Nach dem frühen WM-Aus der deutschen Fußballnationalmannschaft hat eine breite Debatte über Ursachen, Verantwortung und Konsequenzen begonnen. Die Niederlage gegen Paraguay im Sechzehntelfinale löste bei Spielern, Experten und ehemaligen Nationalspielern deutliche Reaktionen aus.
DFB-Kapitän Joshua Kimmich hat nach dem WM-Aus der deutschen Mannschaft die Verantwortung klar bei den Spielern verortet. »Ich kenne Deutschland als Kind vor dem Fernseher, da war immer Halbfinale, Finale. Natürlich will man das auch den Kindern und den Menschen und der jetzigen Generation geben. Fakt ist, dass wir das all den Menschen zu Hause nicht geben konnten«, sagte Kimmich bei MagentaTV.
»Das ist sehr, sehr schade, gerade in einer Zeit, wo es uns extrem gut tut und wir in Deutschland etwas haben, worauf wir stolz sein können. Die Nationalmannschaft ist es momentan leider nicht und dafür tragen wir alle Verantwortung. Dafür müssen wir auch Verantwortung übernehmen, da darf sich jetzt auch keiner rausnehmen, sondern dafür müssen wir gerade stehen, weil wir Spieler, die auf dem Platz standen, haben das verbockt. Das war nicht der Trainer, nicht die Medien, nicht der Schiedsrichter, auch nicht der Gegner, sondern das waren einzig und allein wir«, sagte Kimmich.
Auch Kai Havertz äußerte sich selbstkritisch. »Mir fehlen noch ein bisschen die Worte, das ist jetzt meine zweite WM, das zweite Mal reingeschissen, ich kann mich nur entschuldigen, jeder ist enttäuscht kein schönes Gefühl«, sagte der Offensivspieler bei MagentaTV. »Paraguay hat tief verteidigt, da war es schwer Chancen zu kreieren. Aber eigentlich hat nicht viel gepasst. Wenn man, bei allem Respekt, gegen Paraguay ausscheidet, dann hat man es auch nicht verdient. Irgendwas hat uns immer gefehlt, wir Spieler müssen uns an die eigene Nase fassen«, sagte Havertz.
Nagelsmann will Bundestrainer bleiben – Völler weicht aus
Bundestrainer Julian Nagelsmann sagte nach dem Spiel: »Die Enttäuschung ist extrem groß, weil ich finde, dass wir echt eine sehr homogene Mannschaft haben. Es hat sich nicht abgezeichnet, dass wir heute ausscheiden. Es wäre mehr möglich gewesen. Wir hätten uns schon gerne mit Frankreich duelliert.«
Zu seiner Zukunft äußerte sich Nagelsmann auch. Der 38-Jährige teilte noch im Stadion von Foxborough seine Bereitschaft, im Amt zu bleiben, mit. »Ich möchte es weitermachen. Ich stehe bereit, wenn man das möchte. Und wenn man das nicht möchte, muss man das sagen«, sagte Nagelsmann bei MagentaTV. Sein Vertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund läuft noch bis nach der EM 2028. »Ich stehe zur Verfügung. Ich bin keiner, der wegläuft. Das ist ausgeschlossen«, sagte Nagelsmann im ZDF.
DFB-Sportdirektor Rudi Völler sagte: »Wir sind alle enttäuscht, wir hatten
uns mehr ausgerechnet, es war auch mehr drin. Wir waren optimistisch,
hatten einen tollen Teamgeist. Die Mannschaft hat gefightet bis zum
Umfallen.« Der 66-Jährige ergänzte: »Mir fehlen ein bisschen die Worte jetzt. Wenn man die
letzten drei Weltmeisterschaften nimmt, das ist für ein Fußball-Land
wie Deutschland schwer zu ertragen.«
Zu einer Zukunft von Nagelsmann sagte er: »Ich bin immer noch davon überzeugt,
dass er wahrscheinlich der Richtige ist, aber ich bin nicht der DFB
alleine und habe das nicht alleine zu entscheiden. Aber ich finde, er
ist die richtige Person am richtigen Ort und ein absoluter Toptrainer.«
»Wir haben nicht funktioniert«
Jürgen Klopp und andere TV-Experten reagierten unterdessen mit Entsetzen auf das WM-Aus. »Es gibt 500.000 Wege, ein Fußballspiel zu gewinnen. Du musst nur einen finden«, sagte Klopp bei MagentaTV. »Es gab nur ein Ziel, einen Traum, der ist geplatzt. Es war dramatisch. Wir haben nicht funktioniert.«
Die DFB-Elf habe »zu wenig kreiert«, sagte Klopp. »Du musst über die Flügel kommen. Es gibt keine Alternative. Wir wissen alle, wie gut die Jungs spielen können, aber das haben sie nicht auf den Platz bekommen.« Auch der Kopf habe sicherlich dabei eine Rolle gespielt. »Paraguay hatte die Möglichkeit, etwas zu erreichen«, sagte Klopp. »Deutschland hatte den Druck, etwas zu erreichen.« Es habe zu wenig Tempoverschärfungen und Konsequenz gegeben. »Jeder im Stadion hat gedacht: Jetzt drehen sie es! Haben wir aber nicht. Wir haben sie vom Haken gelassen.«
»Du darfst gegen Paraguay nicht in die Verlängerung kommen«
Der TV-Experte und frühere Nationalspieler Christoph Kramer kritisierte vor allem Bundestrainer Nagelsmann. »Du darfst gegen Paraguay nicht in die Verlängerung kommen. Wir werden am Samstag sehen, wie gut oder schlecht Paraguay ist. Wir haben entschieden, dass sie so spielen können und wir uns am Ende über eine Schiedsrichterdiskussion beklagen. Dazu darf es niemals kommen«, sagte der Weltmeister von 2014 im ZDF.
Ähnlich sieht es auch Per Mertesacker. »Vor zwei Jahren wurde geflachst, wir müssen nur zwei Jahre warten, bis wir Weltmeister werden. Die Aussage können wir total vergessen. Wir müssen uns einiges wieder hart arbeiten«, sagte der frühere Abwehrspieler.
Der frühere Nationalspieler sagte zudem: »Für die, die es noch nicht kapiert haben: Wir haben gegen die schwächste Mannschaft aus der Vorrunde gespielt und haben es nicht geschafft, mehr als zwei Chancen in 120 Minuten zu bekommen.« Paraguay hatte in der Vorrunde mit 1:4 gegen die USA verloren, mit 1:0 gegen die Türkei gewonnen und 0:0 gegen Australien gespielt.
