
Es stimmt schon. Gegen die gebückte Haltung auf dem Fahrrad, das noch dazu anstrengende Beinarbeit erfordert, sieht das lässige Herumstehen auf dem E-Scooter cool aus. Vielleicht sogar „gangstermäßig“ cool, falls man nicht stürzt, weil man in einer Hand ein Handy – oder eine Pistole hält. Das könnte eine bemerkenswerte Begründung erklären, mit der die belgische Hauptstadt Brüssel von 2027 an das Verleihgeschäft mit den Elektrotretrollern verbietet. Neben den üblichen Bedenken wegen der Verletzungsgefahr für die Nutzer selbst und durch auf Gehwegen herumliegende Roller für andere heißt es außerdem, E-Scooter seien voriges Jahr bei 25 Schießereien eingesetzt worden.
Wenn in Deutschland über Elektrotretroller diskutiert wird, spielt die kriminelle Nutzung normalerweise keine Rolle. Obwohl E-Scooter schon nach einem Überfall auf einen Juwelier in Dessau und einem Einbruch in eine Offenbacher Apotheke als Fluchtfahrzeug genutzt worden sind. Aber dem bösen Zweck könnte auch jedes andere Gefährt dienen. Warum E-Scooter gerade wieder im Gespräch sind, liegt vielmehr an der von der Polizei veröffentlichten Unfallstatistik. Während sich in Hessen die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle 2025 um 2,3 Prozent erhöht hat, bedeuteten die 1500 Unfälle mit Elektrorollern einen Anstieg um 40 Prozent. Die Zahl der Verletzten erhöhte sich um 42 Prozent. Schon 2024 hatten die E-Scooter-Unfälle mit Verletzten in ganz Deutschland um 26 Prozent zugenommen.
Die Ausnahme Armin Laschet
Das fördert nicht gerade das Image der Elektrokleinstfahrzeuge, die 2019 mit einer entsprechenden Verordnung kurzfristig als neue Fahrzeugklasse des Straßenverkehrs erlaubt worden sind. Wobei die Haltung viel von der Zielgruppe abhängt. Auf Leih-Elektroroller greifen gerade jüngere Leute wie selbstverständlich zurück. Der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident und CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet ist da mit 65 Jahren eher eine Ausnahme. Er hat sich zwar im April bei einem E-Scooter-Unfall die Schulter gebrochen, findet das Gefährt aber für den kurzen Weg von seiner Wohnung zum Bundestag immer noch praktisch, wie er in einer Talkshow sagte.
Vor allem viele Ältere können sich hingegen nicht vorstellen, mit einem Elektrotretroller zu fahren, und stören sich deshalb besonders daran, wenn sie verbotenerweise durch Fußgängerzonen fahren oder im Weg liegen. In einer Umfrage im Auftrag des Sozialverbands VdK sprachen sich 57 Prozent der Befragten für strengere Regeln aus.
Die Entwicklung der Unfallzahlen hat auch mit der steigenden Verbreitung zu tun: Je mehr E-Scooter unterwegs sind, desto mehr Unfälle passieren. In Frankfurt sind sowohl Angebot als auch Nutzung besonders groß. Fast 40 Fahrten am Tag je 1000 Einwohner haben der Stadt am Main jüngst in einem Vergleich den deutschen Spitzenplatz eingebracht. Im gesamten vergangenen Jahr wurden in Frankfurt 10,5 Millionen Fahrten gebucht, mit den Höchstwerten in den Sommermonaten.
Viele Unfälle ohne andere Beteiligte
Das Fahren auf zwei kleinen Rädern hat seine Tücken. Straßenbahnschienen, Kanaldeckel, Bordsteine, Schlaglöcher: Es braucht nicht viel, um aus dem Gleichgewicht zu geraten. Eine Studie der Björn-Steiger-Stiftung, die dazu neben Unfallprotokollen der Polizei auch Erkenntnisse der Notaufnahme des Unfallkrankenhauses Berlin ausgewertet hat, kam im Oktober vergangenen Jahres zu dem Ergebnis: Fast die Hälfte aller untersuchten Unfälle mit Schwerverletzten oder Getöteten waren sogenannte Alleinunfälle, das heißt ohne andere Beteiligte. Und ausschließlich bei diesen spielte Alkohol eine Rolle.
E-Scooter-Fahrer trifft es natürlich auch unverschuldet. Im vergangenen Sommer wurden in Frankfurt zwei vietnamesische Brüder auf der Mainzer Landstraße von einem Auto erfasst und getötet. Der Autofahrer, der mutmaßlich zu schnell gefahren war und Lachgas konsumiert haben soll, muss sich demnächst vor Gericht verantworten. Dass sich manche E-Scooter-Fahrer nicht an die Verkehrsregeln halten, ist allerdings ebenfalls mehr als eine Alltagsbeobachtung. Beim Missachten einer roten Ampel oder eines unbeschrankten Bahnübergangs kann das schwerwiegende Folgen haben, wie entsprechende Unfallmeldungen zeigen.
Diese wären für die Betreffenden auf dem Fahrrad zwar kaum weniger schlimm ausgefallen. Doch das an den Tretroller der Kindheit erinnernde Gefährt hat etwas Spielerisches, das womöglich dazu verleitet, Verkehrsregeln nicht ganz so ernst zu nehmen. Noch dazu dürfen E-Scooter von 14 Jahren an ohne Führerschein gefahren werden. Dabei handelt es sich um ein motorbetriebenes Fahrzeug, das mit den zulässigen 20 Kilometern in der Stunde eine beachtliche Geschwindigkeit erreicht. Dass es trotzdem manchmal von Jüngeren genutzt wird und das verbotene Fahren zu zweit eine Art Volkssport geworden ist, erhöht das Risiko.
Bei vielen Verletzungen hilft kein Helm
Um dieses Risiko bewusst zu machen und E-Scooter ernst zu nehmen, könnte das Anheben des Mindestalters auf 15 Jahre und ein Befähigungsnachweis ähnlich wie für Mofas helfen, wie es der Verkehrssicherheitsrat empfiehlt. Die Björn-Steiger-Stiftung fordert als Erkenntnis aus ihrer Unfallstudie zudem einen größeren Raddurchmesser von mindestens zehn statt bisher acht Zoll.
Mit einem Helm lassen sich sehr schwerwiegende Kopfverletzungen vermeiden. Sie kommen allerdings nicht so häufig vor, dass Fachleute eine Helmpflicht fordern. Denn bei einem Sturz erleiden die Fahrer eher Verletzungen „unterhalb der Hutkrempe“, wie es Philipp Faul, Chefarzt an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik, bei der Vorstellung der Frankfurter Unfallstatistik ausdrückte. Dazu zählen Kiefer- und Jochbeinbrüche sowie Zahnschäden. Auch dieses Wissen könnte übrigens Teil der Aufklärungsarbeit sein.
Zur Unfallgefahr beim Fahren kommt bei E-Scootern der Ärger über das Parken hinzu, weil sie oft auf Gehwegen oder nicht dafür vorgesehenen Flächen abgestellt werden. Die Beschwerden waren ein Grund dafür, warum die Elektrotretroller nach einer Bürgerbefragung schon 2023 aus Paris verbannt wurden. 2024 folgte Madrid, und auch in Prag sind Leihscooter seit Anfang des Jahres verboten.
Ausgewiesene Parkplätze und die Grenzen der GPS-Ortung
Kurz bevor die E-Scooter in die Städte kamen, waren diese zuvor schon von Massen an Billigleihrädern geflutet worden. Ähnlich anarchisch ging es zunächst auch mit den Tretrollern zu. Die E-Scooter-Hochburg Frankfurt zeigt, dass es Regulierungsmöglichkeiten gibt. In der Innenstadt dürfen sie nur auf eigens markierten Flächen abgestellt werden, außerhalb davon gilt generell ein Parkverbot. Überwacht von der Nahverkehrsgesellschaft Traffiq gibt es auch ein Beschwerdemanagement. Von Juli an sollen nur noch drei Anbieter nach einem Auswahlverfahren zugelassen werden, bei dem die Einhaltung der Regeln und die Reaktion auf Beschwerden zu den Kriterien gehören. Auch wird die Zahl der Leihfahrzeuge beschränkt, von 3000 auf 2400 in der Innenstadt. Insgesamt dürfen in Frankfurt künftig 10.500 E-Scooter angeboten werden.
Die Elektrotretrollerwelt ist damit noch lange nicht perfekt. Die Überwachung der Standorte per Satellitenortung GPS stößt in den Hochhausschluchten am Main an Grenzen – weshalb eine klassische „Straßenpatrouille“ im Auftrag aller Anbieter die Standorte abfährt und die E-Scooter ordentlich hinstellt. In Frankfurt hat die Zahl der Beschwerden zumindest abgenommen.
Mit einer Novelle der Straßenverkehrsordnung werden E-Scooter zum 1. Januar den Fahrrädern gleichgestellt und verlieren manche Sonderrolle. Das gefällt nicht jedem, denn von nächstem Jahr an dürfen sie wie Fahrräder mit Schrittgeschwindigkeit durch Fußgängerzonen fahren und auf Gehwegen, wenn diese für Fahrräder freigegeben sind. Es sei denn, die Städte hängen neue Zusatzschilder auf.
Für die Betreiber gravierend werden vermutlich die Auswirkungen eines Gesetzes sein, dessen Entwurf der Bundestag vor wenigen Tagen beschlossen hat. Er sieht die Halterhaftung vor: Die Verleiher müssten für Schäden aufkommen, wenn zum Beispiel jemand über einen herumliegenden Elektroroller stolpert. Sie sehen sich deshalb ungerecht behandelt, weil auch jemand den Roller umgestoßen haben könnte, der gar nicht damit gefahren ist. Den Markt dürfte ein solches Gesetz jedenfalls nachhaltig verändern, sollte es in dieser Form beschlossen werden.
In Städten wie Frankfurt haben sich E-Scooter einen festen Platz als Verkehrsmittel erobert. Damit sie sicherer und von anderen akzeptiert werden, müssen die Nutzer lernen, dass es sich nicht um Spaßmobile handelt. Dazu müssen sie alt genug sein und die Folgen von Fehlverhalten und der Missachtung der Verkehrsregeln begreifen, einschließlich der Promillegrenze. Verstärkte Kontrollen, wie die Polizei sie angekündigt hat, können dazu beitragen. Die Kommunen wiederum müssen klare Regeln und Angebote für den Umgang mit stehenden Rollern machen und durchsetzen. Wie für andere Fahrzeuge auch.
