So viel Deutschland wie in North Carolina findet man in den Vereinigten Staaten an wenigen Orten. Da ist derzeit natürlich das WM-Quartier der Fußball-Nationalmannschaft in Winston-Salem. Aber die Bande reichen weiter. Mehr als 200 deutsche Unternehmen haben in North Carolina ihren US-Standort, viele davon in der Metropolregion um Charlotte. Continental gehört dazu, Daimler Truck und Siemens Energy.
Die deutsche Enklave an der US-Ostküste ist historisch gewachsen: Die Zeitverschiebung nach Deutschland beträgt nur sechs Stunden. Von Charlotte aus gibt es mehrere Direktflüge am Tag in die Bundesrepublik. Die Stadt hat eine deutsche Schule. Zudem hat der Bundesstaat ein Modell der beruflichen Ausbildung etabliert, das dem deutschen zumindest ähnelt. Deutsche Unternehmen bekommen also maßgeschneiderte Fachkräfte für ihren Bedarf.
Das deutsch-amerikanische Verhältnis hat schon bessere Zeiten erlebt
Doch das deutsch-amerikanische Verhältnis hat schon bessere Zeiten erlebt, was auch an North Carolina nicht vorbeigeht. Josh Stein, der demokratische Gouverneur, ist deshalb um Schadenbegrenzung bemüht. Gerade ist er durch Europa getourt, besuchte die deutsch-amerikanischen Wirtschaftstage in Mainz und die Paris Air Show. Er wird nicht müde zu betonen, dass North Carolina in den Ranglisten der Geschäftsfreundlichkeit regelmäßig ganz oben steht.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Nur hat so ein Gouverneur im föderalen System der USA wenig Möglichkeiten, den Gegenwind aus Washington abzuschwächen. Donald Trumps Zölle belasten die Handelsbeziehungen, seine Immigrationspolitik verunsichert ausländische Fachkräfte und seine Hochschulpolitik die Forscher an North Carolinas namhaften Universitäten Duke und UNC Chapel Hill.
„Wir wollen uns der Welt weiterhin offen präsentieren“, sagt Stein. Er verstehe aber, „dass es bestimmte Faktoren – makroökonomische Faktoren – gibt, die ein Staat nicht beeinflussen kann“. North Carolina könne nur „für ein Höchstmaß an Stabilität und Planbarkeit sorgen sowie qualifizierte Arbeitskräfte bereitstellen“, um attraktiv für Investoren zu sein.
Ein guter Draht nach Washington ist wichtig
Doch mehr als „appellieren“ könne der Staat in der Handelspolitik nicht. Es ist ein Motiv, das der Gouverneur öfter aufgreift. Was tun etwa, um Bewohner des Bundesstaats vor der Einwanderungspolizei ICE zu schützen? „Ich weiß nicht, ob ich denen Gewissheit geben kann“, sagt Stein: „Ich kann nicht die bundesweite Einwanderungspolitik kontrollieren.“ Umso wichtiger ist ein guter Draht nach Washington. Die Staatsregierung habe in der Vergangenheit erfolgreich auf die Einwanderungsbehörden eingewirkt, wenn eine Investition davon abhängig war, dass bestimmte Arbeitskräfte ein Visum bekommen, sagt North Carolinas Handelsminister Lee Lilley.
Wobei die Beschaffung des Visums ohnehin derzeit das geringere Problem für deutsche Fachkräfte ist. Früher habe man im Generalkonsulat in Frankfurt drei Monate auf ein Visum gewartet, berichtet Reinhard von Hennigs, der in Charlotte eine deutsch-amerikanische Anwaltskanzlei betreibt. Heute sei das in wenigen Wochen möglich. Das größere Problem ist die Bereitschaft der deutschen Mitarbeiter, in die USA zu gehen. Früher, sagt Hennigs, hätten ihm Mandanten jedes Jahr eine Liste von sechs oder sieben Führungskräften gegeben, für die er die Chancen auf ein Arbeitsvisum auslotete. Heute erreiche ihn meist gerade mal ein Name.
Die Bilder aus den USA schrecken ab. „Dass die Regierung maskierte Agenten in die Städte schickt, die dort Chaos anrichten, ist schlecht“, sagt Gouverneur Stein. Auch in Charlotte ist die Einwanderungsbehörde ICE schon durch die Straßen gezogen.
Stein kritisiert zwar die Regierung in Washington, allerdings muss er im Bundesstaat mit einer republikanischen Parlamentsmehrheit klarkommen. North Carolina ist ein Swing State, dementsprechend zurückhaltend wählt der Gouverneur seine Worte. „Ohne Frage erhöht das die Instabilität“, sagt er etwa über die Hochschulpolitik aus Washington. „Mir gefällt nicht, wie die Regierung mit Grundlagenforschung umgeht.“ Die Lebenswissenschaften in seinem Staat seien „on fire“, der Wirtschaftssektor wachse stark. Dennoch gilt am Ende auch hier wieder: „Meine Fähigkeit, zu kontrollieren, was die Bundesregierung tut, ist begrenzt.“ Zumindest bisher ist der Bundesstaat stark genug, um manche Kapriole aus Washington zu verkraften. Der Markt sei wichtig genug, dass die Unternehmen weiter investieren wollen, sagt Reinhard von Hennigs – auch wenn die neue Unsicherheit freilich „eingepreist“ werde. Und wenn es gut läuft, bleibt auch die Nationalelf noch ein paar Wochen länger in Winston-Salem.
