Labor Frankfurt: Die erste Titelgeschichte von F.A.Z. Metropol war eine des Aufbruchs und der Chancen. Damals, im Sommer 2016, stellte die regionale Wirtschaftsredaktion der F.A.Z. in ihrem neuen Magazin Labore vor, also innovative Einheiten in Unternehmen, in denen an der digitalen Zukunft getüftelt wurde. Immer mehr Menschen besaßen ein Smartphone, immer mehr Technik war mit ausgestattet. Daher seien Betriebe gezwungen, sich mit Digitalisierung zu beschäftigen, so lautete damals die These.
Wie schnell die Zeit vergeht. Zehn Jahre später ist die Welt eine andere, sie ist digitaler geworden, keine Frage, aber auch unsicherer und komplexer.
Vor genau zehn Jahren schien vieles berechenbarer, auch in der Rhein-Main-Region. Die Weltwirtschaft wuchs, die Zinsen waren niedrig, Lieferketten funktionierten, der Welthandel nahm zu. Die Messe florierte, der Flughafen stellte Rekorde auf, Unternehmen suchten händeringend Fachkräfte. Die Digitalisierung war für Unternehmen die größte Herausforderung.
Verglichen mit den Themen, die uns heute beschäftigen, erscheint sie vergleichsweise überschaubar. Denn in der vergangenen Dekade waren Unternehmen mit Entwicklungen konfrontiert, die kaum jemand vorhergesehen hatte. Und mit einer neuen transformativen Komplexität, die uns fast neidisch auf die Zeit vor zehn Jahren zurückblicken lässt, als alles noch klarer und geordneter zu sein schien.

Der erste Wendepunkt kam genau sechs Tage, nachdem die erste Ausgabe von Metropol im Juni 2016 verschickt war: der Brexit. „Als die Briten über den EU-Austritt abgestimmt haben, gingen die meisten davon aus, dass sie in der Union bleiben würden“, erinnert sich Gertrud Traud. Traud ist Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, kurz Helaba, und in dieser Funktion von der Erstausgabe an Kolumnistin in Metropol. Darin analysiert sie volkswirtschaftliche Entwicklungen, schaut heute auf den Flughafen, analysiert morgen den Finanzplatz und betrachtet übermorgen die Auswirkungen des Fachkräftemangels.
Der Brexit kostet Exporte – und bringt Frankfurt neue Jobs
Die Entscheidung der Briten am 23. Juni 2016, die Europäische Union verlassen zu wollen, steht beispielhaft für die wirtschaftliche Entwicklung der Rhein-Main-Region der vergangenen zehn Jahre. Denn außer dem Brexit gab es weitere Entwicklungen, die nicht nur für das jeweilige Jahr, in denen sie stattfanden, bedeutsam waren, sondern bis heute Nachhall finden. So hat sich die Bedeutung des Vereinigten Königreichs nach dem Vollzug des „Leave“-Votums für das Export-Bundesland Hessen bis heute dramatisch verringert: Gingen 2015, im letzten Jahr vor dem Referendum, noch rund 7,5 Prozent aller hessischen Ausfuhren in das Vereinigte Königreich (insgesamt Waren im Wert von 4,5 Milliarden Euro), waren es im vergangenen Jahr lediglich 3,5 Prozent (2,9 Milliarden).
Gleichzeitig jedoch ist Frankfurt Profiteur des Brexits. Schließlich wurden am Finanzplatz Frankfurt, der damals wie heute identitätsstiftend für die Stadt ist, allein in der Branche selbst seit 2016 rund 15.000 neue Stellen geschaffen. Treiber dieser Entwicklung waren Auslandsbanken, die nach dem EU-Austritt der Briten Einheiten in die Europäische Union verlegen mussten, um dort weiterhin Geschäfte machen zu dürfen (Grafik 1).
Gertrud Traud nennt weitere einschneidende Ereignisse aus dem Jahr 2016, die bis heute nachwirken. Etwa die erstmalige Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, eines wichtigen hessischen Handelspartners. „Während der Brexit Chancen für Frankfurt brachte, war die zunehmende US-amerikanische Abschottung im Welthandel gerade für die Industrie problematisch. Hessen ist mit den USA stärker verflochten als viele andere Bundesländer. Deshalb treffen uns solche Entwicklungen unmittelbar und direkt“, sagt Traud. Darüber hinaus erinnert sie daran, dass die Europäische Zentralbank 2016 die Leitzinsen gerade auf null gesenkt hatte. Das sei eine Zäsur gewesen. „Wir lebten plötzlich in einer Welt, in der Geld praktisch nichts mehr kostete. Das hat Kapitalmärkte, Immobilienmärkte und das Verhalten von Anlegern massiv beeinflusst.“ Heute dagegen werde in Hessen wieder über Inflation, Zinsen und Finanzierungskosten gesprochen.
Auch von der vermutlich größten Krise der vergangenen zehn Jahre, der Covid-19-Pandemie, war Hessen besonders hart getroffen, unter anderem, weil das Geschäft an der Messe und am Flughafen weitgehend stillstand. Während der Passagierverkehr durch die Pandemie zeitweise nahezu zum Erliegen kam, entwickelte sich das Frachtgeschäft in dieser Zeit als Stabilitätsanker. Zwar hat sich der Passagierverkehr am Airport inzwischen weitgehend erholt, das Niveau des Jahres 2019 wird bei den Passagieren jedoch noch immer nicht dauerhaft erreicht (Grafik 2). Doch die breite Branchenstruktur mit Finanzwirtschaft, Pharma, IT, Logistik und Forschung sorgte dafür, dass andere Wirtschaftszweige die Einbrüche teilweise auffangen konnten und die Erholung vergleichsweise breit getragen wurde.
Hessens Vielfalt wird zum Schutzschild in Krisen
Überhaupt glaubt Traud, dass die Vielseitigkeit der regionalen Wirtschaft der Grund dafür ist, dass Rhein-Main und Hessen in den Augen der Volkswirtin besser durch die vergangenen Jahre gekommen sind, als viele erwartet hätten. „Hessen hat den Finanzplatz, den Flughafen, die Logistik, die Industrie, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und inzwischen auch einen bedeutenden IT- und Rechenzentrumsstandort. Diese Vielfalt hilft in Krisenzeiten enorm“, sagt Traud. So ist es auch gelungen, dass die Dienstleistungsbranche in Hessen, vor allem Banken und Finanzwirtschaft, dank eines im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich starken Wachstums die Schwäche der Industrie überdecken konnte (Grafik 3).
Zahlen der Research-Abteilung der Helaba zeigen, dass seit 2022 die Bruttowertschöpfung des produzierenden Gewerbes in Hessen negativ ist. Nach Angaben der Volkswirtin sind in der Industrie in den vergangenen Jahren mehrere Belastungen zusammengekommen, dazu gehört auch die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. „Gerade Hessen mit seiner starken Chemie- und Pharmabranche hat das deutlich gespürt.“ Auch die zunehmenden Handelskonflikte und die gestörten Lieferketten bereiten dem Export-Bundesland Hessen, das besonders von den Weltmärkten abhängig ist, Probleme (Grafik 4).
Insgesamt hat die hessische Wirtschaft seit 2016 eine Achterbahnfahrt erlebt. Nach mehreren Jahren soliden Wachstums und dem historischen Corona-Einbruch 2020 folgte wiederum eine überraschend kräftige Erholung, wie die Grafik 5 zeigt. Doch inzwischen ist die Dynamik weitgehend verschwunden. Hessen bewegt sich ähnlich wie die deutsche Gesamtwirtschaft in einer Phase der Stagnation. Während die hessische Wirtschaft 2016 noch um 1,5 Prozent wuchs, schrumpfte die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr sogar um 0,2 Prozent.
Auf den Arbeitsmarkt hat sich diese Schwäche bislang nur begrenzt übertragen. Zwar steigt die Arbeitslosigkeit seit 2022 wieder leicht an, doch Hessen weist weiterhin eine niedrigere Quote auf als der Bundesdurchschnitt (Grafik 6). Ob das so bleibt oder ob sich die Stagnation auch in Hessen auf den Arbeitsmarkt auswirken wird, lässt sich schwer abschätzen, zumal mit Künstlicher Intelligenz und der Frage, inwiefern KI Arbeitskräfte ersetzen wird, ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzukommt. Diese Diskussion ist vergleichbar mit jener, die 2016 geführt wurde. Auch damals stellten sich viele Unternehmen die Frage, inwieweit die Digitalisierung ihre Geschäftsmodelle überholen und Arbeitnehmern ihre Stellen kosten könnte. „Damals wurde häufig prognostiziert, die Digitalisierung werde massenhaft Arbeitsplätze vernichten“, erinnert sich auch Helaba-Chefvolkswirtin Traud. Tatsächlich sei eher das Gegenteil passiert. „Gerade auf dem Feld von IT und Kommunikation sind viele neue Jobs entstanden.“
Zwar geht Traud davon aus, dass die Veränderungen durch KI tiefer gehen werden, von Untergangsszenarien hält sie allerdings wenig. „Die Berufe, die innerhalb der nächsten zehn Jahre entstehen werden, kennen wir heute noch gar nicht. Das war bei der Digitalisierung genauso.“ Statt schwarzzumalen, blickt sie lieber optimistisch auf die nächsten zehn Jahre in Hessen: „Die Dinge, die uns positiv überraschen werden, können wir uns meist noch nicht vorstellen.“
