
Mehr als vier Monate nach der Tötung des iranischen Staatsoberhaupts Ali Khamenei durch einen israelischen Luftangriff am ersten Tag des Irankrieges haben am Freitag die Zeremonien für seine Beerdigung begonnen. Eigentlich sehen islamische Riten vor, dass der Leichnam so schnell wie möglich begraben wird.
Doch das Regime fürchtete lange, dass Israel und die Vereinigten Staaten die Trauerfeier für weitere Angriffe gegen die politische und militärische Führung nutzen könnten. Ein weiterer Grund für die Verzögerung könnte die Verwundung des neuen Machthabers Modschtaba Khamenei gewesen sein, die möglicherweise erst ausheilen musste. Die entscheidende Frage ist nun: Wird der neue Oberste Führer zur Trauerfeier seines Vaters erscheinen? Es wäre sein erster öffentlicher Auftritt seit seiner Machtübernahme im März.
Zwei Lager berufen sich auf den Willen Ali Khameneis
Je länger er sich im Verborgenen hält, umso schwieriger dürfte es für ihn werden, seine Autorität gegenüber der Revolutionsgarde zu festigen. Seine Abwesenheit schürt interne Machtkämpfe zwischen Gegnern und Befürwortern der Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten. Beide Lager nehmen für sich in Anspruch, den Willen des Obersten Führers zu repräsentieren.
Der Streit kreist um einen Satz in einer schriftlichen Erklärung Khameneis. Er habe „im Grundsatz eine andere Meinung“ zu dem mit Washington ausgehandelten Memorandum. Sollte der Sohn während der siebentägigen Zeremonie nicht erscheinen, werden Gerüchte ins Kraut schießen, wonach er womöglich gar nicht mehr am Leben ist. Bislang schweigt sich der Apparat über sein mögliches Erscheinen aus – auch das wohl aus Sicherheitsgründen.
Ein anderer hat derweil die Trauerfeier zum Anlass genommen, um sich erstmals seit Kriegsbeginn in die Öffentlichkeit zu trauen: Der Oberkommandeur der Revolutionsgarde, Ahmad Vahidi, zeigte sich an Khameneis Sarg und nahm an einer Sitzung des Vorbereitungskomitees für die Beerdigung teil. Federführend ist die Leibgarde des Führers, eine Spezialeinheit der Revolutionsgarde.
Menschenmasse soll eine Demonstration der Stärke sein
Der Kommandeur des Zentralkommandos der Streitkräfte, Ali Abdollahi, drohte den Vereinigten Staaten und Israel mit harscher Vergeltung, sollten sie die Zeremonien mit Drohungen oder Angriffen stören. Dass solche Bedenken nicht unbegründet sind, zeigen neue Recherchen der „New York Times“, wonach die amerikanische Regierung zwischenzeitlich fürchtete, dass Israel den iranischen Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf und den Außenminister Abbas Araghchi während ihrer Verhandlungen mit Washington töten könnte.
Aus diesem Grund habe Amerika Iran über Vermittler vor einer solchen Möglichkeit gewarnt, schrieb die Zeitung. Konkret soll es israelische Pläne gegeben haben, die Delegation nach einem Treffen mit Vizepräsident J. D. Vance im April in Islamabad anzugreifen. Pakistanische Kampfflugzeuge hatten Ghalibafs und Araghchis Flugzeug eskortiert. Laut dem Bericht war es in Maschhad notgelandet, nachdem israelische Kampfflugzeuge in den iranischen Luftraum eingedrungen seien. Erst kürzlich hat Israel abermals mit der Ermordung Modschtaba Khameneis gedroht.
Die iranische Führung hat die Beerdigung seines Vaters zum „Referendum“ erklärt. Sie will die zu erwartenden Menschenmassen als Demonstration der Stärke und Einheit verstanden wissen. An der Trauerfeier für Khameneis Amtsvorgänger, Ruhollah Khomeini, sollen 1989 zehn Millionen Menschen teilgenommen haben. Damals kam es während einer Prozession zu chaotischen Szenen. Die emotionalisierte Menge zerrte an Khomeinis Leichnam und seinem Leichentuch in der Hoffnung auf Reliquien. Die Feier musste daraufhin unterbrochen und der Leichnam mit einem Helikopter in Sicherheit gebracht werden. Einen vergleichbaren Kontrollverlust wird die Führung in Teheran vermeiden wollen.
Am Wochenende darf die Bevölkerung zum Sarg
Die Atmosphäre ist heute aber eine ganz andere. Khomeini war der charismatische Führer einer Revolution. Khamenei hat in den 37 Jahren seiner Herrschaft nie einen vergleichbaren Kultstatus erlangt. Als er am 28. Februar getötet wurde, reagierten viele Iraner mit Freudentänzen. Allerdings galt Khamenei qua Amt Millionen Schiiten weltweit als religiöses Oberhaupt. Deshalb wird sein Sarg im Zuge der Trauerzeremonien auch in die irakische Stadt Nadschaf gebracht. Die dortige Imam-Ali-Moschee, in der der Schwiegersohn des Propheten Mohammed beerdigt sein soll, gehört zu den Heiligtümern der Schiiten.
An diesem Freitag wurde Khameneis Leichnam im Mosalla-Gebetskomplex in Teheran aufgebahrt, wo sonst die Freitagspredigten gehalten werden. Ausländische Delegationen erwiesen dem Staatsoberhaupt die letzte Ehre. Darunter waren Staats- und Regierungschefs aus Pakistan, Turkmenistan, Georgien, Tadschikistan, dem Irak und Armenien. Irans wichtigste Partnerländer, Russland und China, schickten niedrigrangige Delegationen. Aus Moskau reiste der Vizevorsitzende des Nationalen Sicherheitsrats, Dmitri Medwedew, an, aus Peking kam der Vizevorsitzende des Volkskongresses, He Wei.
Am Wochenende soll die iranische Bevölkerung an Khameneis Sarg vorbeidefilieren, bevor dieser am Montag und Dienstag in einer Prozession durch die Hauptstadt und dann in die 120 Kilometer südlich gelegene Stadt Qom gefahren werden soll, ein Zentrum der schiitischen Geistlichkeit. Neben Khameneis Leichnam sind seine Tochter, sein Schwiegersohn, seine Enkeltochter und seine Schwiegertochter, die Ehefrau des neuen Machthabers, aufgebahrt. Sie waren im Februar zusammen mit ihm getötet worden.
Am kommenden Donnerstag soll das Staatsoberhaupt in seiner Geburtsstadt Maschhad auf dem Gelände des Imam-Reza-Schreins beigesetzt werden. Für den Zeitraum der Feierlichkeiten werden die Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten ausgesetzt, die noch gar nicht richtig begonnen haben.
