
Brotbox und Trinkflasche sind gespült, der Ranzen ist für den nächsten Einsatz geschrubbt und getrocknet, das Mäppchen für selige sechs Wochen verräumt. Es wurde kräftig ausgeschlafen. Und nun? Beginnt das Bewusstsein dafür, dass die Sommerferien, die süßesten aller Ferien, zwar lang sind – aber eben auch kurz. Die Zeit dehnt und komprimiert sich zugleich.
Diese seltsame Doppelerscheinung, die Zeit im Sommer annimmt, wenn Menschen keine Schule haben, kommt in unzähligen Büchern vor, Astrid Lindgren hat sie besungen, in „Kalle Blomquist“ etwa, dessen Kriminalfälle zufälligerweise immer dann gelöst werden müssen, wenn Lästigkeiten wie Schule nicht stattfinden. Auch Eltern kennen sie, die deutlich weniger Urlaubstage mit den Ferien der Kinder verbinden müssen und denen die Zeit gleichermaßen lang wie kurz vorkommt. Die Kinder wiederum, deren Freunde in alle Winde verstreut sind und die selbst auch nicht ganze sechs Wochen lang verreisen, genießen die Seligkeit der Ferien und können doch dem anheimfallen, was Erwachsene kaum mehr kennen: Langeweile.
Vor allem, weil die allermeisten Ferienangebote, die Sportvereine, Museen oder andere anbieten, in den ersten drei Ferienwochen liegen. In der zweiten Ferienhälfte muss man schon intensiv suchen. Am besten leider vor den Ferien, etwa im „Ferienkarussel“ der Stadt Frankfurt oder im riesigen Angebot, das die Stadt Mainz jedes Jahr macht. Aber ach, vor den Ferien raste die Zeit ja noch so schrecklich! Da war kein Gedanke an den langen Juli, die ersten Augusttage zu verschwenden.
Wie gut, dass es doch ein paar kleine Kniffe gibt, die Länge auszukosten, ohne dass die Zeit zu lang wird. Kleine Rituale, extra für die Ferien, geben der Zeit mehr Wert. Jeden Abend ein gemeinsames Spiel, eine Serie, gemeinsam als Sommerprogramm ausgesucht, die Verabredung, die Mahlzeiten daheim so abzuhalten wie im Urlaub, auch wenn die Eltern ihre Arbeitszeit um die Freizeit der Kinder herumschlängeln. Und die Chance, auch für totale Lesemuffel, mit Hörbüchern, Comics, Mangas oder vielleicht den ersten Schritten in die erwachsene Geschichtenwelt, Bücher neu oder wiederzuentdecken.
Wie gut, dass Bibliotheken, diese Orte, an denen man Ideen, Spiele, Filme, Rezepte und massenhaft Geschichten findet, das ganze Jahr über da sind. Im Sommer machen sie allenfalls kurz Pause, viele bieten sogar selbst Ferienspiele an. Die Frankfurter Kinderbibliothek etwa ist die ganzen Sommerferien über geöffnet. Weil Kinder und Jugendliche sie brauchen. Die Erwachsenen übrigens auch.
