Es ist Freitag Abend um kurz nach sieben, im „Thüringer Hof“ wird die zweite Runde Enzianschnaps ausgeschenkt. Acht Männer und eine Frau sitzen am Stammtisch. Kneipenwirt Jörg Schmücking und seine Tochter Elisa wissen, wer wann kommt, wer wo sitzt und wer was trinkt. Unaufgefordert landet das richtige Bier, gezapft oder Flasche, am richtigen Platz. Und auch die Enzianrunden gehören zum Ritual. An jedem Freitag ab 18 Uhr.
Der „Thüringer Hof“ steht in Rehungen, einem Dorf im Landkreis Nordhausen an der Grenze zum Eichsfeld. Knapp 300 Menschen leben hier. Eine Schule gibt es im Dorf nicht mehr, auch keinen Einkaufsladen. Dazu muss man ein paar Kilometer ins benachbarte Sollstedt fahren. Die Kneipe aber gibt es noch.
Seit mehr als 220 Jahren wird im „Thüringer Hof“ Bier ausgeschenkt. So lange wird er schon von der Familie Schmücking betrieben. Ein Vorfahre heiratete in die Wirtsfamilie ein, im Jahr 1806 übernahm er den Gasthof. Vor Kurzem hat die Wirtsfamilie das Jubiläum gefeiert, mit rund zweihundert Gästen bis in die Nacht und eigens angefertigten Bierdeckeln.
Stammtisch statt Chatgruppe
Früher war eine Dorfkneipe nichts Besonderes, doch das hat sich geändert. Überall machen Kneipen dicht, Gründe dafür gibt es viele. Etwa weil die Kinder der Wirtsfamilien kein Interesse daran haben, das Lokal zu übernehmen, wie es im benachbarten Sollstedt gerade der Fall ist. Weil es an Personal mangelt, das bereit ist, bis spät in die Nacht hinterm Tresen zu stehen. Und oft kommen schlicht nicht mehr genug Gäste. Weil es Aufregenderes in der Stadt gibt. Oder weil viele lieber auf dem Sofa sitzen, eine Serie schauen, auf dem Handy daddeln oder sich digital austauschen, wie Wirtstochter Elisa Schmücking meint. Früher Kneipe, heute Chatgruppe.

Der „Thüringer Hof“ hat überlebt, obwohl keiner, der hier arbeitet, das hauptberuflich macht. Kneipenchef Jörg sieht das als Vorteil. Die Familie sei nicht darauf angewiesen, von der Gastronomie zu leben. Die Kneipe sei eben ein Hobby, sagt er. In Wirklichkeit ist sie aber weit mehr als das. Man könnte auch sagen: Es gibt den „Thüringer Hof“ noch, weil die ganze Familie mitarbeitet. Und das inzwischen in siebter Generation.
Jörg Schmücking war 16, als er eine Lehre in einem landwirtschaftlichen Betrieb anfing. Heute ist er Vorstandsvorsitzender desselben Betriebs, der nun eine Aktiengesellschaft im zwölf Kilometer entfernten Bleicherode ist. Wenn die Getreideernte eingefahren wird, so von Juli bis Oktober, ist er oft 16 Stunden auf den Beinen. In diesem Jahr wird Schmücking in Rente gehen. Er ist jetzt 66. In der Kneipe will er weiter hinter dem Tresen stehen. Die Frage ist: Wie lange noch? Und was wird dann aus dem „Thüringer Hof“?
Thüringen ist ein ländlich geprägtes Bundesland, das Durchschnittsalter ist eines der höchsten in Deutschland. Im vergangenen Jahr ist die Bevölkerung um die Größe einer Kleinstadt von gut 20.000 Einwohnern geschrumpft. Die Zahl der Dorfkneipen hat sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu halbiert – von 1800 auf gut 900. Die Thüringer Linke hat deshalb vorgeschlagen, Kneipen per Gesetz durch Förderprogramme und Landeszuschüsse zu retten. Kommunen sollten von Schließung bedrohte Kneipen kaufen und weiterführen. Was aus der Idee wird, ist offen. Am „Thüringer Hof“ zeigt sich, welche Bedeutung die Kneipe für ein Dorf haben kann – und was damit auf dem Spiel steht.

Dreimal die Woche hat der „Thüringer Hof“ geöffnet, jeden Mittwoch, Freitag und Sonntag ab sechs Uhr abends und offiziell bis 22 Uhr. In Wirklichkeit gilt aber „open end“, wie Elisa Schmücking sagt, was auch mal zwei oder drei Uhr heißen kann. „Dann sage ich letzte Runde, und danach sagt mein Vater noch allerletzte Runde“, sagt sie lachend. Im Sommer verlagert sich die Kneipe bei schönem Wetter in den großen Garten, in dem Tische mit grünen Plastikdecken stehen. Am Sonntag bringt Jörg Schmücking nachmittags seine Softeis-Maschine in Gang, die er noch aus DDR-Zeiten geerbt hat.
Der Chor probt in der Kneipe
Am Freitag ab halb acht tauchen plötzlich immer mehr Besucher auf. Der Grund: Im vorderen Kneipenraum probt der Chor von Rehungen. Hanfried Hoffmann, ein rüstiger Mann von 75 Jahren, verlässt die Runde am Stammtisch, denn er ist der Chorleiter. Er hat früher als Kfz-Meister bei Opel gearbeitet, hatte aber auch immer mit Musik zu tun: Erst spielte er Akkordeon, dann Keyboard, war mit einer Band namens Rot-Weiß-Combo unterwegs. Als er vor 15 Jahren den Chor übernahm, hatte der nur noch zwölf Mitglieder. In den Nachbargemeinden hätten in den letzten Jahren gleich drei Chöre aufgehört, erzählt Hoffmann. Mit den Chören ist es auf dem Land wie mit den Kneipen. Überall verschwinden sie.
Hoffmann aber schaffte es, den Chor in Rehungen zu retten. Er fand heraus, dass viele nicht immer nur die alten Volkslieder singen wollten, sondern lieber etwas Modernes. Hoffmann nahm mehr Popsongs ins Repertoire. Heute hat der Chor wieder 28 Mitglieder, sagt Hoffmann stolz.
An diesem Freitagabend sitzen 16 von ihnen, sechs Männer und zehn Frauen, viele im mittleren Alter, an den Kneipentischen vor Bier, Wein und Wasser. Hoffmann dirigiert von einem Arranger-Keyboard aus. Am Anfang proben sie „Großer Gott, wir loben Dich“ und zwei weitere Kirchenlieder, denn am Sonntag hat die Rehunger Kirche ihr zweihundertfünfzigjähriges Jubiläum. Dann stimmt der Chor ein Halleluja an, nicht das von Händel, sondern das von Leonard Cohen.

Die Fachwerkkirche von Rehungen ist noch etwas älter als der „Thüringer Hof“. Sie ist 1776 errichtet worden. In einen Eichenbalken über dem Altar ist der Name „Schmicking“ eingeritzt, der Heimatverein geht davon aus, dass das die Baumeister waren. Wirt Jörg Schmücking hat daraus die Legende gestrickt, dass es sich bei diesem Schmicking um den Pfarrer handelte, der dreißig Jahre später die Kneipe gegründet habe, damit die Kirche nicht länger leer bleibe. Geholfen hat es nicht, jedenfalls nicht über die Jahrhunderte. Zu den Gottesdiensten am Sonntag kämen nicht mehr als zehn Besucher, erzählt Chorleiter Hoffmann, der sich auch darum kümmert, dass die Kirchturmuhr immer richtig eingestellt ist.
Die Bar im Schweinestall
Der Mittelpunkt des Dorfes ist in Rehungen nicht die Kirche, sondern die Kneipe. Auch der Kirmesverein, der Heimatverein und der Jagdpachtverein treffen sich hier. Jedes Jahr am 23. Dezember organisieren die Schmückings ein Weihnachtsfest. Das fing an, als Jörg Schmücking mal einen Kasten Bier rausstellte. Inzwischen kommen rund 200 Gäste, und es gibt nicht nur Bier, sondern auch Waffeln und vier verschiedene Sorten Glühwein, die Schmücking zubereitet. Er hängt dann eine Kasse des Vertrauens auf, in die jeder zwei Euro pro Wein einwerfen soll. „Das funktioniert gut“, sagt er. Wer im „Thüringer Hof“ seinen Geburtstag oder eine Party in geschlossener Runde feiern will, kann das im „Schwinnestall“ machen, einer modernen Bar, die Schmücking vor zehn Jahren im ehemaligen Kuh- und Schweinestall gebaut hat. Selbst Technik für Karaoke hat er installiert.
Jörg Schmückings Eltern hatten noch Landwirtschaft, Pferde, Kühe und Schweine, eine Fleischerei und eben den „Thüringer Hof“. Die Mutter verkaufte am Tag Fleisch und Wurst, am Abend schenkte sie Bier und Schnaps aus. Damals lebten noch 900 Menschen im Dorf, es gab drei Gaststätten. Viele Bewohner arbeiteten in den Kaliwerken in den umliegenden Orten, etwa zwanzigmal am Tag hielt der Bus mit Arbeitern direkt vor der Kneipe. „Die sind alle eingekehrt nach der Mittagsschicht“, erzählt Schmücking. „Und manche auch vor der Mittagsschicht“, ergänzt Elisa. Selbst am Wochenende drängelten sich die Leute im Hausflur, die noch Fleisch oder Bier kaufen wollten.

Die Kinder mussten damals alle mithelfen. Schmücking erinnert sich, wie er als Schüler am Nachmittag Kies schippte und am Betonmischer stand, während seine Freunde ins Schwimmbad gingen. Denn der Vater baute den Hof und die Gaststätte aus. Schulaufgaben? „Die kannst du am Abend machen.“
Der Vater entschied auch, welchen Beruf die vier Kinder ergreifen mussten. Jörgs ältere Schwester Doris lernte Köchin. Obwohl sie schon 76 ist, kocht sie auch heute noch. Etwa wenn Feste gefeiert werden oder der Gasthof am Samstag für Familienfeiern gebucht ist. Ihre Tochter Jannyn, die in Erfurt wohnt, unterstützt sie dann. An diesem Freitagabend serviert Doris Bockwürste mit Brötchen, das einzige Essen, das an normalen Tagen in der Kneipe angeboten wird.
Jörgs älterer Bruder Uwe lernte Fleischer. Er ist heute 75 und hat bis vor Kurzem noch Hausschlachtungen gemacht, kann aber wegen einer Erkrankung kaum noch in der Kneipe aushelfen. Das gilt auch für Mandy Singer, die jüngste Tochter, die sich als einzige der Geschwister ihren Beruf aussuchen konnte und Schneiderin wurde. Sie kommt trotz einer langjährigen Krebskrankheit an diesem Freitagabend vorbei, hat Fotos und Zeitungsausschnitte über die Geschichte der Gaststätte mitgebracht. „Ich bin immer gern in der Kneipe, das lenkt mich ab“, sagt sie. Und erzählt, wie sich im Betrieb der Kneipe auch der Umgang der Generationen spiegelt. „Wir wurden erzogen, immer Ja zu sagen und niemals Nein.“ Es habe stets das Wort der Eltern gegolten. „Work-Life-Balance kannten wir auch nicht.“ Dass es heute anders ist als in ihrer Kindheit und Jugend, findet sie mittlerweile gut. Doch wegen dieser unterschiedlichen Prägungen hätten die Generationen in der Kneipe einige Zeit gebraucht, um sich zusammenzuraufen.
Aus Leipzigs linker „Bubble“ ins Thüringer Dorf
Die neue Generation, das ist Elisa Schmücking, die Tochter von Jörg. Sie ist 35 Jahre alt. Zehn Jahre lang hat sie in Leipzig studiert und gearbeitet, bevor sie in der Corona-Zeit zurück in ihr Heimatdorf gekommen ist. „Ich wollte damals einfach nicht mehr in der Stadt leben, als Lockdown war“, erzählt sie. Leipzig und Rehungen – die Gegensätze sind riesig, nicht nur wegen der Einwohnerzahl, sondern auch, wenn es um Politik geht. Leipzig ist eine linke Stadt, Rehungen ein typischer Ort für Thüringen. Die Ergebnisse der Landtagswahl waren in der Gemeinde Sollstedt, zu der Rehungen als Ortsteil gehört, ähnlich wie im gesamten Bundesland: Die AfD erreichte mehr als 31 Prozent, die CDU 25, das BSW 16, die Linke 15 und die SPD 6 Prozent.

Elisa trägt Armbändchen mit Anti-Nazi-Parolen. Sie arbeitet seit zweieinhalb Jahren in Mühlhausen als „Demokratiemanagerin“ für das Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft, leitet Workshops und hält Vorträge zu Themen wie Antidiskriminierung, Fake News und Demokratiebildung. Die Arbeit in der Kneipe ist da oft ein Kontrastprogramm. Manchmal denke sie, sie arbeite den ganzen Tag, „überspitzt gesagt, für Liebe und Gerechtigkeit“, um sich dann am Abend „die krassesten Parolen“ anhören zu müssen. Homophobe Äußerungen etwa. „Wenn die Leute dann noch im nächsten Satz behaupten, man darf ja nichts mehr sagen, dann denke ich manchmal: Ich wünschte, es wär so.“
Mitunter schreitet sie ein, streitet sich mit den Gästen. Früher habe sie das viel öfter gemacht. Aber sie weiß, auch aus ihrer beruflichen Erfahrung, dass sich nicht jede Auseinandersetzung lohnt und ein gutes Gegenargument nicht gleich zum Umdenken führt. „Heute gehe ich oft weg und poliere Gläser“, sagt sie. Doch dem Streit kann sie auch etwas Positives abgewinnen. In ihrer linken „Bubble“ in Leipzig habe sie Menschen, die sie nicht mochte, einfach aus dem Weg gehen können, „die musste ich niemals wiedersehen“. In Rehungen sei das anders. „Hier musst du mit den Leuten auskommen, die hier leben.“
Ihr Bruder Daniel Schmücking, der acht Jahre älter ist, hat einen anderen Weg hinter sich, auch politisch. Nach dem Politikstudium in Jena arbeitete er lange für die Konrad-Adenauer-Stiftung, leitete deren Auslandsbüros in der Mongolei und in Kambodscha, war dann für politische Kommunikation im Hauptquartier in Berlin tätig. Jetzt arbeitet er in der Thüringer Staatskanzlei in Erfurt, den CDU-Ministerpräsidenten Mario Voigt kennt er noch aus der Studienzeit in Jena. Für die Kneipe fällt Daniel also aus. „Doch wenn er da ist, muss er mit Bier ausschenken“, sagt seine Schwester.
Ein Funke – und die Diskussion explodiert
Jörg Schmücking lässt sich nicht in die Karten schauen, wenn es um Politik geht. Er sei „neutral“, sagt er. Doch in der Kneipe werde schon viel über Politik gestritten. Kriege, Krisen, es gibt Anlässe genug. Schon zu DDR-Zeiten wurde heftig diskutiert. Nur wenn der eine Typ in die Kneipe gekommen sei, der sich nie an den Tisch gesetzt, sondern immer am Tresen gestanden habe, seien alle verstummt. „Der hat immer zwei Bier getrunken und ist dann wieder gegangen, hat praktisch durchgezählt“, erzählt Schmücking. Der Mann arbeitete für die Stasi.

Der Wirt hat Spaß daran, wenn die Diskussionen in der Kneipe richtig lebhaft werden. Er und Tochter Elisa haben auch schon einen klaren Zusammenhang zwischen dem Alkoholkonsum und der Drehzahl der Debatten ausgemacht. Meist wird es nach der zweiten Runde Enzian lebendiger. Und ist das nicht der Fall, macht sicher jemand eine provokative Bemerkung, „sodass die Diskussion explodiert“, wie Schmücking sagt. Wenn es keiner macht, dann sei es ihr Vater selbst, der den Funken in die Runde wirft, wie Elisa sagt. Jörg Schmücking schmunzelt. Langweilig soll es halt nicht werden in der Kneipe. „Nach der fünften Enzianrunde wird es wieder ruhiger. Dann ist das Thema meistens durch“, sagt er.
Der „Thüringer Hof“ ist nicht nur der Mittelpunkt des Dorfes, das Lagerfeuer, sondern auch Kulturhaus und Informationsbörse, der Ort, an dem irgendwie der Dorffriede zu hängen scheint. Die Hoffnungen ihrer Familie, aber auch der Dorfgemeinschaft liegen deshalb auf Elisa Schmücking. Sie will auf jeden Fall weitermachen. Einen genauen Plan, wie das gehen soll, hat sie noch nicht. Ihr Freund Matthias aus dem Ort hilft jedenfalls schon mit. Und auch sonst gibt es viele Freunde der Familie, die unterstützen, wenn Not am Mann sei. Die Kneipe sei eben nicht nur Hobby. „Es ist auch eine Verpflichtung“, sagt Elisa Schmücking. All das, was mit ihr zusammenhängt, sei schließlich so lange aufgebaut worden und heute so groß geworden. „Irgendwie wäre es schon richtig blöd, wenn es mit meiner Generation aufhören würde.“ Verrückt machen will sie sich wegen der Zukunft aber nicht. Schließlich gibt es in ihrer Familie den Spruch: Es geht immer irgendwie weiter, nur anders.
