Das Stadion von Foxborough ist schon fast leer, aber die Kameras laufen noch. Montagabend, die deutsche Nationalmannschaft ist gerade im Elfmeterschießen gegen Paraguay ausgeschieden, im Sechzehntelfinale der Weltmeisterschaft. In diesem Moment begegnen sich auf dem Rasen Vergangenheit und Zukunft der Nationalmannschaft, auch wenn es ein paar Tage dauern wird, bis das auch schwarz auf weiß auf Papier stehen wird. Jetzt ist die Farbe: Magenta.
Wenn man sich das im Nachhinein anschaut, ist es fast erstaunlich, wie gefasst Julian Nagelsmann wirkt, als Johannes B. Kerner, der Moderator, seine Fragen stellt. Gefasst, weil das Scheitern so groß ist. Gefasst aber auch, weil, getrennt noch durch Tabea Kemme, auch Jürgen Klopp da steht. Eine Zumutung für Nagelsmann, anders kann man das nicht sagen.
Klopp steht tatsächlich nur da, schaut ein bisschen betreten, die ganze Zeit hält er sich das Magenta-Mikrofon vor den Bart, aber so lange Nagelsmann da steht, sagt er: kein Wort. Vielleicht, weil er weiß, dass er am gleichen Mikrofon schon ein Wort zu viel gesagt hat. Das berühmt gewordene „noch“ zum Bundestrainer Nagelsmann. Zu viel war es vor allem für Nagelsmann, für Klopp war es vielleicht, auch wenn er das später dementierte, genau das Wort, das er noch brauchte.
„Müssen jetzt richtig ran an die Nummer“
Seit Freitagmittag in Deutschland weiß man jedenfalls: Nagelsmann konnte danach noch vier Tage Bundestrainer bleiben, auch wenn die unvermeidliche Trennung in die für alle schmeichelhaftere Version eines freiwilligen Rückzugs gepackt wurde. Und von Klopp, der am Montag in Foxborough sagt, er habe „noch nicht darüber nachgedacht“, heißt es laut Mitteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), er habe „bereits seine grundsätzliche Bereitschaft zur Übernahme des Postens signalisiert“.
Dass einen Satz vorher auch steht, dass der Verband „nun das Gespräch mit Klopp suchen“ werde, ist in dieser Reihenfolge vielleicht nur ein amüsantes Detail, aber, wenn es so kommt, woran niemand zweifelt, auch ein Symbol dafür, wer nun das Sagen haben wird, in der Nationalmannschaft, im Verband. Und wie sich das anhören wird. Eine Kostprobe davon hat man am Montag in Foxborough schon bekommen. Als Nagelsmann weg ist, ist Klopp dran. Und das, was er sagt, kann man, auch wenn er noch nicht als Bundestrainer spricht, schon als Ankündigung eines umfassenden Aktionsplans verstehen. „Es geht nicht immer nur darum: Wer könnte das dann leiten? So viele Dinge müssen, glaube ich, angeschoben werden. Und dafür, nur dafür ist vielleicht jetzt die Situation genau die richtige. (…) Jetzt haben wir gerade festgestellt: Wenn das nächste Turnier kommt und wer auch immer Bundestrainer ist, wird gefragt: Und? Zielsetzung? Und wenn er nicht Europameister sagt, dann sagen alle: keine Ambitionen, oder was? Wir sind Deutschland. Nein, wir waren Fußball-Deutschland. Um wieder Fußball-Deutschland zu werden, müssen wir jetzt richtig ran an die Nummer.“

Richtig ran an die Nummer – das dürfte bedeuten, dass sich im DFB so viel ändern wird wie seit gut 20 Jahren nicht mehr, als Jürgen Klinsmann gesagt hat: „Im Prinzip muss man den ganzen Laden auseinandernehmen.“ Eine erste Veränderung teilt der DFB am Freitag mit: Andreas Rettig, der Geschäftsführer Sport, wird seinen zum Jahresende auslaufenden Vertrag nicht verlängern, aus „persönlichen Gründen“. Er habe den Präsidenten Bernd Neuendorf schon vor Turnierbeginn informiert, heißt es. Was man aber auch weiß: dass Rettig kein Klopp-Freund ist und schon gar keiner der Red-Bull-Welt. Rudi Völler, der Sportdirektor, ist hingegen weiter dabei. Allerdings darf man ein „noch“ durchaus mitdenken. Es dürfte zu seinem Verständnis von Verantwortung gehören, den Übergang zu regeln, Klopp steht schließlich noch als „Head of Global Soccer“ bei Red Bull unter Vertrag.
Aber womöglich gehört zu diesem Verständnis auch, den Weg freizumachen zu einem Neustart ohne Rücksicht auf alte Zöpfe. Völler findet herzliche Worte für Nagelsmann, zu dem er ein gutes Verhältnis hatte. Im Kontrast dazu steht, wie sich die Zitate des Präsidenten auf das Notwendigste beschränken. „Der Deutsche Fußball-Bund bedankt sich ausdrücklich bei Julian Nagelsmann für die seit September 2023 geleistete Arbeit. (…) Julian Nagelsmann ist darüber hinaus ein überaus verantwortungsbewusster und aufrichtiger Mensch, den wir alle schätzen.“ Das könnte der Satz eines Klassenleiters unter einem Jahreszeugnis sein. Es sind aber auch die Worte eines Präsidenten, der sich in der Vergangenheit geradezu verschossen in den Trainer Nagelsmann gezeigt hatte.Auch in jenem Januar 2025, als die Weichen für den Fußball für längere Zeit gestellt scheinen, die Rollen für Nagelsmann und Klopp vorerst definiert.
Klopp will sich nicht festlegen
Salzburg, 14. Januar 2025. Der Red-Bull-Konzern sendet eine Botschaft an den Rest der Fußballwelt. Man sieht sie an diesem Tag auf dem Banner der Bühne in seinem Hangar am Flughafen, auf dem der Name des neuesten Angestellten für diesen Termin in der gleichen Größe wie das Markenlogo des Unternehmens gedruckt worden ist. Dort stehen neben den beiden roten Bullen sechs Buchstaben: Kloppo. Auf der Bühne sagt Jürgen Klopp, der neue „Global Head of Soccer“ des Konzerns, dass er nach mehr als 20 Jahren als Trainer nun das mache, was er zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere machen wolle. Doch eines wird er danach nur sehr ungenau sagen: wie genau er das machen will.
In den fast anderthalb Stunden, in denen er auf Fragen antwortet, legt er sich nur zweimal fest. Das eine Mal, als er sagt, dass das Gegenpressing, das spieltaktische Element, das in Mainz, Dortmund und Liverpool die Grundlage seines Erfolgs war, kein Vorschlag sei, sondern ein Gesetz. Das andere Mal, als er sagt, dass er für keinen Red-Bull-Klub als Trainer arbeiten werde. Und für eine Nationalmannschaft? Da will er sich dann schon wieder nicht festlegen. Als Klopp darauf angesprochen wird, antwortet er, dass es in seinem neuen Arbeitsvertrag keine Ausstiegsklausel gebe und dass Deutschland mit Julian Nagelsmann doch den bestmöglichen Bundestrainer habe. Das glaubt zu diesem Zeitpunkt, wie man zehn Tage später sehen wird, auch der DFB.
Frankfurt, 24. Januar. Der größte deutsche Sportverband sendet eine Botschaft an den Rest der Fußballwelt. Er hat gerade den Vertrag mit Bundestrainer Julian Nagelsmann vorzeitig bis einschließlich der EM 2028 verlängert. Und auch wenn es Nagelsmann war, der den Deutschen den Spaß an der Nationalmannschaft bei der Heim-EM 2024 zurückgebracht und mit seinem Team im Viertelfinale erst in der Verlängerung gegen den späteren Turniersieger Spanien verloren hat, muss man in diesem Moment an den Mai 2018 denken. Damals hat die Führung des DFB eine Entscheidung getroffen, die sie nur wenige Wochen später in ein Dilemma gebracht hat. Sie musste analysieren, wer dafür verantwortlich ist, dass die Nationalmannschaft in der WM-Vorrunde ausgeschieden ist. Nur konnte sie aus der Analyse nicht die nötigen Konsequenzen ziehen, weil sie selbst den Vertrag des Hauptverantwortlichen erst vor der WM bis einschließlich der nächsten WM verlängert hatte. Also ist Joachim Löw der Bundestrainer geblieben.
So skeptisch man mit Blick auf die Bundestrainergeschichte bei der vorzeitigen Vertragsverlängerung mit Nagelsmann also sein konnte, so sehr musste man auch den Unterschied sehen: Im Sommer 2018 standen Trainer und Team am Ende einer Entwicklung – im Winter 2025 stehen sie noch am Anfang. Nur ist die Entwicklung nicht weitergegangen. Schon in der Nations League folgten manchmal, wie beim 3:3 gegen Italien, auf 45 sehr gute 45 sehr schlechte Minuten. Besser ist es danach nicht geworden. Auf dem Weg zur WM hat Nagelsmann gesucht und gesucht, aber nie gefunden, was die Mannschaft auf dem Feld braucht.
Spätestens als Deutschland am Montag im Elfmeterschießen gegen Paraguay ausscheidet, steht fest: Dieser Trainer und dieses Team sind am Ende ihrer gemeinsamen Geschichte angekommen. Die Nationalmannschaft und Jürgen Klopp hatte sich der DFB nach Informationen der F.A.Z. schon vor Jahren vorgestellt. Er hätte 2023 nach der Winter-WM in Qatar auf Joachim Löw folgen sollen, in dessen Vertrag es für den Fall der Fälle eine Abfindungsklausel gegeben haben soll, die nach Darstellung eines DFB-Insiders weit unter dem Jahresgehalt lag. Hätte Löw nicht durchgehalten, so der Plan, wäre Horst Hrubesch als „Lückenfüller“ während der WM eingesprungen.
Die Führung des DFB wusste angeblich von Klopps Wunsch, nach der Zeit als Coach in Liverpool wieder ins Rhein-Main-Gebiet zurückkehren zu wollen. Die Wege zum neuen Campus des Verbandes in Frankfurt wären kurz gewesen. Und so reiste eine Delegation des DFB 2019 zu einem Gespräch nach Liverpool. Klopp soll nicht abgelehnt haben. Er blieb aber bis Mai 2024 Cheftrainer in Liverpool. Mit ihm als neuer Galionsfigur, so ein Mitglied des damaligen Präsidiums, wäre die peinliche Vorstellung in Qatar schnell überbrückt worden und Ruhe eingekehrt. Für den zweiten Versuch setzt der DFB auf dieselbe Wirkung.
Klopps langer Weg zur Nationalmannschaft
Bevor Klopp „Global Head of Soccer“ wurde, war der gebürtige Stuttgarter Fußballtrainer – zunächst allerdings jahrelang ohne Fußballlehrerlizenz. Die Ausbildung schloss er auf Drängen des DFB erst 2005 ab, nachdem er vier Jahre zuvor in Mainz über Nacht vom Spieler zum Trainer geworden und 2004 in die Bundesliga aufgestiegen war. Danach erklärte er nicht allein seinen Spielern den Fußball, sondern am „Taktik-Tisch“ des ZDF als Fernsehexperte auch Millionen von Bundestrainern, etwa bei der Heimweltmeisterschaft 2006. Die Zeit in Mainz endete in der zweiten Liga und mit Tränen. Durch den Wechsel nach Dortmund stieg Klopp 2008 abermals in die erste Klasse auf und führte die Borussia mit zwei Meistertiteln und einem Pokalsieg auf die nationalen Gipfel. Den europäischen erreichte er mit dem BVB trotz „Vollgasveranstaltungen“, wie er die Spielweise titulierte, jedoch nicht: durch das 1:2 im Champions-League-Finale 2013 gegen den FC Bayern. Sechs Jahre später stand Klopp doch ganz oben, aber mit dem FC Liverpool.
Ähnlich wie in Dortmund hatte er einen Verein mit Problemen übernommen, sich clever als „Normal One“ positioniert und bei der Mannschaft die Bremse gelöst. Seit Klopp ist „Gegenpressing“ in England ein Fußballbegriff, der nicht übersetzt werden muss. Die Freude über die erste Meisterschaft Liverpools nach 30 Jahren fiel im Sommer 2020 nur deswegen kleiner als angemessen aus, weil sie in die Zeit der Covid-Pandemie fiel. 2024 war alle Energie aufgebraucht, er beendete das Kapitel Liverpool und sagte: „Stand heute war es das für mich als Trainer. Ich habe nicht aus einer Laune heraus aufgehört, sondern das war eine generelle Entscheidung.“ Aber eine mit Hintertür: „Mal sehen, wie es in ein paar Monaten aussehen wird.“
Zur schnellen Entscheidungsfindung, die zum Aus für Nagelsmann führte, trug dem Vernehmen nach auch die Erkenntnis bei, dass es zwischen Team und Bundestrainer während der gemeinsamen Tage in Übersee zu Meinungsverschiedenheiten kam. Die Rede ist davon, dass Nagelsmann mit seiner Art zu kommunizieren viele der Spieler irritiert habe und sich manche von ihm vor den Kopf gestoßen fühlten. Rudi Völler, der seit Februar 2023 als Direktor der A-Nationalmannschaft Führungsverantwortung besitzt, soll die keimenden Konflikte nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt haben, sondern ihnen wiederholt mit eher flapsigen Kommentaren aus dem Weg gegangen sein.
Der Weltmeister von 1990 soll bei der Lageanalyse am Donnerstag am DFB-Campus in Frankfurt gegenüber mehreren Vertretern der Gremien zu verstehen gegeben haben, dass er seine Aussage vom Montag, unmittelbar nach der Niederlage gegen Paraguay, inzwischen als zu voreilig einschätzt und er sie so nicht wiederholen würde. Als ausgemacht gilt, dass bei allem, was in den nächsten Tagen geschieht, Hans-Joachim Watzke die Fäden in der Hand halten wird. Der Siebenundsechzigjährige war bis zum Vorjahr Geschäftsführer von Borussia Dortmund und ist aus gemeinsamen Tagen eng verbunden mit Klopp. Watzke ist gegenwärtig BVB-Präsident, Ligapräsident der Bundesliga (vormals Deutschen Fußball Liga) und Vizepräsident des DFB. Ein weiterer Name, der auffallend hinter vorgehaltener Hand für einen Führungsjob beim DFB genannt wird, ist der von Per Mertesacker. Der Einundvierzigjährige gehörte vor zwölf Jahren zum Siegerteam bei der WM.
Mertesacker, Klopp: Sie sollen, sie wollen den deutschen Fußball in die Zukunft führen. Seine Rolle in der Gegenwart beschränkt sich auf die des Zuschauers. Das deutsche Spiel wirkte, wie bei den Weltmeisterschaften zuvor, aus der Zeit gefallen. Während alle großen Fußballnationen über die Flügel angreifen, dort ihre besten Spieler versammeln, passten die deutschen Halbraumspieler den Ball träge umher. Dieses strukturelle Problem ist der DFB bereits angegangen: Die Bundesligaklubs sollen künftig in der Jugend im 4-4-2-System spielen, damit in Deutschland wieder konkurrenzfähige Flügelspieler und zweikampfstarke Innenverteidiger ausgebildet werden.
