganz unterschiedliche Schulen verglichen werden. Es ist klar, dass eine Schule in einem sozialen Brennpunkt auch mit den begnadetsten Pädagogen nicht die Leistung erreichen wird wie ein Gymnasium in einem wohlhabenden Stadtteil. Hamburg löst dieses Problem dadurch, dass regelmäßig Kennzahlen für die soziale Lage jeder einzelnen Schule erhoben werden und nur Schulen in gleicher sozialer Lage verglichen werden. Aber umgekehrt: Ein (fairer) Vergleich muss sein. Denn es geht auch darum, die Verantwortung der jeweiligen Schulgemeinschaft für die Bildung ihrer Schülerschaft sichtbar zu machen.
Eine einheitliche Datenplattform für alle ist unrealistisch
Nicht einfach wird es, bundesweit einheitliche Testaufgaben zu definieren. Zwar gibt es für einzelne Klassenstufen schon jetzt bundesweite Standards, aber die vielen Eigensinnigkeiten der Kultusministerien sowie der zahlreichen Verbände und unterschiedlichen Kräfte in Deutschlands „Bildungsszene“ sind nicht zu unterschätzen. Man muss abwägen, ob man jahrelange Verhandlungen über jede einzelne Testaufgabe riskiert oder sich zügig auf einen allgemeinen Rahmen einigt und den Ländern Freiheiten bei der Umsetzung lässt. Konsens muss aber in jedem Fall dahin gehend hergestellt werden, dass nach dem Vorbild von PISA oder den nationalen IQB-Studien die Schlüsselkompetenzen im sprachlichen, mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich und nicht plötzlich ganz andere Kompetenzen wie Kugelstoßen oder Chorsingen überprüft werden.
Für schlicht unrealistisch halte ich die Empfehlung der Wissenschaftler, dass alle Bundesländer für die Tests eine einheitliche Datenplattform mit einheitlichen Computerprogrammen entwickeln. Was einfach und logisch klingt, wird an den unterschiedlichen Rahmenbedingungen eines gigantischen Schulsystems mit 40.000 Schulen, 750.000 Lehrkräften, elf Millionen Schülerinnen und Schülern, 16 Bundesländern, 16 Landesdatenschutzbeauftragten und rund 8000 Schulträgern zerschellen. Die Schulwelt ist kein weißes Blatt Papier, auf dem man mal eben neue digitale und einheitliche Strukturen erfinden kann. Überall gibt es seit Jahren digitale Strukturen, und zwar ganz verschiedene. Wenn die künftigen Tests von der Einführung einer gemeinsamen Bundes-Schulsoftware abhängig sind, werden sie nie kommen.
Nur zur Erinnerung: Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise haben es die 400 Gesundheitsämter in Deutschland nicht geschafft, sich auf ein einheitliches Programm zur Erfassung der Krankheits- und Todesfälle zu einigen. Zu unterschiedlich waren die Ausgangsbedingungen. Warum sollte das in dem erheblich größeren Schulsystem klappen? Wenn jedes Bundesland – mit welchem digitalen Programm auch immer – einmal im Jahr in jeder Klassenstufe einen Test schreiben lässt, wäre schon sehr viel gewonnen. Ob das mit Microsoft, SAP oder Moodle ausgewertet wird, ist nicht so wichtig, dass dafür jahrelange Verhandlungen und Verzögerungen riskiert werden müssen.
Verständlich und datensparsam
Warnen muss man auch vor der Forschungs- und Datenbegeisterung von Wissenschaft und Ministerien. Denn natürlich kann man mit jährlichen Tests nicht nur die Schlüsselkompetenzen überprüfen, sondern alles Mögliche. Nur zur Erinnerung: Eine PISA-Studie, die praktisch das Gleiche macht wie die geforderten bundesweiten Tests, produziert so viele Testergebnisse, dass allein für die „komprimierte“ Darstellung 500 bis 600 Seiten nötig sind. Doch anders als PISA-Studien sind die neuen Schultests nicht in erster Linie für Universitäten und Forschungsinstitute gemacht, sondern für Lehrkräfte. Und die haben noch andere wichtige Dinge zu tun, beispielsweise zu unterrichten. Sie sollen daher schnell, verständlich und kompakt über den Lernstand ihrer Schüler informiert werden. Und das besser auf sechs Seiten als auf 600. Deshalb gilt hier: Verständlichkeit und Datensparsamkeit sind wichtig.
Bleibt der letzte und schwierigste Punkt: „Vom Messen und Wiegen wird die Sau nicht fett“, argumentieren Gegner solcher Tests. Stimmt, möchte man meinen. Aber immerhin wissen wir endlich, dass und wo wir mehr füttern müssen. Allerdings brauchen wir dafür auch Futter. Und das heißt in der Bildung: Wir müssen den Lehrkräften und Schulen gezielte Fördermaßnahmen und Rezepte für besseren Unterricht an die Hand geben. Sonst bilanzieren wir mit den Tests nur die Probleme, ohne sie zu heilen. Hier ist noch viel zu tun.
So würde es schon viel helfen, in den Lehrplänen die große Bedeutung der sprachlichen und mathematischen Schlüsselkompetenzen mit höheren Unterrichtsanteilen fest zu verankern. Regelmäßige und sinnvolle Übungsprozesse sind genauso wichtig – beispielsweise in der Grundschule an jedem Tag 20 Minuten Lesetraining. Und zudem dürfen wir nicht länger die Augen davor verschließen, dass viele Kinder in ihren Familien zu wenig Rückenwind beim schulischen Lernen bekommen. Warum also nicht staatlich finanzierte Nachhilfekurse in allen Schulen einführen? Was utopisch klingt, ist nicht teuer und funktioniert in Hamburg seit gut zehn Jahren reibungslos. 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler werden so zusätzlich gefördert. Wenn solche Maßnahmen mit den neuen Tests zu einem klugen Gesamtpaket verbunden werden, könnten wir die großen Lernprobleme tatsächlich überwinden.
Ties Rabe ist SPD-Politiker und war in den Jahren 2011 bis 2024 Hamburger Schulsenator.
