Während irgendwo auf dem nordamerikanischen Kontinent meines WM-Nichtwissens in der Nacht von Freitag auf Sonnabend Saudi-Arabien gegen Kap Verde spielt, sind wir auf mondbeschienenen Autobahnen nach Norddeutschland unterwegs. Meine Frau, Edberg und ich fahren nachts, weil tagsüber der Asphalt auf der A 24 aufweichte und wir den altersschwachen Edberg vor der Berliner Hitze schützen müssen.
Edberg ist ein tennisballsüchtiger Hund, der – klassisches Sportlerschicksal – wegen Arthrose tragischerweise keine Bälle mehr apportieren darf, dafür aber noch Fußball mitguckt, vor allem natürlich den FC.
Die WM verfolgen wir beide bisher, als wären wir nicht gemeint. Donnerstagabend hechelte Edberg unterm Couchtisch, während ich isotonisches Alkoholfrei-Radler in mich reinschüttete, weil ich gerade noch in der Saunaatmosphäre des Ping-Pong-Klubs „Ding Dong“ sechzehn Sätze Tischtennis gespielt hatte.
„Eine gute Idee, die nicht funktioniert“
Nebenher lief WM: Edberg und ich freuten uns über die guten Ecuadorianer. Dass Sané durchspielen durfte, war für uns kein Grund für nationale Besorgnis, eher ein mittel interessantes psychologisches Problem von Nagelsmann: Was der in dem wohl sehen mag?
Freitagnacht ist es dann aber höchste Zeit, die Stadt zu verlassen, um in Schleswig-Holstein im kühlen Keller des Elternhauses schlafen zu können – und Saudi-Arabien nicht zu gucken. Für meinen WM-Boykott gibt es jetzt immer wieder den Ratschlag: „Du bist doch Ghostcoach des Nichtschauens: Denk dir das Spiel einfach aus!“ – eine gute Idee!
Das Gute an der Idee ist, dass sie nicht funktioniert. Man kann sich ein nicht geschautes Fußballspiel ebenso wenig ausdenken, wie man sich einen nie gehabten Freund oder ein nicht gegessenes Mittagessen ausdenken kann – also generell schon, aber im Konkreten physisch unbefriedigend und psychologisch nicht unproblematisch. Sport und Fiktion, das geht eigentlich nie gut: siehe auch „Wunder von Bern“, „Forrest Gump“ oder „Mein Leben als Tennisroman“. – Kannst du dir nicht ausdenken: das superblöde Eigentor, das episch langweilige 0:0, den Traumpass zum 5:4 in der 97. Minute. Kann sich keiner ausdenken: das Wunderbare am Fußball.

Und dennoch ist es natürlich vage das, was Trainer weltweit dauernd machen: sich für das eigene Team ein Spiel ausdenken. Hier gelten die Gesetze des knallharten Realismus in Romanen des 19. Jahrhunderts: Kein Detail ist zu banal, und bloß keinen magischen Bullshit. Wie selbst der geniale Guardiola neulich zum Abschied bei Manchester City noch mal betonte: „Es gibt keine Revolutionen im Fußball, es ist ein altes Spiel, alles war schon mal da.“
So predige ich auch regelmäßig den Spielern der Autorennationalmannschaft: Wir spielen schonungslosen Know-yourself-Soccer miteinander: im Zweifel den sicheren Pass zum Nebenmann – und keine wilden Dribblings und keine Phantasiepässe ins Nirgendwo eines fiktiven Adressaten, die keine Leserin mehr erreichen.
Gefährliche Selbsterkenntnis
Aber die WM in Amerika antwortet mir auf meine Know-yourself-Hauptsatz-Philosophie mit Lou Reed, der schon auf „New York“ (1989) sang: „Self-knowledge is a dangerous thing.“ (Sinngemäß: „Selbsterkenntnis ist gefährlich.“) Besser sei: „the freedom of who you are“ („die Befreiung davon, jemand zu sein“). Nur dass „freedom of who you are“ gerade in den USA ja wohl eher nicht der Mangel, sondern das Problem ist.
Das kleine Zwiegespräch zwischen WM- und Nicht-WM-Gucker über Amerika endet hier auch schon wieder, erinnert mich dafür aber an Saudi-Arabien. Dort war die Autonama 2008 zu Gast. Damals noch überwiegend jünger als der kapverdische Torwart heute, wussten wir jedenfalls auch nicht, wer wir waren – komische Autoren-Fußballer-Touristen-Hybride.
Die deutsche Botschaft hatte uns nach Riad zur Buchmesse eingeladen. Wir landeten in einer seltsam arabisch-amerikanischen Zwischenwelt aus Islamismus und Kapitalismus, einer endlosen Wüstenmetropole mit Avenues durch Slums und Shoppingmalls, Hütten und Hochhaus-Triumphbögen. Untergebracht waren wir in einer bewachten leeren Jugendherberge mit verwaistem Swimmingpool.
Die Buchmesse bestand aus ein paar Zelten, wir hatten keine Lesung und irrten an Ständen vorbei, auf denen Bücher Bin Laden und 9/11, Adolf Hitler und Gerhard Schröder in unklarer Weise thematisierten. Der Hauptgrund für unsere Reise war aber ein Autorenländerspiel gegen ein saudi-arabisches Team junger „Journalisten“, die uns haushoch überlegen waren und mit der richtigen Nationalmannschaft verwechselt hatten. Sie wollten Revanche für das 0:8 bei der WM 2002 und erkannten die Verwechslung aber ziemlich schnell.
Als es zur Halbzeit 1:5 gegen uns stand, ließen sie es ein bisschen lockerer angehen. Da ich damals noch Reserve-Keeper nach Knie-OP war, wurde ich als Einziger nicht eingewechselt und verfolgte das Debakel zurückgelehnt von der Bank. Auf dem anschließenden Bankett hielt mich der Scheich des Gegnerteams wegen dieser erhabenen Nichtanteilnahme für den Cheftrainer und gratulierte mir zu unserer Leistung.
Der Rest von Saudi-Arabien war ein großes Abenteuer. Erstmals durften Frauen in einem Stadion ein Fußballspiel verfolgen. (Wir hatten ein paar verschleierte Buchmessen-Mitarbeiterinnen eingeladen.) Nachts verließen wir tollkühn die Jugendherberge und rauchten vor einem Kiosk arabische Zigaretten und tranken arabisches Malzbier. Passanten pöbelten uns derbe an, weil sie uns in den roten Writers-League-Trainingsjacken für Dänen hielten – es war die Zeit der Mohammed-Karikatur.
Einmal besuchte uns abends in der Jugendherberge ein einzelner junger saudischer Dichter im Kamis (eine bis zum Knöchel reichende Tunika / d. Red.) und wollte mit uns am verwaisten Pool über Nietzsche reden. An einem Donnerstag mussten wir dann nach fünf Tagen zurückfliegen, angeblich, weil freitags die öffentlichen Hinrichtungen in Riad stattfanden.
Zurück in der WM-Gegenwart will mit der Autonama keiner mehr über Nietzsche reden. Wir sind längst älter als der kapverdische Keeper, immer noch amtierender Autoren-Europameister, haben aber seit 2024 nur ein Freundschaftsspiel gegen die Schweiz gewonnen. An diesem Sonnabend hätten wir eigentlich an einem Traditionsturnier auf dem Bero antreten sollen, dem Vereinsplatz in Berlin-Mitte, auf dem wir trainieren: Alte-Herren-Kleinfeld, 40 Grad Celsius, zwölf Uhr mittags. Zwischendurch Bierchen und abends WM. Der Headcoach wurde zum heat coach: Unsere Teilnahme habe ich aus medizinischen Gründen wegen Hitze abgesagt.
Dafür sitze ich jetzt als Ghostcoach im Keller des Elternhauses und schreibe ohne Internet auf einer Tischtennisplatte. Es ist wieder zwei Uhr nachts, über dem Nord-Ostsee-Kanal toben tropische Gewitter, Edberg hat Angst. Und ich weiß immer noch nicht, wie Saudi-Arabien gegen Kap Verde gespielt hat, habe aber die dunkle Ahnung, dass ich es während dieser WM womöglich auch nicht mehr erfahren werde, weil eine endlose Vorrunde jetzt langsam mal vorbei sein müsste.
