Das Heidelberger Prinzhorn-Museum begeht nun doch sein fünfundzwanzigjähriges Bestehen – Gott und Georg Baselitz sei Dank! Der Maler war, als Mitinitiator und Gründungsbeirat des Vereins Freunde der Sammlung Prinzhorn, erst einer seiner Geburtshelfer und, als sein Fortbestehen im Frühjahr 2025 wegen der üblichen Geldknappheit der Universitätsklinik, an die es angeschlossen ist, fraglich war, schließlich, nicht lange vor seinem eigenen Tod, sein Lebensretter.
Ob es am Ende (nur) der energische Brief war, den Baselitz dem Heidelberger Oberbürgermeister in der Sache geschrieben hatte, oder ob die Stadt selbst noch zur Besinnung darüber gekommen ist, was über die Schließung des Hauses hinaus verloren gegangen wäre, spielt jetzt keine Rolle mehr. Den Museumsmitarbeitern standen beim Geburtstagsfest am vergangenen Wochenende im ehemaligen Hörsaal der alten Medizinischen Klinik, in dem das Museum untergebracht ist, die Erleichterung und die Freude ins Gesicht geschrieben. Ob und wann aus einer räumlichen Erweiterung, die sich aus der Sammlung eigentlich zwingend ergibt, etwas wird, muss man sehen.
Kunst ist, wenn jemand sagt, es ist Kunst
Einstweilen wird, bis ins nächste Jahr hinein, nicht gekleckert, sondern geklotzt: Neben dem dank Zusammenarbeiten mit anderen, auswärtigen Häusern in Form von Gastausstellungen und Kolloquien weit ausgreifenden, unter das nicht nur pathologisch, sondern auch redensartlich zu verstehende Motto „Wahnsinn!“ gestellten Begleitprogramm – ein Flyer mit rückseitigem, spektakulärem Poster liegt im Hause aus – ist dies natürlich die Jubiläumsausstellung selbst: „Alles Kunst?“ Dahinter kann man auch ein Ausrufezeichen setzen. Und sollte unter den auf mittlerweile 40.000 angewachsenen Exponaten das eine oder andere tatsächlich keine Kunst sein, kann man nach der Maxime verfahren, die Sven Regener in einem seiner Berlin-Romane so schön dreist ausgibt: Kunst ist, wenn jemand sagt, es ist Kunst, im Zweifel der Urheber.
Filetstück ist, wenn man das so sagen darf, die Puppe, welche Katharina Detzel (1872 bis 1960) in der Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster, vormals Kreis-Irrenanstalt, heute Pfalzklinikum, 1914 „aus Segeltuch und Seegras“ angefertigt hat, die aber verschollen und deswegen von der Kostümbildnerin Erika Landertinger und der Kunsthistorikerin Claudia Schneebauer nachgebildet ist – wenn man das erhalten gebliebene historische Foto mit der Schöpferin selbst betrachtet, wird man sagen: täuschend echt. Wozu die gut mannshohe Puppe, die trotz der etwas kurz geratenen Arme und der verdrehten Füße torsohaft wirkt, gut sein soll, darüber ist von Detzel selbst keine Auskunft überliefert. Direkt jugendfrei ist sie – und damit auch das Foto und das Poster, das dem Museum zum Jubiläum quasi als Bildaufmacher dient – schon aufgrund des geradezu aggressiv provozierend hervorgekehrten, dicken, seltsam stumpfartigen männlichen Glieds nicht. Die schnabelhafte Nase und der grasige, bis zur Bauchmitte reichende Bart rücken sie in die Nähe eines Phantasiewesens, um das es sich letztlich auch handelt.
Detzel soll es angeblich in einer Nacht gestaltet haben, aber das hält Museumsleiter Thomas Röske für unmöglich; die Nachbildung habe Wochen beansprucht. Die Urheberin wollte damit, neben den sich auch dem Betrachter aufdrängenden sexuellen Hintergedanken, wohl auch ihr Bedürfnis nach einem Beschützer zum Ausdruck bringen, das sie, wie sich denken lässt, mit den meisten Insassen nicht nur dieser Klinik teilte.

Die in Klingenmünster machte, wie manche andere, deren Insassen im Namen Prinzhorns verewigt sind, mit bei dem Massenmordprojekt T4 und schickte Patienten in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Reutlingen. Katharina Detzel blieb davon verschont und wurde überdurchschnittlich alt (88). Es fällt auf, dass viele, auch unter den gegenwärtig ausgestellten, ihre Kunst im Alter von ungefähr 40 Jahren anfertigten; manchmal wurden sie auch nicht mehr viel älter. Die NS-Vergangenheit ist in dieser Sammlung bedrückend gegenwärtig; vielen ihrer Vertreter bereiteten die Nazis das, was sie beschönigend „Euthanasie“ nannten.
Nicht erst ihr Tod war tieftraurig
Vor allem darin liegt der gleichsam humanitäre, unschätzbare Wert dieser Einrichtung: dass sie die Zeugnisse all dieser Menschen aufbewahrt, deren Tod nicht erst tieftraurig war, sondern oft auch schon das Anstaltsdasein, das ihm vorausging und das in der Zeit um 1900, als man von „Irrenkunst“ sprach, vor allem in der Verwahrung bestand. So etwas wie Mal- oder Gestalttherapie gab es damals noch nicht. In jener Zeit legte der später in München lehrende Psychiater Emil Kraepelin (1856 bis 1926) in Heidelberg die Grundlage der Sammlung, indem er alle möglichen Formen von psychiatrischer Ausdruckskunst inventarisierte, für seine eigene Forschung dokumentierte und auch ausschlachtete, dies in einem noch unaufgeklärten Geist, dem psychisch Kranke, die in der Regel mit der Diagnose „Schizophrenie“ beziehungsweise „Dementia praecox“ (Vorzeitige Verblödung) versehen wurden, grundsätzlich als minderwertig, als gesellschaftlich entweder lästig oder schädlich galten.
Die ungute, auf Exklusion oder auf Ausmerzung zielende Betrachtungsweise hielt sich lange und lässt noch Schnittmengen mit der so grauenerregend Epoche machenden Wanderausstellung „Entartete Kunst“ (1937 bis 1941) erkennen. Fortschritte wurden unterdessen aber sehr wohl erzielt, über psychiatrische Assistenten: Kraepelins Nachfolger Karl Wilmanns (1873 bis 1945) erweiterte die Lehrmittelsammlung auf immerhin schon 80 „Fälle“, dessen Assistent wiederum baute sie von 1919 bis 1921 systematisch aus. Das war Hans Prinzhorn. Ihm ging es nicht um psychiatrische Pathologie, darum, Bilder danach zu beurteilen, inwieweit sie Hinweise auf die Krankheit ihres Urhebers geben, sondern um Kunsttheorie.

Dieser in vielerlei Hinsicht so einschneidende Kategorienwechsel rechtfertigt den Sammlungsnamen allemal. Prinzhorn bestand auf dem ästhetischen Eigenwert der Artefakte und warb sie ein, wo er sie nur kriegen konnte, manchmal suchte er die Heil- und Pflegeanstalten im deutschsprachigen Raum dafür sogar persönlich auf. Und er schrieb dann die „Bildnerei der Geisteskranken“ (1921), eine heute in siebter Auflage befindliche „Meistererzählung“ über die Sammlerfrüchte seiner Arbeit, die indes, wie schon dem Titel abzunehmen, in mancherlei Hinsicht überholt ist, aber den entscheidenden Perspektivwechsel eben ein für alle Mal etablierte.
Der Rest ist, wie alles, Geschichte
Der Rest ist, wie alles, Geschichte und in dem instruktiven einführenden Begleitbüchlein nachzulesen. Aus den zwei Schränken, in denen die Kunst lange Zeit Platz fand, ist ein unabschließbarer Bestand geworden, für den Etikette wie „Expressionismus“, „Art brut“ und „Outsider Art“ im Einzelnen sicherlich zu grob, aber grundsätzlich nicht falsch sind. Die Jubiläumsausstellung zeigt einige der wichtigsten Exponate her: Die verrückten, von Prinzhorn vor gut 100 Jahren ergatterten Geldscheine, die Else Blankenhorn (1878 bis 1920) in einer Schweizer Anstalt angefertigt hat, mit inflationszeittypischen Phantasiesummen wie „Quadruplonen“, „Quintuplonen“, „Seiduplonen“ und „Centuplonen“ behaftet, Geld, das angeblich Liebespaaren zugutekommen sollte.
Seltsam obsessiv und gleichzeitig streng sachlich gezeichnet die „Rockverwandlungen“ des Maschinenbauingenieurs August Natterer (1868 bis 1933), der wie eine Mischung aus technischem und Modezeichner agiert. Spektakulär das „Weltrettungsprojekt“ der zuletzt in einem Berliner Wohnheim untergebrachten Vanda Vieira-Schmidt (1949 bis 2023), die ungefähr eine Million hier teilweise gigantisch aufgetürmte DIN-A4-Blätter mit simplen Bleistiftzeichnungen versah, in der von magischem Denken getragenen Absicht, auf diese Weise die Welt vor bösen Menschen zu retten, die sie mit dem Teufel im Bunde glaubte.
Dass einige zentrale Exponate wegen Verlusts nachgestaltet werden mussten, kommt der Sammlung in gewisser Weise sogar entgegen, indem die Aufbewahrung der (künstlerischen) Idee damit erzwungen, ja, überhaupt erst ermöglicht wird. Das trifft, außer auf die Puppe, auf die am Boden liegenden, ebenfalls nachgemachten „Stoffstreifen“ der als rabiat geschilderten Landwirtswitwe und sechsfachen Mutter Marie Lieb (1844 bis 1916) zu, über deren höhrere Bedeutung man sich lange den Kopf zerbrechen kann – wenn man es nicht einfach für möglich hält, dass sich die Frau damit in der Anstalt vor allem breitmachen, Raum beanspruchen wollte.
Immer wieder wird man, neben den oft verstiegen, aber mit Witz ins Politische, ja, Weltpolitische ausgreifenden Ideen, mit direkten persönlichen Anliegen konfrontiert, die wie künstlerische Hilfeschreie wirken und in denen blitzhaft ein böser, manchmal regelrecht zersetzender Humor aufscheint. Vielem ist das Querulantentum schon an die Stirn geschrieben, auf der Hand liegende Beschwerden über den Anstaltsalltag wechseln sich ab oder mischen sich mit Verschwörungstheorien, in denen die Einsamkeit, die manchmal geradezu unrettbare Isolation der Urheber schmerzlich erkennbar wird.
Die Frage, ob von Kranken nur Krankes, von „Verrückten“ nur „Verrücktes“ kommen kann, ist alt; ihre Beantwortung kann man getrost aufschieben. Stattdessen geselle man sich zur Silberhochzeit, welche die Sammlung Prinzhorn gerade mit ihren armen Lieferanten feiert.
Alles Kunst? 25 Jahre Museum Sammlung Prinzhorn. Sammlung Prinzhorn, Heidelberg; bis zum 31. Januar 2027. Begleitend sind zwei jeweils von Ingrid von Beyme und Thomas Röske herausgegebene und unbedingt empfehlenswerte Bände erhältlich: „Alles Kunst?“, 20 Euro; „Einführung in die Sammlung Prinzhorn“, 15 Euro.
