Was ist das Spiel des Tages?
Frankreich gegen Schweden (23 Uhr, MagentaTV). Nun, da Deutschland nicht mehr gegen sie spielen muss, können wir den Franzosen ohne Furcht und mit reiner Bewunderung bei ihrer Kunst zusehen. Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé, Michael Olise: Allein der Sturm ist eine fantastische Unverschämtheit, die fußballerische Variante des uralten Matthäus-Effekts (nein, nicht Lothar, sondern der aus der Bibel): Wer hat, dem wird gegeben. Sollte Frankreich wie erwartet gegen Schweden auftrumpfen, schauen wir gern zu und können uns darin bestätigt sehen, dass wir gegen die dann eh rausgeflogen wären. Sollte aber Schweden die Sensation schaffen, freuen wir uns, dass wir eine Sensation erleben. Eine Win-win-Situation in einem K.-o.-Spiel. Hat es so was schon mal gegeben?
Wer wird heute wichtig?
Erling
Haaland und Yan Diomande. Hier liegt die therapeutische Wirkung für
deutsche Fans darin, dass das Spiel Elfenbeinküste gegen Norwegen (19 Uhr, ARD) etwas
verspricht, was es beim deutschen Ausscheiden gegen Paraguay gar nicht
zu sehen gab: spektakuläre Angreifer auf der Höhe ihrer Kunst. Haaland
hat mit gerade mal 25 Jahren schon 59 Tore in 52 Spielen für Norwegen geschossen, der Mann ist so einzigartig, dass sich mittlerweile sogar Hollywoodstars als Haaland verkleiden. Schauspieler Channing Tatum kam mit Perückenzopf und norwegischem Trikot ins Stadion.
Ganz diesen Status hat der sechs Jahre jüngere Yan Diomande noch nicht erreicht, aber er ist auf Haalands Spuren: So wie der Norweger bei Red Bull Salzburg den Sprung auf die große Bühne schaffte, gelang das jetzt Diomande beim Bruderverein RB Leipzig. Beängstigend gut ist er eh, fragen Sie mal Joshua Kimmich.
Kennen Sie den schon?
Yassine Bounou,
genannt Bono. Marokkos Torwart gewann seiner Mannschaft gegen die
Niederlande das Elfmeterschießen – mit einer neuen Taktik. Statt sich standesgemäß in eine Ecke zu werfen, tänzelte er mit kleinen Schritten aufrecht zur Seite und fischte den Schuss von Hollands Crysencio Summerville mit seinen schnellen Reflexen aus der Luft. Es ist nicht das erste Mal, dass Bono diese Taktik einsetzte. Er hielt so schon einen Elfmeter im Halbfinale des Afrika-Cups gegen Nigeria. Manche spekulieren schon, ob die Tänzeltechnik das Elfmeterschießen verändern wird; schließlich deckt ein stehender Torwart mehr Raum ab und kann auch hoch platzierte Bälle leichter erwischen. Falls nicht, ist sie immerhin stilprägend. Bono sah nämlich aus wie ein Playstation-Torwart.
Was machen die Deutschen?
Laut
der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross gibt es fünf Phasen der Trauer:
Leugnung, Wut, Verhandlung, Verzweiflung und Akzeptanz. Wenn das stimmt,
steckt Fußballdeutschland eindeutig in Phase zwei. »Dazu darf es
niemals kommen«, sagte Weltmeister und Fernsehexperte Christoph Kramer, »es schreit
nach Konsequenzen« sein Kollege Mats Hummels. Ich könnte Ihnen noch das
gesamte Postfach fluten mit Zitaten dieser Art. Mittendrin und trotzdem
merkwürdig daneben steht der Bundestrainer Julian Nagelsmann. Über ihn
schreibt mein Kollege Daniel Gerhardt, sein Verhalten nach der Niederlage gegen Paraguay sei »halb schnippisch, halb besserwisserisch« gewesen und frei von Selbstkritik. Die Bild-Zeitung schrieb schon am Morgen danach: »Jetzt muss Jürgen Klopp kommen.« Wir sind gespannt, was nun in Phase drei folgt, der Verhandlung.
