
Unter den mehr als ein Dutzend französischen Präsidentenanwärtern ist Édouard Philippe der Einzige, der passabel Deutsch spricht. Aber davon erfahren die gut 5200 Sympathisanten in der Adidas Arena in Paris erstmal nichts. Bei der ersten Wahlkundgebung des 55-jährigen Politikers am Sonntagnachmittag dreht sich alles um Frankreich, auch wenn im Saal Trikolore- und Europaflaggen geschwenkt werden. In den kommenden Tagen werden die Weichen für die Präsidentenwahlen am 18. April und 2. Mai 2027 gestellt. Das Pariser Berufungsgericht entscheidet am Dienstag, ob die Veruntreuung öffentlicher Gelder durch Marine Le Pen ihre Unwählbarkeit nach sich zieht. In erster Instanz hatte das Strafgericht den Entzug des passiven Wahlrechts für fünf Jahre verhängt, mit sofortiger Vollstreckung.
Sollte Le Pen nach dem Urteil der Berufungsrichter nicht antreten dürfen, steht der Parteivorsitzende Jordan Bardella bereit. Beide Rechtspopulisten ziehen als haushohe Umfragefavoriten in das Präsidentenrennen. Der Kandidat der Linkspartei La France Insoumise (LFI), Jean-Luc Mélenchon, liegt Philippe in den Umfragen mit seinem antikapitalistischen, europafeindlichen Programm auf den Fersen. Aber damit will sich der Mitte-Rechts-Kandidat und ehemalige Premierminister (2017 bis 2020) nicht abfinden. Deshalb hat sich der Bürgermeister der Hafenstadt Le Havre entschlossen, zum Auftakt der entscheidenden Woche ins Rampenlicht zu treten.
Abgrundtiefe Verschuldung beenden
„Ich weigere mich zu akzeptieren, dass wir nur die Wahl zwischen zwei Formen der Wut, zwischen zwei Lügen, zwischen zwei Sackgassen haben“, sagt er mit Blick auf die erstarkten Parteien vom rechten und linken Rand. Als erster der Kandidaten stellt er die „abgrundtiefe Verschuldung“ Frankreichs in den Mittelpunkt. Er will die Staatsfinanzen in Ordnung bringen, die Ausgaben senken und eine Rentenreform stemmen.
„Der Rassemblement National wird Ihnen erzählen, dass alles die Schuld der Ausländer, Europas, der Reichen und der Faulenzer ist“, sagt er. Bardella gebe vor, sich dem Liberalismus, Europa, Kapitalismus und vielleicht sogar einer Rentenreform zugewandt zu haben. Der RN sei voller Widersprüche, gebe sich im Norden sozial, im Süden liberal. Bardella bezeichne sich selbst als Sprachrohr der einfachen Leute auf dem Land, genieße aber das Jetset-Leben in Monte Carlo, stichelt Philippe. Bardella hatte sich mit seiner adeligen Freundin Maria Carolina von Bourbon-Sizilien beim Grand Prix in Monaco in einer Ehrenloge mit Champagner fotografieren lassen.
Aber auch mit dem Linkspopulisten Mélenchon rechnet Philippe ab. Immer wieder unterbricht brausender Applaus seine Rede. Vermutlich werde Mélenchon sich bald als Erbe des früheren sozialistischen Präsidenten François Mitterrand vorstellen. Dabei sei die Linkspartei mit ihrem Ausgabenprogramm eine große Gefahr für das hoch verschuldete Land. Spätestens in zwei Jahren werde Frankreich unter Mélenchon ein Fall für den Internationalen Währungsfonds werden.
„Wir tun nicht genug für unsere Kinder“
Die berühmte Kriegsrede Winston Churchills wandelt Philippe ab. Er werde dem Land nicht Blut und Tränen wie in einer Kriegssituation abverlangen, bestenfalls ein wenig Schweiß und Mühen, sagt er in der gut klimatisierten Halle. Sprechchöre „Edouard Président“ erklingen. Es sind viele junge Leute in der Adidas Arena und bei ihnen kommt Philippes Botschaft offensichtlich an. „Die Wahrheit ist, dass wir nicht genug für unsere Kinder tun: Wir tun nicht genug für ihre soziale Absicherung, die angesichts des Bevölkerungsrückgangs anders aussehen wird“, sagt er. Er wolle aber keine Schuldigen benennen. Das sei die Lösung derer, die keine Lösungen haben. Er wolle auch nicht ein Kandidat des Altersklassenkampfes sein. Aber es sei klar, dass die Rentner zur Sanierung der Finanzen beitragen müssen. Es gehe letztlich um die Frage, ob man die derzeitigen Renten mit Schulden finanziere, die von den künftigen Generationen zurückgezahlt werden müssen oder ob man bereit sei, den Kindern zu helfen, ihre Zukunft aufzubauen. „Das ist die einzige Frage, die zählt“, sagte Philippe.
Während der Gelbwestenkrise war der 1,90-Meter-Mann als abgehoben und arrogant wahrgenommen worden. Dieses Image versucht Philippe bei der Kundgebung abzulegen. Er spricht über seinen Urgroßvater, der als Docker in Le Havre schuftete, und über den sozialen Aufstieg, der über die Schule gelang. „Innerhalb von drei Generationen haben wir es vom Docker bis zum Premierminister geschafft“, sagt er. Er spricht von seiner Mutter, der Französischlehrerin, die im Saal anwesend ist, von seinen drei Kindern, die er nicht in der Hochglanzpresse vorführen wolle. Er wirbt mit dem Versprechen, die Schule wieder zum Motor des sozialen Aufstiegs zu machen. Das kommt gut an, wie auch der Wahlkampfslogan „An uns glauben“ („Croire en nous“), der wie Balsam auf die verunsicherte Seele der Nation wirkt.
Philippe klammert in seiner Lebenserzählung aus, dass er als Jugendlicher von 1986 bis 1988 mit seiner Familie nach Bonn zog, wo seinem Vater die Leitung des Lycée Francais übertragen worden war. Am Rhein legte er sein Abitur („bacccalauréat“) ab. Danach absolvierte er eine typische französische Elitenausbildung am Institut d’Etudes Politiques (Sciences Po) und an der Verwaltungshochschule ENA in Paris. Aber letzteres bleibt unerwähnt. Auch die EU kommt in seiner mehr als einstündigen Rede nur am Rande und vor allem als Verpflichtung vor, endlich Ordnung in die Staatsfinanzen zu bringen.
Als Premierminister war Philippe hingegen Anfang 2019 an sein altes Gymnasium zurückgekehrt und hatte sich mit feiner Ironie über sein manchmal stockendes Deutsch amüsiert. Schon damals hätten sich seine Eltern gefragt, ob er wohl seine Abiturprüfungen bestehen werde, scherzte er. Im Gespräch mit Oberschülern wurde er damals gefragt, was einen guten Präsidenten auszeichne. „Die Fähigkeit zu sagen, wohin der Weg führt“, antwortete er. Diesen Weg hat er in der Adidas Arena skizziert: über eine Sanierung der Staatsfinanzen und Investitionen in die Bildung hin zu einem Frankreich, das wieder an sich selbst glaubt. Immer wieder reckte er dazu entschieden die Faust in die Luft.
