
Anfang Juni hieß es aus der deutschen Regierung, „langsam öffnet sich ein Fenster für Gespräche der europäischen Seite mit Russland“. Dessen Herrscher hat nun aber mit drei Auftritten an einem Tag, die er entgegen seiner Gewohnheit am Sonntag absolvierte, klargemacht, dass er das anders sieht. Im Resümee bleiben Wladimir Putins Maximalkriegsziele für die Ukraine unverändert; sollen der Import, Ausfuhrverbote und die Flugabwehr den Treibstoffmangel beheben, den ukrainische Drohnenschläge gegen russische Raffinerien verursachen; will man weiter allein mit Washington sprechen.
Aber noch mehr zeigt der Rahmen der Auftritte die Verfasstheit des Herrschers: Putin ließ sich von Gefolgsleuten bejubeln, versprach Stabilität und spulte vorgebliche Kriegserfolge herunter. Als wäre alles wie immer.
Für den Jubel war die Machtpartei Einiges Russland zuständig, im ersten Punkt des Auftrittsreigens. Sie versammelte sich für die Anfang September bevorstehenden Scheinwahlen zum Unterhaus. Davon, diese wegen der Angriffe zu verschieben, worüber jüngst spekuliert worden ist, war keine Rede. Es wäre auch ein Eingeständnis des Scheiterns. Russland erlebe „groben, man kann es ohne Übertreibung sagen, beispiellosen Druck vonseiten der westlichen Eliten“, sagte Putin in seiner Rede, die, wie stets bei solchen Gelegenheiten, mehrfach von Applaus unterbrochen wurde.
Putin schimpft auf „terroristische Angriffe“ der Ukrainer
Sein Adlatus Dmitrij Medwedjew, der die Machtpartei führt, sagte, für Einiges Russland träten nun 480 Kriegsteilnehmer an, das sei mehr als ein Drittel aller Kandidaten. Putin bezeichnete die Veteranen zum wiederholten Male als „Russlands echte Elite“ und sagte, es sei die Aufgabe von Einiges Russland, „alles für den Sieg zu tun“. Er meinte den Krieg, nicht die Scheinwahl, für die sein Machtapparat über viele Hebel verfügt, um das Wunschergebnis herzustellen.
Putin schimpfte auch auf die „terroristischen“ Angriffe der Ukraine auf „zivile Objekte“ Russlands. Diese Klage zog sich wie ein roter Faden durch alle drei Reden. Der zweite Auftritt war ganz den Folgen dieser Angriffe gewidmet. In immer mehr Regionen mangelt es mittlerweile an Treibstoff, insbesondere an verschiedenen Benzinsorten. Sogar im privilegierten Moskau bilden sich Warteschlangen an Tankstellen. Putin versammelte Minister und Leiter der großen Energieunternehmen zu einer Sitzung, um darüber zu sprechen, „Treibstoff für den Binnenmarkt zu gewährleisten“, so der das Wort „Krise“ umgehende Titel. Der Kreml veröffentlichte nur Putins Eingangsworte.
Die Kapazitäten der größten Raffinerien würden maximal ausgelastet, auch mittelgroße und kleine Betriebe einbezogen und geplante Reparaturen verschoben, sagte Putin. Er verwies auf die Ausfuhrverbote für Benzin und Kerosin und ein mögliches, bisher von der Regierung abgelehntes Komplettverbot des bisher eingeschränkt möglichen Dieselexports. Man habe damit begonnen, Treibstoffreserven zu benutzen, doch habe man aktuell 1,7 Millionen Tonnen und nur „vier Prozent“ weniger Benzin in den Speichern als vor einem Jahr, triumphierte Putin. Wohl, weil die Auto- und Lastwagenfahrer davon nichts haben, gab Putin zu, dass es „leider“ Schlangen an den Tankstellen gebe.
Auf der Krim wurde der Ausnahmezustand verhängt
Offenkundig, um die Gemüter zusätzlich zu beruhigen, begann Putin ein Gespräch mit seinem Staatsfernsehleibreporter Pawel Sarubin, den dritten Sonntagsauftritt, mit weiteren Ideen dazu, die Treibstoffzufuhr zu garantieren. Auf die Frage nach der Versorgung allgemein und insbesondere auf der Krim (wo die Besatzer gerade den Ausnahmezustand verhängt haben), sagte Putin, es gebe ein „bestimmtes Defizit, aber kritisch ist es nicht“. Man müsse die Flugabwehr verbessern und für „den nötigen Umfang an Import“ von Treibstoff sorgen. Putin kündigte an, die Krim „zu Land und zur See“ zu beliefern. Wie das geschehen soll, ist offen: Die Ukrainer greifen die Versorgungsrouten auf die Halbinsel erfolgreich mit Drohnen an, Lastwagen und Fähren gehen in Flammen auf.
Schnell kam Putin dann zu seinem Hauptthema. Kiew gehe es nur darum, sich eine bessere Position für Verhandlungen zu schaffen. Kiew gehe es um eine „Informationsoperation“ gegen Russland, sagte Putin; am Donnerstag hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj dem unter anderem mit Drohnenschlägen befassten Geheimdienst SBU eine „vierzigtägige Einflussoperation“ gegen Russland befohlen, die „den Krieg beenden“ solle. „Wir geben ihnen diese Chance nicht“, sagte Putin nun, „alle diese terroristischen Ausfälle beeinflussen die Lage an der Front überhaupt nicht.“
Putin referierte neue Vorschläge, die er von den Ukrainern erhalten habe, um sie sofort zurückzuweisen. Etwa die Idee, gegenseitig auf Schläge tief ins Hinterland des Gegners zu verzichten. Seine Ablehnung erklärte Putin damit, dass Russlands Angriffe „viel stärker, empfindlicher und, sagen wir es direkt, zerstörerischer“ seien als die ukrainischen. Auch einen Vorschlag, die Kämpfe auf die (2022 von Moskau annektierten) Gebiete von Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja zu beschränken und überall sonst das Feuer einzustellen, lehnte Putin ab, weil sich „das Kiewer Regime“ so bloß „retten“ wolle. Dann bekräftigte Putin sein altes Kriegsziel, neben dem Donbass auch „Noworossija“ zu erobern, ein „Neurussland“ in der Südukraine.
Vorgebliche Erfolge vom Teleprompter
Aber den Hauptteil des Auftritts brachte er damit zu, mit dem Blick an Sarubin vorbei offenkundig von einem Teleprompter abzulesen, wie gut für Russland die Lage an der Front sei. Putin zählte Kilometerentfernungen, Zahlen noch zu „befreiender“ Häuser, einmal sogar den Namen einer Straße auf, zu der man sich vorgekämpft habe. Beobachter des Kriegsgeschehens wiesen alsbald auf Telegram eine Angabe nach der anderen zurück, hoben unter anderem hervor, dass Putin nun faktisch zugab, dass seine Truppen die nordostukrainische Stadt Kupjansk, deren Einnahme er Ende vorigen Jahres gleich zweimal behauptet hatte, doch nicht erobert haben.
Außerdem wirkte Putin zum wiederholten Male erbaut von seinen eigenen Worten über angeblich nahezu „umzingelte“ ukrainische Truppen. Auch diese Angaben wurden bestritten. Offen bleibt stets, ob Putin selbst glaubt, was er sagt, oder ob ihm seine Leute falsche Erfolge melden. Sollten westliche Politiker doch von Friedensverhandlungen reden, sagte Putin, Russlands Truppen würden „ihre Arbeit machen, alles machen“, um die Kriegsziele zu erreichen.
Im Schlussteil des Gesprächs, den kurioserweise nicht der Kreml, wohl aber dessen Staatsfernsehmann veröffentlichte, hob Putin hervor, dass man beim Treffen mit Trump in Anchorage in Alaska im August 2025 nichts förmlich vereinbart habe. Dabei haben Putins Leute oft von einem „Geist von Anchorage“, gar einer „Anchorage-Formel“ gesprochen, wenn es darum ging, ukrainische Zugeständnisse zu fordern, vor allem, den Invasoren den Donbass zu überlassen. Jetzt wirkt die Lage anders, US-Präsident Donald Trump soll sogar Selenskyj aufgefordert haben, „kühner“ gegen Russland vorzugehen. Eine Alternative zu Trump sieht Putin aber nicht. Man erwarte dessen Emissäre, wenn „die heiße Phase auf der iranischen Spur“ beendet sei, sagte er.
