Als Astronomen Ende des 19. Jahrhunderts beschlossen, den
Sternenhimmel systematisch zu kartieren, beteiligte sich auch der Vatikan an
diesem ambitionierten Projekt. Emilia Ponzoni, Regina Colombo, Concetta Finardi
und Luigia Panceri übernahmen die Aufgabe, eine Himmelskarte anzufertigen. Die Berufsbezeichnung der
vier Nonnen: Computer.
In den Pioniertagen der Informationstechnik (IT) war ein Computer also kein
Gerät aus Kunststoffen, Kupfer und Silizium. Das Wort beschrieb eine Person,
meist weiblich, deren Aufgabe es war, komplexe mathematische Berechnungen
manuell durchzuführen. Lange bevor Kabel die Welt vernetzten und das Internet
in alle Lebensbereiche trugen, waren
es Frauen, die die komplexesten Berechnungen der Menschheit meisterten, die
ersten Algorithmen entwarfen und somit begannen, eine Art Software zu
schreiben.
In der heutigen Zeit, in der eine Handvoll Techbros die
Debatte über wegweisende Technologien wie künstliche Intelligenz dominieren, während Frauen
lediglich 20 Prozent der IT- und Techrollen ausfüllen, sind diese Ursprünge in
Vergessenheit geraten. Denn das Feld wurde erst ab den 1960er-Jahren zunehmend
männlich dominiert – als Software zu einem massiven Macht- und Wirtschaftsfaktor wurde. Diese
Entwicklung ist kein Zufall, sie folgt einem wiederkehrenden Muster: Sobald ein
Tätigkeitsfeld gesellschaftlich oder wirtschaftlich an Einfluss gewinnt, verschieben
sich Rollenbilder und damit auch die Sichtbarkeit.
Dabei beginnt die Geschichte der Informatik mit der
Neugier, analytischen Präzision und Vorstellungskraft von Frauen. Von ihnen
kann man auch heute noch lernen, denn ihre Ansätze gingen weit über das simple Verfassen von Code hinaus.
Wegweisende Pionierarbeit
Den entscheidenden Wandel zur modernen Informatik
markierte der Zweite Weltkrieg: Mit dem ENIAC entstand der weltweit erste,
praktisch genutzte, vollelektronische digitale Computer. Während Männer die
Hardware konstruierten, wurde die Programmierung sechs jungen Mathematikerinnen
übertragen: den »ENIAC Six«. Wer sich mit digitalen Systemen befasst, erkennt
schnell, wie revolutionär diese Arbeit war. Die ersten Programmiererinnen
mussten Logik, Abläufe und Fehlerquellen definieren, ohne dass es dafür etablierte
Methoden oder Programmiersprachen gab.
Dass ausgerechnet die Kirche ein so unerwarteter
Nährboden für diese neue Disziplin blieb, bewies eine weitere Pionierin. Sister
Mary Kenneth Keller wurde eine akademische Wegbereiterin. 1965 erhielt sie an
der University of Wisconsin-Madison ihren Doktortitel in Computer Science für
eine Arbeit, in der sie sich damit befasst, wie man induktive Schlussfolgerungen
einsetzen kann, um sich wiederholende Prozesse zu automatisieren. Sie
war damit eine der ersten Personen in den USA mit diesem Abschluss.
Bereits 1843, und damit viele Jahre zuvor, veröffentlichte
Ada Lovelace den ersten Algorithmus für eine universelle Rechenmaschine. Ihr
Entwurf, mit dem die Maschine eigenständig Bernoulli-Zahlen, eine Reihe
rationaler Zahlen, bestimmen konnte, gilt heute als das erste Computerprogramm
weltweit.
Fast noch bemerkenswerter ist, dass sie bereits ein Jahrhundert vor
dem Zeitalter der Digitalisierung verstand, dass Maschinen mehr können als
rechnen. Sie erkannte, dass alles, was sich über Logik ausdrücken lässt, Bestandteil eines
digitalen Verarbeitungsprozesses sein kann, also auch Musik oder Bilder. Sie
erschuf das Prinzip der universellen Datenverarbeitung und sprach über
Kreativität, Muster und Möglichkeiten zu einem Zeitpunkt, als der Welt
das Wort »Software« noch fremd war.
Was wir heute noch von den Pionierinnen lernen können
Diese Verbindung von Kreativität und Systematik, die Ada Lovelace begründete,
hat nicht nur
die Anfänge der Informatik geprägt, sondern könnte auch ihre Zukunft bestimmen:
Denn digitale Innovation entsteht selten allein auf Basis von Code. Sie
entsteht dort, wo technisches Verständnis auf gestalterisches Denken und
gesellschaftliche Perspektiven trifft.
Die
Pionierinnen mussten Systeme entwerfen, ohne dass es Vorbilder gab, und
übersetzten komplexe, menschliche Problemstellungen in eine logische Struktur.
Diese logische Struktur war von Beginn an kein statisches Konstrukt, sondern
zutiefst visionär. So erkannte Ada Lovelace, dass eine Maschine, sofern sie mit
den richtigen logischen Anweisungen gefüttert wird, die Grenzen klar
regelbasierter Abläufe sprengt und komplexe Muster auch autonom verarbeiten
könnte. Sie erkannte auch, dass die Verbindung von Mathematik und Imagination
eine neue Form der Sprache bildet, mit der sich die Welt nicht nur berechnen,
sondern grundlegend neu gestalten lässt.
Der eigentliche Akt des Programmierens wird künftig wohl
weitgehend von künstlicher Intelligenz übernommen. Entscheidend wird sein, die
Lösungsarchitektur zu entwickeln, für die der entsprechende Code geschrieben
werden soll. Genau
dieses gestalterische Denken, das Entwerfen von ganzheitlichen
Lösungsarchitekturen, die über die bloße Syntax von Code und den Einsatz von
Toolsets hinausgehen, ist die notwendige Antwort auf die aktuelle Technokratie.
Es ist die Fähigkeit, Systeme nicht nur effizienter zu machen, sondern sie in
den Kontext einer gesellschaftlichen Perspektive zu stellen.
Wir können Zukunft gestalten, ohne die Vergangenheit zu
berücksichtigen. Aber dann liefe etwas falsch. Denn wer die Vergangenheit
kennt, versteht: Informatik war nie größtenteils männlich, ihre Anfangszeit wurde von
Frauen bestimmt. Die Geschichte beginnt mit dem Mut, komplexe Systeme zu
durchdringen und Fortschritt als Gestaltungsaufgabe zu begreifen. Genau diese
Kreativität wird notwendig sein, wenn wir Vergangenheit nicht nur nachbauen,
sondern wirklich neue Lösungen auf aktuelle Herausforderungen finden wollen.
