Wir hinterlassen ihn überall – auf Weingläsern, Türklinken, Liebesbriefen. Wir entsperren mit ihm elektronische Geräte oder pressen ihn auf die Scanner von Beamten; besonders demütig bei der Einreise in Staaten, die sich für God’s own country halten. Die Rede ist vom Fingerabdruck. Kaum ein Kennzeichen ist demokratischer und individueller zugleich. Jeder Mensch hat einen, aber kein einziger gleicht einem anderen auf der Welt – nicht einmal bei eineiigen Zwillingen, die die gleiche DNA teilen.
Aber wer außer Sicherheitsfunktionären und „Tatort“-Kommissaren denkt schon über das winzige Wirbelmuster aus Haut nach – über seine Geschichte, seine Ästhetik, seine Philosophie? Der Essayist Geertjan de Vugt hat es getan – und herausgefunden, dass der Fingerabdruck weit mehr ist als ein Instrument der Kontrolle – ein Gegenstand der Neugier für Naturforscher und Kolonialherren, für Eugeniker und Schriftsteller, für Handleser und Künstler.
Seitenpfade und Irrwege der Daktyloskopie
De Vugts Buch – erstmals 2022 auf Niederländisch erschienen – versammelt neun Essays, die jeweils von einer Person und ihrer Begegnung mit dem Fingerabdruck handeln. Kriminalistik interessiert den Autor dabei kaum; wer eine Geschichte von Raub, Mord und Spurensicherung erwartet, liegt falsch. De Vugt erzählt von den Seitenpfaden und Irrwegen der Daktyloskopie und von denen, die sie beschritten.

Etwa der tschechische Mediziner Jan Evangelista Purkyně, der um 1825 Grundmuster von Papillarlinien beschrieb, nachdem er sich zuvor bei Beobachtungen und Versuchen zur Physiologie der Sinne jahrelang mit Digitalis, Opium und Kampfer fast um den Verstand experimentiert hatte. Oder Francis Galton, Meteorologe, Cousin Darwins und überzeugter Eugeniker, der mit großem wissenschaftlichen Aufwand daran arbeitete, aus Fingerabdruckmustern Rassenunterschiede abzulesen. Der Befund war vernichtend – für Galton. Als er die Abdrücke einiger bedeutender Politiker und Gelehrter mit jenen verglich, die er den „schlimmsten Idioten aus London“ abgenommen hatte, konnte er keine Unterschiede feststellen.
Einen Teil seines Materials bezog Galton von William Herschel, einem britischen Kolonialbeamten in Bengalen. Herschel hatte den Fingerabdruck als praktisches Verwaltungsinstrument entdeckt: selbstverständlich als Mittel kolonialer Identifikationskontrolle, aber in seiner Logik unparteiisch. Der Abdruck log nicht; er kannte weder Kaste noch Geschlecht noch Ansehen. Auf die Idee war Herschel 1858 gekommen. Mit einem einheimischen Kaufmann hatte er einen wichtigen Vertrag abgeschlossen. Weil er der Unterschrift seines Gegenübers und auch ihm selbst nicht traute, hatte er dessen rechte Hand kurzum in Tinte getunkt und auf das Dokument gepresst. Der Abdruck sollte den Mann binden – buchstäblich „verkörpert“ und damit unwiderruflich.
Edward Henry, ein Polizeioffizier, der Herschels Methode schließlich zu einem praktisch verwertbaren Klassifikationssystem ausbaute, das man um 1900 bei Scotland Yard einführte, machte die Unparteilichkeit des Verfahrens zu ihrem zentralen Vorzug: Anders als aufwendige Vermessungsmethoden, welche die Identifizierung von Personen anhand körperlicher Merkmale wie der Schädelbreite, der Fußlänge oder der Nasenform ermöglichen sollten – und Stereotypen damit reichlich Vorschub leisteten –, behandelte die Daktyloskopie jeden Finger und damit jeden Menschen gleich. Das macht ihre Geschichte nicht weniger zwiespältig, aber erkennbar komplexer.
Virginia Woolf und die Handleserin Charlotte Wolff
De Vugt bleibt freilich nicht bei der Wissenschaftsgeschichte stehen. Er spürt auch intimere Begegnungen mit dem Fingerabdruck auf. Eine handelt von zwei Frauen in London im Dezember 1935. Die deutsch-jüdische Ärztin und Handleserin Charlotte Wolff – erst aus Deutschland und später aus Paris geflohen – trifft Virginia Woolf und deutet ihr die Hand. Was Woolf davon hält, macht sie unmissverständlich klar: Sie fragt, ob Wolff wirklich glaube, dass man aus Händen etwas lesen könne. Die Frage enthält bereits die Antwort. De Vugt folgt beiden Spuren zugleich – Wolffs Aufzeichnungen, die in die Diagnose münden, dass Woolf eine gestörte Persönlichkeit sei, und Woolfs Briefen und Romanen. Immer wieder tauche in Letzteren der Fingerabdruck auf; namentlich in „Die Wellen“ und „Orlando“. Beiläufig zwar nur, aber dennoch hartnäckig.
Am Ende des Buches steht Arnulf Rainer. Der österreichische Maler, bekannt für seine Übermalungen und Kreuzbilder, entdeckte Finger- und Handmalerei nach einem Pinselbruch – und steigerte sich in ein Paradox, das de Vugt als die eigentliche Pointe seiner Essays versteht. Für den Autor ist Rainers Werk ein einziger langer Versuch des Verschwindens: Übermalung als Selbstentzug und Auslöschung. Aber je konsequenter der Künstler diesen Versuch vorantrieb, desto mehr Fingerabdrücke hinterließ er – auf Leinwand, Papier, Fotografie. Nur eine zweite Hautschicht aus Handschuhen hätte dagegen geholfen. Rainer trug keine.
Nicht verschwiegen werden soll, dass de Vugt seinen Betrachtungen gelegentlich mehr Raum lässt, als sie tatsächlich verdienen. Das Kapitel über Arnulf Rainer etwa dehnt sich mächtig, bevor es zum Kern gelangt – ein Befund, der auch für andere Passagen des Buches zutrifft und die Geduld des Lesers zuweilen strapaziert. Hinzu kommt, dass de Vugt zwar mit Briefen, Archivfunden und anderen Quellen arbeitet, auf konkrete Nachweise aber fast vollständig verzichtet. Für ein Buch, das so selbstbewusst zwischen Wissenschaft und Literatur operiert, ist das ein merkwürdiges Versäumnis. Was nach der Lektüre bleibt, ist freilich ein tröstlicher Gedanke. Selbst in Zeiten, in denen alles konstruierbar scheint, gibt es Reste von Individualität. Man legt das Buch nicht aus der Hand, ohne kurz auf die eigenen Fingerkuppen zu sehen. Wir sind nicht spurlos.
Geertjan de Vugt: „Der Wunsch zu verschwinden“. Über Fingerabdrücke. Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Zsolnay Verlag, München 2026. 288 S., geb., 26,– €.
