Zu den Bundesländern, deren kulinarische Bräuche den meisten Deutschen weitgehend unbekannt sind, zählt Brandenburg. Zu Niedersachsen fällt vielen immerhin noch Grünkohl ein, zu Mecklenburg-Vorpommern Fisch, zu Thüringen Bratwurst. Gebildete mögen darauf verweisen, dass Kurfürst Friedrich Wilhelm die Kartoffel nach Brandenburg brachte. Doch wie wurde sie dann hauptsächlich genossen? Als Bratkartoffel, Püree, am Stück, als Salat? Und welches Gericht ist heute typisch brandenburgisch, gibt es so eines überhaupt?
Das lässt sich am besten dort prüfen, wo viele Brandenburger mit gutem Geschmack zum Essen und Trinken zusammenkommen: auf dem Sommerabend der Landesregierung. Es ist Dienstagabend, eine mit Festgästen vollgestopfte Straßenbahn gleitet vom Potsdamer Hauptbahnhof stadtauswärts zur Sportanlage Luftschiffhafen am Templiner See. Hier wurden Bühnen, Stände und zum Glück auch jede Menge Liegestühle aufgebaut. Neben dem Ministerpräsidenten Dietmar Woidke sind rund 3000 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft da. Viele kennen einander im spärlich besiedelten Brandenburg.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Was lässt sich hier nun also lernen über die Brandenburger in Sachen Ernährung? Zunächst mal: Sie sind tolerant. Der Wein hier kommt zum Beispiel aus Hessen, auch so etwas wie Wildberry Lillet und Aperol Spritz wird ausgeschenkt. An einer Station servieren Köche Lachs zu geröstetem Brot und Hummus-Creme. Mundet, wenn auch nicht gerade brandenburgisch. Hier gibt es Currywurst und Pommes – eher berlinerisch –, dort sehr gute Eisstände, Mandel, Orange-Ingwer, dunkle Schokolade. Dolce Vita auf märkischem Sand.
Eine Pulled-Pork-Praline mit Wassermelonensalat ist zu haben
Dann aber: Brandenburger Spezialitäten sollen in der sogenannten Genuss-Straße zu bekommen sein. Der Verein pro agro hat sie aufgebaut, er kümmert sich um die Vermarktung regionaler Produkte und „landtouristischer Angebote“ in Berlin und Brandenburg. Also bäuerliche Kost?

Hier mit einem Twist. Eine Pulled-Pork-Praline mit Wassermelonensalat ist zu haben oder ein Kartoffelkloß, gefüllt mit Ente, in Rotkohljus. Hochsommer hin oder her. Wer es leichter will, findet nebenan brandenburgische Kirschen und Erdbeerbowle.
Und, tatsächlich, auch eine Tafel, die die Brandenburger Küche umreißt: „Fritzens tolle Knolle“ lieben die Einheimischen demnach mit Quark und Leinöl, Korn „uff’m Feld und ausse Flasche“, außerdem „Spreewälder Jurkn, den Prignitzer Knieperkohl un det Teltower RÜBCHEN“. In Großbuchstaben, wohl, damit es auch der letzte Bayer und Westfale noch mitkriegt.
Was sagt das nun über Brandenburg und die, die es regieren? Bodenständigkeit ist hier Pflicht, gepaart mit der Bereitschaft, der Gegenwart Angenehmes, aber nicht allzu Exzentrisches abzugewinnen. Also eigentlich wie überall in Deutschland, Berlin mal ausgenommen.
