
Das Viertel um den Dortmunder Phoenixsee war mal eine echte Arbeitergegend. 1900 stand hier die „Hörderfackel“: der Zentralkamin des Stahlwerks Phoenix-Ost, später Thyssenkrupp, welches 2001 stillgelegt wurde. Heute stehen dort Stadtvillen und Fußballerresidenzen, wie die von Mario Götze, der während seiner Dortmunder Zeit dort lebte.
In der „Rich Map“, einer interaktiven Karte des Leibniz-Instituts, lassen sich zahlreiche derartige Geschichten über die Historie der eigenen Nachbarschaft herausfinden – über Strukturwandel, den Luxus des frühen 20. Jahrhunderts, über die Entwicklung in West- und Ostdeutschland. Interessierte können nachschauen, welcher Millionär vor dem Ersten Weltkrieg in ihrer Stadt, in ihrem Viertel oder womöglich in ihrer Straße gewohnt hat.
Grundlage sind Daten des Regierungsrats Rudolf Martin. Zwischen 1911 und 1914 veröffentlichte er auf Basis von Steuerdaten seine „Jahrbücher des Vermögens und Einkommens der Millionäre in Preußen“, eine Liste der rund 4500 vermögendsten Preußen, aufgeschlüsselt nach Adresse, Vermögen, Einkommen und Beruf. Schon damals trat die Veröffentlichung Martins einen Skandal los, der Fragen über Privatsphäre und Vermögensverteilung aufwarf. Heute wären die Jahrbücher datenschutzrechtlich undenkbar.
Aus Stadtvillen wurden Lofts
Die Historikerinnen Kerstin Brückweh und Eva Gajek haben Rudolf Martins Bücher in ihrem Projekt „Where the Rich Live. Mapping Villa Neighborhoods and Cultures of Wealth in Germany’s Long Twentieth Century (RichMap)“ digital erschlossen und kartiert. Für Geschichtswissenschaftler ist das Projekt des damaligen Regierungsrats ein Glücksfall, denn historisch ist das Material sehr aufschlussreich.
Ein Beispiel ist das Lehel. Die Heimat der Münchner Schickeria, wo heute 160 Quadratmeter Wohnfläche für knapp fünf Millionen Euro den Besitzer wechseln, verdankt ihren Ruf nicht nur neuem Reichtum. Schon 1900 zog es die Reichen an. Bierbrauer, Rechtsanwälte und Industrielle bekamen Nachkriegsgewinner und Digitalunternehmer als Nachbarn. Aus Stadtvillen wurden Lofts, das Geld und die gute Adresse blieben.
Für Eva Gajek ist besonders bemerkenswert, wie relativ gleichmäßig der Reichtum um 1900 über Ost- und Westdeutschland verteilt war. Die heutigen ostdeutschen „Vorzeigestädte“ Potsdam, Dresden und Leipzig waren damals keine Ausnahmen: Chemnitz beherbergte 20 Millionäre, Magdeburg 28. Beides Städte, „wo wir heute nicht vermuten würden, dass dort der deutsche Reichtum wohnt“, sagt Gajek. Die Verschiebung des deutschen Reichtums nach Westdeutschland hänge mit verschiedenen historischen Ereignissen, politischen Systemen und Brüchen zusammen, etwa den Weltkriegen, dem Nationalsozialismus, der DDR, aber auch der Wiedervereinigung. Der einstige ostdeutsche Reichtum ist heute weitgehend unsichtbar geworden.
Nicht nur im überregionalen Vergleich, sondern auch innerhalb von Städten zeigt die Karte Muster. Ein Reicher kommt demnach selten allein. In Städten wie München entstanden Zentrum-Ring-Strukturen, wie Gajek feststellt: „Die höchsten Vermögenden bilden das Zentrum, und darum gruppieren sich die anderen Vermögensgruppen.“ Das Vermögen ballt sich so in dichten Clustern. Die Entstehung von Clustern folge einer Logik. Bestimmte infrastrukturelle Bedingungen hätten gute Adressen ausgemacht und fortgeschrieben.
Gajek nennt zwei Beispiele: die Nähe zur Natur und die soziale Komponente der Cluster-Bildung. Gute Adressen seien dort entstanden, wo diese Ansprüche erfüllt waren. Die räumliche Nähe habe gefördert, dass Millionäre „ihre Kinder auf ähnliche Schulen oder zu ähnlichen Freizeitveranstaltungen“ schickten. Das habe die gewählte Adresse erst zu einer „guten“ gemacht, denn geographische Nähe habe Nähe in Beziehungen geschaffen – wirksamer als jede Veranstaltung zum Netzwerken. Wer in einer guten Gegend geboren worden sei, sei automatisch mit wohlhabenden Leuten in Kontakt gekommen. Diese Spuren wirken bis heute in die sozialen Ungleichheitsstrukturen hinein, meint die Historikerin.
