
Die Aussicht auf eine Exkursion im Studium sorgt nicht automatisch für Begeisterung. Gegen ein Projekt bei Rock am Ring dürften aber die wenigsten etwas einzuwenden haben. Acht Studenten waren Anfang Juni in der Eifel unterwegs. Das Studienobjekt: „Glamping“-Angebote. Das Kofferwort steht für „glamourous camping“ und bezeichnet die diversen Camping-Möglichkeiten mit allerlei Annehmlichkeiten bis hin zum kleinen Wohncontainer für einen Grundpreis in Höhe von mehr als 1000 Euro.
Solche Konzepte fernab des normalen Zeltplatzes sind eine von vielen Baustellen, die Veranstalter großer Musikfestivals heutzutage auf dem Schirm haben müssen. Das Stammpublikum wird älter, für etwas mehr Komfort oder einen schnelleren Zugang zum Festivalgelände zahlen aber auch Jüngere manchmal gern mehr. Und am Ende soll die Rechnung für den Veranstalter angesichts gestiegener Kosten für Dienstleister, wachsender Ansprüche an die Produktion und den Gagenwünschen der Stars ja auch noch aufgehen.
Der Blick aufs Glamping und die Beweggründe von Festivalbesuchern, es zu buchen, ist nur ein kleiner Teil des im Herbst 2025 gestarteten Bachelor-Studiengangs „Live Entertainment & Eventmanagement“. Die Absolventen sollen die komplexe Gesamtbetrachtung einer modernen Live-Veranstaltung verstehen, um später selbst an zentraler Stelle mitarbeiten zu können.
Bisher galt: Learning by doing
Rund 67.000 Menschen sind dem Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) zufolge hierzulande in der weitverzweigten Live-Welt beschäftigt. Knapp sechs Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet die Branche im Jahr – Tendenz steigend. Das Ringen um Fachkräfte gehört aber auch hier zum Alltag.
Seit dem Jahr 2001 gibt es den Ausbildungsberuf Veranstaltungskaufmann/-frau. Auch Ausbildungen in diversen technischen Gewerken sind etabliert. Und natürlich sind da allerlei mehr oder weniger verwandte Studiengänge wie Event- und Kulturmanagement, doch ein gezielt auf die Konzertwelt abgestimmter Studiengang fehlte viele Jahre lang. Nur: warum eigentlich?
„Viele heutige Führungskräfte sind über Praktika, Clubs, Venues, Tourneen oder Assistenztätigkeiten eingestiegen und in der Praxis gewachsen“, heißt es vom BDKV. Learning by doing, Quereinstieg oder irgendwie reinrutschen waren lange der Normalfall.
Michael Brill formuliert es so: „Unsere Branche wächst seit gut 30 Jahren, aber die Managementstrukturen sind nur langsam mitgewachsen.“ Viele Leute hätten aus Leidenschaft angefangen und sich hochgearbeitet. „Irgendwann kamen die ersten Fachausbildungen, aber die Industrie hat sich nie mit der Frage beschäftigt, wie wir gezielt unseren Nachwuchs ausbilden und qualifizieren für das, was längst Realität ist und morgen der Fall sein wird.“
Ein Mix aus Theorie und Praxis
Der Diplom-Kaufmann führt seit gut acht Jahren D. Live. Die Tochtergesellschaft der Stadt Düsseldorf managt die lokalen Spielstätten bis hin zum mehr als 50.000 Zuschauer fassenden Stadion und veranstaltet selbst Events. Seit September 2025 ist auch das „D. College“ Teil des Portfolios. So lautet der etwas weniger sperrige Name des gemeinsam mit der Hochschule Fresenius konzipierten Studiengangs, zu dem die Rock-am-Ring-Forschungsgruppe gehört.
27 Studenten sind Teil des ersten Jahrgangs. Der auf sieben Semester ausgelegte Studienplan ist ein Mix aus wissenschaftlichen Modulen und praktischem Know-how. BWL, Marketing, verschiedene Rechtsschwerpunkte oder auch Freizeitpsychologie gehören ebenso dazu wie Booking, Veranstaltungstechnik, Besuchersicherheit und Blicke hinter die Kulissen unterschiedlicher Veranstaltungen. Das Theoriestudium läuft primär online. Dazu kommen Präsenzwochen in Düsseldorf mit prominenten Gastdozenten.
„Wir sehen uns ein bisschen wie ein Linux-System“, sagt Brill. Die Organisation und das Erstellen des Curriculums liegt in den Händen von D. Live, aber die Grundidee sei gewesen, eine Plattform für die Branche zu schaffen, so Brill – „und die Resonanz war unfassbar stark“.
450 Euro Studiengebühren im Monat
Tatsächlich finden sich auf der Liste der Dozenten Vertreter vieler großer Spieler der hiesigen Live-Branche, die auf dem Markt miteinander konkurrieren. Diese Konstellation zeigt sich auch im sogenannten „Industry Board“: Neben BDKV-Geschäftsführer Johannes Everke und Michael Brill gehören ihm auch Manager der Ticketing- und Veranstaltungskonzerne CTS Eventim und Live Nation an, dem Weltmarktführer.
Das Gremium soll unter anderem vor jedem Semester die Inhalte prüfen, sagt Lilian Petersen, die das Projekt auf Seiten von D. Live leitet: „Im nächsten Semester ist zum Beispiel das Modul Veranstaltungstechnik und Produktion dran. Da geht es dann darum, welche Themen in diesem Fachbereich auf jeden Fall vermittelt werden müssen und was die aktuellen Herausforderungen sind.“
Der Studiengang selbst ist berufsbegleitend angelegt. Jeden Monat fallen 450 Euro Studiengebühren an, getragen vom jeweiligen Arbeitgeber oder vom Studenten selbst. Vier der 27 Studenten arbeiten bei D. Live, ein Tag in der Woche ist stets fürs Studium und als Lernzeit reserviert, erklärt Petersen das Modell. Neben Berufsanfängern, die diese Variante nutzen, gebe es aber auch komplette Quereinsteiger in der Gruppe und „semi-professionals“, sagt sie: „Die haben schon zwei bis fünf Jahre Berufserfahrung und nutzen das Studium jetzt, um sich zu vernetzen und ihr Fachwissen zu erweitern.“
Die Pop-Akademie als Vorbild
Gerade die großen Unternehmen der Branche haben mittlerweile auch interne Qualifizierungsprogramme oder Trainee-Programme. Doch dass es für viele Positionen nicht den einen geraden Ausbildungsweg gibt, ist in der Musikindustrie auch fernab der Live-Branche nicht unüblich.
Allerdings hat die Label- und Verlagswelt mit der Pop-Akademie schon seit mehr als 20 Jahren eine akademische Plattform, die nicht zuletzt für den A&R-Job ein Ausgangspunkt sein kann. An der staatlichen Hochschule in Mannheim lernen Musikbusiness-Studenten und Musiker – und beginnen mitunter hier ihre Zusammenarbeit.
„Wir sind eine echte Industrie“
„Wenn du dich im Recorded-Bereich oder im Publishing umsiehst, kommt ein signifikanter Anteil der Mitarbeiter aus der Pop-Akademie“, sagt Michael Brill. „Das Siegel Pop-Akademie spielt im deutschsprachigen Raum eine echte Rolle, es ist wirklich erstaunlich, dass in den letzten 25 Jahren niemand auf die Idee gekommen ist, das Modell für die Live-Branche zu adaptieren.“
Perspektivisch soll das „D. College“ um einen Master of Business Administration erweitert werden. Auch die technischen Disziplinen mit Licht, Sound und den vielfältigen Aufgaben rund um die gesamte Produktion und Logistik einer Show wollen sie angehen, sagt Brill: „Wir wollen den Flow beibehalten, damit es im deutschsprachigen Raum ein echtes Qualitätssiegel gibt und wir nicht weiter bei jungen Menschen, die Interesse an Qualifikation haben, als Rock’n’Roll-Quereinsteiger-Branche gesehen werden. Denn das sind wir schon lange nicht mehr, wir sind eine echte Industrie, die ein richtiges Rad dreht.“
Erst einmal startet in einigen Monaten jedoch der zweite Bachelor-Jahrgang. Die Bewerbungsphase laufe gut, berichtet Lilian Petersen: „Wir haben schon mehr als 30 Bewerbungen und mehr als 100 Interessierte.“ Noch bis Ende August läuft die Frist.
Die Branche kann nicht nur mit Studienexkursionen der besonderen Art punkten. Sie ist auch ein Wirtschaftszweig, der vergleichsweise entspannt auf das Thema Künstliche Intelligenz blicken kann. „KI ist etwas, das wir nutzen müssen, wie jeder andere“, sagt Michael Brill. „Aber sie wird nicht grundsätzlich unser Geschäftsmodell verändern, da unser Produkt am Ende das Zusammenkommen in der Community ist.“ Ob nun vor der Bühne oder doch im Glamping-Bereich.
