Als Julian Nagelsmann am Montagabend im Pressekonferenzraum des Stadions von Foxborough sagte, dass er als Bundestrainer weitermachen wolle, wenn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das auch wolle, saß praktischerweise der Deutsche Fußball-Bund in Person seines Geschäftsführers Sport Andreas Rettig mit im Saal.
Man musste sich in diesen Momenten fragen, wo Völler und Rettig eigentlich 2018 und 2022 waren. Nach den vergangenen beiden Turnieren hatte der Verband bekanntlich ziemlich schlechte Erfahrungen damit gemacht, an einem Bundestrainer festzuhalten, der ein Turnier in den Sand gesetzt hatte.
So dass man schon allein deshalb die Frage stellen muss, warum es bei Nagelsmann, der einen Vertrag bis einschließlich der EM 2028 hat, eine bessere Idee sein sollte. Und wenn man sich beim DFB mit etwas Abstand in die Augen schaut, müsste man bei nüchterner Betrachtung auch feststellen, dass es beim besten Willen keine ist.
Noch lange kein Top-Team von Format
Nagelsmann ist so wenig allein verantwortlich für das dritte frühzeitige Aus nacheinander, wie seine Vorgänger Joachim Löw und Hansi Flick das waren. Er hat, wie vor ihm Flick, feststellen müssen, dass die einstige Fußballnation Deutschland den Anschluss verloren hat, und dass ein paar überdurchschnittliche Techniker noch lange kein Top-Team von Format machen.
Wo andere über echte Weltklasse verfügen, müssen sich die Deutschen mit Komplementärklasse begnügen: Spielern, die punktuell Weltklasseleistungen zeigen können, aber auch nur dann, wenn sie das Umfeld dafür haben. Die Frage, wer trägt und wer getragen werden muss, fällt ziemlich ungünstig aus.
Umso mehr wäre der Bundestrainer als derjenige gefragt gewesen, der trägt. Doch gerade in dieser Hinsicht ist Nagelsmann bei dieser WM gescheitert. Er hat sein Team und sich in seinen Möglichkeiten maßlos überschätzt. Nichts illustriert das besser als das Credo, sich mit verschiedenen Konstellationen auf unterschiedliche Gegner einstellen zu können. In Wahrheit gab es gegen Gegner, die nicht Curaçao hießen, nicht eine einzige Konstellation, die funktionierte.
Das hatte auch mit unglücklichen Umständen zu tun, den Verletzungen, die das Team schwer trafen. Was die Mannschaft aber gerade deshalb gebraucht hätte, wäre einer, der mit kühlem Kopf pragmatische Entscheidungen trifft. Was sie hatte, war jemand, bei dem sie selbst nicht wusste, woran sie war – mit zunehmender Tendenz.
Nagelsmann ist ein Trainer, der im Kopf schneller ist als die meisten anderen, er ist zugleich einer, der sein Herz nicht nur auf der Zunge trägt, sondern es zum Grundprinzip seiner Arbeit gemacht hat. Emotionale Führung ist gewissermaßen sein Trainer-USP und zugleich der Grund, warum sich die DFB-Führung, allen voran Präsident Bernd Neuendorf, regelrecht in ihn verschossen hat.
Was bei der Heim-EM noch wirkte, hat bei dieser WM allerdings erheblich zum Scheitern beigetragen. Man könnte auch sagen: Dieses Kapital ist aufgebraucht. Vielleicht, weil Nagelsmann einen Vertrauensvorschuss gab, den das Team nicht nutzte. Vielleicht, weil die Mannschaft sich nicht immer sicher sein konnte, ob die Loyalität ihres Trainers wirklich ihr oder doch ihm selbst gehört.
Einen sentimentalen Blick jedenfalls darf sich der DFB nicht leisten. Auch wenn es auf der einen wie der anderen Seite wehtun mag: Diese Beziehung ist nicht mehr zu retten.
