
Mit dem Bürokratieabbau ist es so eine Sache. Es gibt wohl nichts, was die Bundesrepublik im Innersten so zusammenhält wie die Wut auf Bürokraten – außer natürlich die kollektiv identitätsstiftenden Horrorgeschichten, die das Elend mit der Deutschen Bahn täglich hervorbringt. Von Stadtrat bis Bundesregierung, von Linkspartei bis FDP, von Freiberufler bis Großkonzern: Alle ächzen unter der Last der Bürokratie.
Andererseits treibt oft gar nicht die Bürokratie an sich die Bürger zur Verzweiflung. Häufig sorgen dafür die Menschen, die sich die Bürokratie einverleibt hat, deren Sinnhaftigkeitseinschätzungsvermögen sie ausgehöhlt und deren Willen zu so etwas wie menschlichem Mitgefühl (und gesundem Menschenverstand) sie gebrochen hat.
Nichts zu machen vor der Sommerpause
Nun ist natürlich nicht jeder Verwaltungsmitarbeiter ein pedantischer Technokrat. Aber manche sind es eben doch. Da ist zum Beispiel die Verwaltung eines deutschen Parlaments, Abteilung für Presseakkreditierungen. Man muss einen Antrag stellen und anschließend persönlich erscheinen, um Presse- und Personalausweis vorzulegen. Nervig, aber nachvollziehbar – immerhin geht es um den Zugang zu einem Herzstück der Demokratie, wenn auch nur in Form einer Kurzzeitakkreditierung.
Deshalb: Wie gefordert, so getan. Also steht man im Büro eines Sachbearbeiters, stellt sich freundlich vor und reicht den Ausweis über den Schreibtisch. Man sei zu früh, schallt es einem schnodderig entgegen. Das Datum, für das man Zugang zum Parlament begehre, sei ja erst in dreieinhalb Monaten – dazwischen liege die parlamentarische Sommerpause. Sorry, da sei nichts zu machen.
Der Einwand, dass man das gerne erledigt hätte, weil man vor dem Termin, dessen Startzeit man noch nicht absehen könne, vermutlich nicht mehr in der Stadt sei, um sich vor dem Sachbearbeiter abermals auszuweisen, wird abgebügelt. Man solle einfach an dem Tag, dessen Verlauf man noch nicht kennt und an dem man von morgens an Zugang zum Parlament benötigt, noch mal vorbeischauen. Eine Stunde vor dem geplanten Termin reiche aus, die Akkreditierungsstelle sei von neun Uhr an geöffnet.
Ob denn wenigstens auf dem Akkreditierungsformular ergänzt werden könne, fleht man den Mann hinter dem Schreibtisch an, dass das persönliche Erscheinen erst so und so viele Wochen im Voraus möglich sei – damit anderen Kollegen nicht dasselbe widerfahre?! Unmöglich, erwidert der Mann ruppig, den Blick bereits abgewandt. In all den Jahren, die er schon hier arbeite, sei man der Erste, der dieses Problem habe. Und wegen einer Person werde man jetzt ganz sicher nicht das Formular ändern.
Vielleicht muss Bürokratie gar nicht primär abgebaut werden. Es würde schon helfen, wenn die Bürokraten abrüsteten.
