Ein Rest ist noch übrig vom alten Rebellentum des Ousmane Dembélé, der schon immer seinen eigenen Kopf hatte und der einst im persönlichen Spielerbewertungssystem des Thomas Tuchel der Kategorie C zugeordnet wurde: „neugierig-motiviert“. In anderen Profis sah der Trainer des BVB den Typus „aggressiv-motiviert“ (Kategorie A), oder er rubrizierte sie als „bindungsorientiert“ (Kategorie B).
Dembélé gehörte in der gemeinsamen Zeit in Dortmund zwischen 2016 und 2017 zu jener Gruppe von Spielern, die für Tuchel schwer berechenbar sind – launisch, an manchen Tagen waren Dembélé Weltklassemomente zuzutrauen, manchmal aber auch Wahnsinnstaten, Fehler, Chaos. Tuchel ist ein Trainer, der solche Spieler mag.
Und so könnte dem deutschen Coach des englischen WM-Teams der Spaß gefallen haben, den sich der im Vergleich zu seiner Dortmunder Zeit sehr gereifte Dembélé nach dem 4:1-Sieg zum Abschluss der Gruppenphase erlaubte. Gerade hatte Dembélé erstmals in seiner Nationalmannschaftskarriere drei Tore in einem Länderspiel geschossen, er war der „Player of the Match“ gewesen und wurde anschließend auf einem Podest den Fragen der Berichterstatter ausgesetzt.
Plötzlich war er der alte Umstürzler, der unabhängig von den in ganz andere Richtungen gestellten Fragen fünfmal nacheinander mehr oder weniger die gleiche Antwort gab: „Das Wichtigste kommt erst noch. Wir müssen konzentriert bleiben und dürfen nicht abheben.“ Oder: „Wir müssen konzentriert bleiben, denn es stehen wichtige Aufgaben an.“ Und: „Wie gesagt, das Wichtigste ist, konzentriert zu bleiben und an das Team zu denken.“ Und so weiter. Die Zuhörer waren mächtig irritiert.
Im Januar wurde er zum FIFA-Weltfußballer gekürt
Man kann sich gut vorstellen, wie sich der zwanzigjährige „Ous“ aus der Zeit mit Tuchel in Dortmund nach so einem Auftritt mit seinen Kumpels kaputtlacht. Aber der 29 Jahre alte, im Januar zum weltbesten Spieler gekürte Dembélé von heute? Das Schelmische hat er sich offenkundig bewahrt. Auch auf dem Platz, wo er bei dieser WM endlich vom Weltklasse-Vereinsspieler zu einem führenden Kopf beim wahrscheinlich besten Nationalteam der Welt werden will. An diesem Dienstag (23.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und bei MagentaTV) steht das Sechzehntelfinale gegen Schweden an.
In der Gruppenphase hat Dembélé in drei Partien vier Tore geschossen, nachdem zuvor in 57 Länderspielen eher magere sieben Treffer in seiner Statistik standen. Das war lange ein krasser Gegensatz zu seiner Ausbeute bei seinem Klub Paris Saint-Germain, wo er in der vergangenen Saison 20 Tore geschossen und elf vorbereitet hat. Im Jahr davor sind ihm auf dem Weg zu Meisterschaft und Champions-League-Titel sogar 35 Treffer und 16 Assists gelungen.
Als er im Januar nach dem besten Jahr seiner Karriere die Auszeichnung als Weltfußballer erhielt, erzählte er nicht von seinem Lebensweg, sondern von seiner „Nervosität“, weil Ronaldinho, ein Idol seiner Jugend, ihm den Pokal überreichte. „Einer der Größten aller Zeiten“, sagt Dembélé gerührt. Dabei ist ein Blick auf die Karriere des Franzosen hochinteressant. Dembélé hat einen langen Weg hinter sich; vom wahnsinnigen Genie, das beim BVB großen Anteil am Pokalsieg 2017 hatte, bis zu dem Spieler, der nun mit Frankreich zum zweiten Mal Weltmeister werden möchte. Wobei er beim Titelgewinn 2018 kaum zum Einsatz kam.
Seine Fehltritte waren zahlreich
Im Internet kursieren Listen der Fehltritte: verpasste Trainingseinheiten, schlechte Ernährung, Partys mitten in Wettkampfwochen. Außerdem Streiks, mit deren Hilfe Vereinswechsel erzwungen werden sollten. Noch im Herbst 2024 wurde Dembélé in Paris von Trainer Luis Enrique wegen mangelnder Disziplin aus dem Kader gestrichen. Aber auf dem Platz ist er bei PSG zuverlässig einer der Besten und mittlerweile auch skandalfrei. Bis zu dieser Version von sich hat er allerdings einen weiten Weg zurückgelegt.
Sechs Jahre beim FC Barcelona, von wo mehr als die Hälfte der 222 Millionen Euro, die PSG für Neymar bezahlte, nach Dortmund flossen, um Dembélé zu verpflichten. Verletzungen, Krisen im Klub und Konflikte hemmten seine Entwicklung, in Barcelona stand er nur in einem Drittel der Spiele in der Startelf. Und in Paris läuft es eigentlich erst richtig gut, seit Kylian Mbappé weg ist. Der Abschied der Überfigur sei „eine Befreiung“ für Dembélé gewesen, sagen Beobachter.
Dahinter steckt kein Konflikt zwischen den Superstars, im Gegenteil. Sie sind so gut befreundet, dass Dembélé Mbappé vor dieser Weltmeisterschaft mehrfach erklärt haben soll, dass dieser sich intensiver an der Verteidigungsarbeit beteiligen müsse – mal im Scherz, mal ernst. Das berichtete jedenfalls „L’Équipe“. Aber auf dem Platz fällt es den Freunden nicht so leicht, sich so zu ergänzen, dass beide dauerhaft brillieren.
„Er ist immer dort, wo er sein muss“
Daher war der im Klub entfesselte Dembélé bis zu dieser WM immer irgendwie auf der Suche nach einer passenden Rolle im Nationalteam. Während des ersten noch eher schwergängigen Spiels gegen Senegal schob Trainer Didier Deschamps den beidfüßigen Techniker von der Zehnerposition auf den rechten Flügel, wo er seither spielt und trifft.
Wie sich Mbappé, Michael Olise, Dembélé und wahlweise Bradley Barcola oder Désiré Doué auf die vier verfügbaren Stürmerpositionen verteilen, ist eine komplexe Dauerfrage bei den Franzosen, auch während der Spiele.
Als Deschamps anlässlich der Nominierung des WM-Kaders gefragt wurde, wo er Dembélé am ehesten sehe, erwiderte der Trainer: „Er wird als Torwart spielen.“ Ein Ausweichmanöver. Womöglich gelang Dembélé aber gegen Norwegen tatsächlich eine Art Durchbruch. Vielleicht arrangiert er sich nach seinem Hattrick mit der Position auf dem Flügel und überlässt Mbappé sowie Olise das Zentrum mit der Option zum Positionstausch selbstverständlich. Denn die Freiheit zur Improvisation braucht er. „Wir sehen, dass er wirklich überallhin gehen kann und eigentlich immer dort ist, wo er sein muss“, hat sein Klubtrainer Enrique einmal über Dembélé gesagt.
Enrique ist der erste Trainer, der es geschafft hat, dauerhaft den bestmöglichen Dembélé auf den Platz zu bekommen, was nun auch das Ziel bei dieser WM ist. Und so sagte Guy Stéphan, der Trainer, der den aufgrund der Beerdigung seiner Mutter im dritten Gruppenspiel abwesenden Deschamps vertrat, über Dembélés rebellisches Interview: „Ousmane ist ein Mensch, und wie jeder Mensch spürt er Kritik, wenn sie an ihn herangetragen wird. Er hat den Ballon d’Or gewonnen, er hatte mit Verletzungen zu kämpfen, aber jedes Mal ist er zurückgekommen, hat hart gearbeitet und sich weiterentwickelt.“
Jetzt auch im Nationalteam, dessen Offensive für Gegner noch ein Stück furchteinflößender erscheinen muss, wenn Dembélé anfängt, auch hier konstant Tore zu schießen.
